An einem Sonnabend Abend lehnte sie wieder, wie so oft, an der Kirchhofmauer und schaute hinüber auf die Gräber der Geschwister. Der Pastor ging in seinem Studirzimmer auf und ab, bei geöffnetem Fenster seine Predigt memorirend, denn die Stube war in der Sommerwärme diesmal schon vollständig getrocknet. Die Pastorin stand auf einer kleinen Leiter an dem Pfirsichspalier und pflückte behutsam die ersten reifen Frühpfirsiche. Der Kandidat Berger kam eben von seinem Abendspaziergang zurück. Er trug einen Strauß von Waldblumen in der Hand, blieb erst einen Augenblick bei der »Frau Tante« stehn, ging dann weiter und setzte sich nahe zu dem jungen Mädchen auf die niedrige Mauer. Er reichte ihr den Strauß hin wie immer, sie nahm ihn freundlich nickend wie immer. – Eine Weile sah sie gedankenvoll in die Blumen, dann wandte sie sich plötzlich gegen ihn und sagte mit halberstickter Stimme und schnellem Athem: »ich kann es nicht mehr aushalten hier!« – –

In sprachlosem Erstaunen starrte er sie an. Ihr Gesicht war wie mit Purpur übergossen, ihre Augen standen voll Thränen. »Ja ja, es ist so!« fuhr sie fort und trat ihm näher, »ich weiß es jetzt ganz genau und Dir kann ich's auch zuerst sagen. Ich will nach F. und Malerin werden. In vier Wochen kommt der Direktor wieder hier durch und ich – werde mit ihm gehn!« – »Aber mein Gott, welch ein Gedanke!« – »Und Du mußt mir helfen ihn auszuführen, Du mußt mir beistehen die Eltern zu bereden mich auf ein Jahr, – auf ein halbes vielleicht nur, – von sich zu lassen.« – »Ich, Elisabeth?« – »Eben Du. Warst Du nicht allezeit gut zu mir? Seit Du jene Zeichnung zerrissen habe ich das erst gewußt, aber nun vergesse ich's auch nimmermehr.« – »Aber es ist ja ganz unmöglich daß Du fortgehen kannst von hier!«

»Warum denn? Die Mutter braucht mich nicht so nöthig, sie liebt es gar nicht wenn man ihr im Hause hilft. Und der Vater – wird mit Dir fortan spazieren gehen, bis ich wiederkomme. Du wirst der Einzige sein der mehr Last und Arbeit davon haben wird daß ich gehe, denn ich werde Dir allerlei Aufträge hinterlassen. Du mußt die Vögel füttern und nach meinen Blumen sehn und jede Woche einmal meine Epheuwand abwaschen. Daß Du die Eltern aufheitern mußt, versteht sich ganz von selbst.« – »Ich soll den Eltern rathen, Dich fortzulassen?« wiederholte er noch einmal wie im Traume. »Nein, Elisabeth, das thue ich nicht – das kann ich nicht!« setzte er fast heftig hinzu und richtete sich hoch auf.

Mehr betrübt als erstaunt über seine Weigerung hatte sie langsam ihre Hände zusammengelegt und sah ihn stumm und bittend an. – Es gibt Momente, in denen uns das Bild eines Menschen, wie er eben vor uns steht, plötzlich gleichsam in's Herz gepreßt wird. Die Seele nimmt ein Photographie-Portrait auf, und dies Portrait ist unverwischbar, wir sehen fortan diese Gestalt nur so wie sie uns in jenem Augenblick erschien, und weder Trennung, noch Alter vermag einen Zug in solchem Bilde zu verändern.

Wenn der junge Kandidat von dieser Stunde an des Mädchens gedachte, so sah er sie in einem blaßrothen weiten Sommerkleide, eine Epheuranke um die Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Gürtel, das kleine seidene Tuch, das sie eben vom Halse genommen, spielend um das Handgelenk geschlungen, mit dem wunderbaren Ausdruck von Sehnsucht und Erwartung in dem blühenden Gesicht, die Augen auf ihn gerichtet, deren lange dunkle Wimpern ihrem Aufschlag einen so eigenthümlichen Zauber gaben.

Da er nicht antwortete, so fragte sie noch einmal, aber ungeduldiger: »Und warum nicht?« Da zuckte es über sein Gesicht – sein Athem stockte – die Lippen öffneten sich – –

»Herr Neffe, wollen Sie mir den Korb heraufreichen? Elisabeth, der Vater verlangt nach einer neuen Pfeife!« rief die Pastorin. – Der junge Mann fuhr auf, wandte sich mechanisch und schritt auf das Spalier zu. – Elisabeth folgte gedankenvoll.


An demselben Abend, vor Schlafengehen, fiel die Tochter der Mutter um den Hals, und bat sie ihr zu erlauben das Anerbieten des Direktors aus F. anzunehmen. »Ich möchte gar zu gern eine Malerin werden!« sagte sie aufgeregt.

Die Pastorin war hocherfreut, obgleich nicht erstaunt – sie hatte ihre Tochter seit des »Cousins« Weggang wohl beobachtet und diese Bitte erwartet. Ihre Gedanken nahmen aber sofort einen hohen Flug. Sie sah für Elisabeth eine Zeit des Glanzes voraus wie sie sie selbst kaum einst erlebt. Wie groß war F., wie lebendig und interessant mußte das Haus des Cousins sein, besonders seit er sich zum zweiten Mal verheirathet! – Wie entscheidend konnte dieser Besuch für die Zukunft Elisabeth's werden! – Von alledem sagte sie aber kein Wort, sie küßte nur ihr Kind und meinte: »ich kann mir wohl denken, wie sehr Dich's verlangen mag eine ordentliche Malerin zu werden. Deine arme Mutter könnte Dich ja doch nicht weiter bringen im Zeichnen, Du hast sie schon längst überholt, und Du kannst nun viel zu viel um es liegen zu lassen. Als meinen Vater das Unglück traf, sollte ich eben auf Porzellan malen lernen – wer weiß, zu was mir das genützt haben würde! Laß mich mit dem Vater reden – und rede Du nicht eher mit ihm über Deinen Wunsch, als bis ich Dir einen Wink gebe.« –