Wie es die Beiden in den nächsten Tagen angefangen, den Pastor zu bereden – wer konnte es sagen? – Gewiß war nur, daß genau eine Woche nach jenem Gespräch zwei Wäscherinnen und zwei Schneiderinnen im Pfarrhause beschäftigt waren, und daß wenige Tage darauf noch eine Büglerin zu Hülfe genommen werden mußte. –

Die Pastorin aber nahm eines Morgens ihre Tochter mit herauf in eine abgelegene Kammer, schloß dort eine große Truhe auf, und zog vor den staunenden Augen des Kindes allerlei Schätze an's Tageslicht. Da kam ein hellblaues Taffetkleid zum Vorschein und ein dunkelgrünes, ein weißes gesticktes Mousselinkleid mit rosenrothen Schleifen, und ein buntschillerndes Seidengewand. Auch wunderliche Echarpen und Umhängsel, die ebenso unmodern aussahen wie die Kleider, zu denen sie getragen worden waren. Elisabeth jubelte aber über Alles. Sie hätte diese Ueberbleibsel aus der so oft beseufzten und betrauerten Glanzzeit ihrer Mutter am liebsten gleich so angezogen, trotz der bauschigen Falten, puffigen Aermel und kurzen Taillen, hätte es die Pastorin gelitten.

In kurzer Zeit aber waren alle diese Kleider durch die Hände der Nadelkünstlerinnen in die prächtigsten Toiletten umgewandelt worden, so meinten wenigstens Mutter und Tochter, – und mit wahrem Stolz packte die Pastorin eigenhändig die Koffer ihres Kindes, ehe noch die bejahende Antwort des Direktors auf die feierliche Anfrage des Pastors eingelaufen war. Elisabeth stand dabei und reichte ihr jedes Stück mit kindlicher Freude hin. – Das war eine anmuthige Arbeit. Zuletzt war aber alles fertig – Schneiderinnen, Wäscherinnen und Büglerin verschwanden, und es gab endlich nichts mehr zu thun als – auf den aus dem Bade Heimkehrenden zu warten. – Seine Antwort war längst da – er beabsichtigte, im Laufe der nächsten Woche in M. einzutreffen. »Es wartet sich doch gar schwer,« meinte Elisabeth. Sie hatte nirgends mehr Rast noch Ruh, selbst nicht auf der Kirchhofmauer. – Die vierhändigen Kirchenlieder spielte sie längst nicht mehr, sie hielt keinen Takt, und der Vater wurde ungeduldig beim Zuhören, sie las auch nicht, – höchstens zeichnete sie dann und wann ein wenig. Am liebsten ließ sie sich von der Mutter von dem Leben und Treiben in F. erzählen, wie es die Pastorin, als sie noch die schöne Amgard Albert war, kennen gelernt.

Gottfried Berger ließ sich jetzt selten sehen, auch Abends zog er sich unter dem Vorwand dringender Studien in sein Zimmer zurück. Man vermißte ihn auch wenig oder gar nicht, denn Elisabeths Abreise war das fesselnde und unerschöpfliche Thema aller Gespräche. Der Pastor erinnerte sich dabei eines alten Universitätsfreundes nach dem Andern, der in F. leben mußte, und denen er sein Kind zu empfehlen gedachte. Der alte Herr hatte übrigens von jeher für das Zeichentalent seines Kindes eine Art von Bewunderung gefühlt, er war stolz auf seine Tochter, und seit jenem Besuche des Cousins war ihm selber der Gedanke gekommen, daß ja sogar die Bibel gebot: »Du sollst dein Licht leuchten lassen vor den Leuten.« Die Idee, sein Kind sei vielleicht dazu bestimmt eine große Malerin zu werden, beschäftigte ihn lebhaft, so daß er sehr bald fest überzeugt war, es bedürfe nur eines Winteraufenthalts in der Stadt, um aus ihr mindestens eine zweite Angelika Kaufmann zu machen. Er blickte so recht eigentlich in Bezug auf Elisabeth in einen »goldenen Kelch« – wie das Volk so poetisch zu sagen pflegt – und in der Tiefe dieses Kelchs lag – eine Perle, ihr Talent, zwar ein Talent, an dessen Ausbildung er auch seinen Antheil zu haben glaubte. Hatte er doch dem Kinde erlaubt alle seine Papiere vollzukritzeln, selbst die Ränder seiner Predigt-Manuscripte! Brachte er ihr doch jedes leere Blatt, das er von eingegangenen Briefen abgeschnitten, und ließ ihr endlich gar ein Zeichenbrett zimmern! –

Obgleich ihm die Trennung von Elisabeth nahe ging, so war es ihm doch äußerst angenehm, sie dann in einer so protestantischen Stadt zu wissen wie eben F. – Es war ihm lieb, sie aus der Nähe der Marien- und Heiligenbilder, der Prozessionen und Kapellen für eine Weile verbannen zu können. Das Kind stand in einem gefährlichen Alter: – eben 17 Jahre alt! »Und was sie da drüben machen sieht sich mit siebzehnjährigen Augen ganz anders an als mit siebzigjährigen!« meinte er.

Als der Direktor der Malerakademie wirklich da war und der Wagen endlich vor der Thür stand, der Elisabeth, und ihren neuen Beschützer fortbringen sollte, da wurde ihr junges Herz mit einemmale centnerschwer. – Während die Andern beim Frühstück saßen, ging sie noch einmal wie im Traume durch's Haus, vom Boden bis zum Keller, öffnete alle Thüren und schaute hinein, besonders lange aber in des Vaters Studierzimmer, allwo die blaue Rauchwolke nimmer wich, die über dem Schreibtisch hing, und wo die vielen gottesgelehrten Männer unter Glas und Rahmen so grämlich dreinschauten, als hätten sie wenig Freude gehabt im Leben. Sie ging auch in die große düstere Küche, wo die alte, sonst so rauhe und zänkische Magd hinter dem Küchenschrank in Thränen zerfloß, weil die »Mamsell Lieschen« fort wollte. Im Gange draußen begegnete ihr die große schwarze Katze, die sonst nimmermehr ihr Liebling war, heute aber lockte sie das Thier und strich ihm sogar schmeichelnd über den Rücken. Draußen auf dem Hofe warf sie dem alten Kettenhunde, der nur noch bellen, nicht mehr beißen konnte, ihr Frühbrödchen zu, trat an ihn heran, nahm seinen rauhen Kopf in ihre Hände, und drückte ihre Wange einmal gegen ihn. Dann ging sie nach der Kirchhofmauer und winkte den Gräbern der Geschwister den Abschiedsgruß zu.

Als sie auf dem Rückwege an der Laube vorüber kam, trat ihr Gottfried entgegen und sagte: »laß mich hier Dir Lebewohl sagen, Elisabeth!« Er sah sehr blaß aus, und die Hand, die er ihr gab, war eiskalt. – »Mache mir doch nicht mit Gewalt das Herz noch schwerer,« antwortete sie; »ich komme ja aus dem Abschiednehmen nicht heraus. Laß es doch in Einem hingehen, lieber Gottfried!«

Stumm ging er an ihrer Seite weiter – denn sie war nicht stehen geblieben. Mild und lieblich bat sie nach einer Weile: »sorge gut für die Eltern!« – Er gab keine Antwort, sondern fragte nur nach einer Pause gepreßt: »wirst Du oft schreiben?« – »So oft ich kann!« – »Wird auch ein Gruß in Deinen Briefen sein für mich?« – »Tausend für einen!« versicherte sie. »Aber weißt Du, ich könnte Dir wohl französisch schreiben, das wäre eine gar gute Uebung – und Du antwortetest mir dann auch so und schriebst mir was ich für Fehler gemacht. – Willst Du?« – Er nickte.

Sie waren bis an das Ende des Kiesweges gekommen. »So leb denn wohl!« brach er plötzlich hervor und die Thränen stürzten aus seinen Augen. – »Aber Gottfried! – Sei doch vernünftig!« bat sie – und seltsam – ihre weiche Stimmung verschwand plötzlich, als sie seine Thränen sah. – »Wenn Du Dich wunderst, daß ich weinen kann, so weißt Du auch nicht –« – »Was denn?« – »Wie unsagbar lieb Du mir bist!« – »Lieber guter Gottfried, ich weiß ja Alles – aber trotzdem sehe ich nicht ein warum Du weinst, wenn ich auf ein paar Monate weggehe, um etwas zu lernen was mich glücklich machen wird!« Sie hatte sehr ruhig gesprochen. – Er sah sie schmerzlich lächelnd an. »Glücklich machen wird!« wiederholte er. »Ja, so glücklich, daß Du – uns (mich hatte er sagen wollen) darüber vergißt!« – »Das thue ich nimmermehr! Da, meine Hand darauf,« sagte sie rasch und innig. »Und nun auf Wiedersehen im nächsten Frühling.«

Sie pflückte eine volle Rose von dem Bäumchen, an dem sie eben standen, und gab sie ihm. Aber als er die Blume ergriff und an sich zog, fielen die rothen Blätter auf den Boden. – Elisabeth sah es nicht mehr – sie hatte sich abgewandt und ging – sich ohne noch einmal umzuschauen, dem Hause zu.