Als aber eine Stunde später das junge Mädchen den Abschiedskuß und die Segensworte des Vaters empfing, weinte sie. – »Geh fleißig in unsere Kirche und berichte mir ausführlich über die Predigten meiner Collegen,« sagte der Pastor noch zum Schluß. »Geh nur fremdem Gottesdienst aus dem Wege, wenn Dir an meinem Segen noch etwas gelegen, – und meide sogar den Umgang mit Andersgläubigen. Enthalte Dich aller religiösen Gespräche und verschließe Deine Ohren vor den Worten der Spötter.« – »Vater, so hübsch wie Heute ist mir unser Pfarrhaus noch nie vorgekommen!« sagte sie als er sie an den Wagen führte. – »So ist's recht!« antwortete er leise. »Du sollst es auch lieb haben! Komm Du nur bald und gern wieder. – Es ist ja Deine eigentliche Heimath, denn so der Herr will, sollst Du Dein Lebenlang hier bleiben, aber nicht etwa als altes Jüngferlein, sondern als junge hübsche Pastorsfrau! – Der Gottfried würde dermaleinst ein prächtiger Ehemann werden! Nur gar zu gut, fürchte ich, für Dich, kleiner Trotzkopf!« – Sie sah ihn überrascht an und blieb einen Augenblick stehen. Die Farbe wich von ihren Wangen. Dann aber lachte sie, wie ein junges Mädchen lacht das man eben geneckt, und meinte: »ja, der wäre wahrlich zu gut!«

Die Mutter, die mit dem Cousin vorausgegangen und bis jetzt sehr gefaßt gewesen, zerfloß nun doch in Thränen und ließ ihr Kind sehr schwer aus den Armen. Aber mitten im Schluchzen, als der Wagen schon sich in Bewegung setzen wollte, rief sie ihr noch zu: »merke es Dir, Elisabeth, das Blaue nur für Abendgesellschaften, das Grüne kannst Du aber jeden Sonntag anziehen! – Die gelbe Echarpe –!« Die Pferde zogen an – ein Winken herüber und hinüber – und Alles war vorbei.

Eine Weile nachher hatte Elisabeth schon die Heimath im Rücken und lachte recht herzlich über die lustigen Geschichten, die der »Herr Onkel,« denn so nannte sie ihn jetzt, ihr von seinen ersten Portraitversuchen erzählte. Zur selbigen Zeit ging der Pastor, von einer seltsamen Unruhe befallen, in seinem Studierzimmer auf und ab, und ließ ein über das andere mal seine Pfeife ausgehn – und in dem kleinen Schlafstübchen saß die Mutter auf dem verlassenen Lager der Tochter und weinte sich satt. – Aber draußen in der Fliederlaube saß Einer – der keine Thränen mehr hatte in seinem Leid.


Der Sommer und Herbst waren vorüber, am ersten November empfing Frau von Plessow wieder, und die Empfangsabende in ihrem Hause waren eben so besucht als amüsant, wie besonders die junge Welt behauptete. – Die verschiedensten Stände fanden dort ihre Vertreter, und wenn auch die Zahl der jungen Mädchen, denen man erlaubte in diesem Salon erschienen, nur klein war, so traf man desto mehr hübsche Frauen dort, mit denen sich's ja ohnehin nach der Ansicht der jungen Elegants, ungleich »bequemer« verkehrt.

Die hübsche Enfilade von fünf Zimmern war glänzend erleuchtet, die Einrichtung zeigte Comfort und feinen Kunstgeschmack. – Große Tische mit prächtigen Mappen und Büchern, davor bequeme Fauteuils und kleine Ottomanen, im Mittelsalon ein aufgeschlagener Flügel, halbversteckte Büffets mit Erfrischungen, und einer leise auftretenden Bedienung, – nirgends betäubend duftende Blumen, überall verschleierte Kugellampen, deren Licht für den Teint so vorteilhaft, überall Winkel zum Plaudern, und in keiner Ecke jene lästigen Nippes, die nur aufgestellt sind um angestoßen zu werden.

Die Räume waren schon ziemlich gefüllt von jungen und alten Künstlern, einigen wenigen Uniformen und ungewöhnlich vielen Frauen in glänzenden Toiletten.

Zu einer heitern Gruppe in der Nähe einer sehr schönen, kleinen Copie der Diana aus dem Louvre, in Marmor ausgeführt, die künstlerisch zwischen dunklem Grün aufgestellt war, trat jetzt der Hausherr. »Ich habe Dir einen angenehmen Gast anzukündigen, liebe Amélie,« sagte er zu einer zarten Frau in blaßblauen Tafft und langen blonden Locken, offenbar eine der elegantesten Erscheinungen im Salon; »Paul Albano ist von Griechenland zurückgekehrt, seit vorgestern, und wird sich selbst und einige seiner Skizzen diesen Abend wieder hier einführen.« – »Albano zurück?« rief Frau von Plessow ungewöhnlich lebhaft, und ihre aristokratisch bleiche Wangen überflog ein verrätherisches Roth. »Ich glaubte er würde den Winter über in Athen bleiben!« – »Wer weiß, welcher Magnet ihn zurückzog,« antwortete Plessow gleichgültig. »Er hat freilich zu Vielen den Hof gemacht, als daß man an eine »Einzige« glauben könnte der solche Macht über den Schmetterling verliehen.«

»Deßhalb also der ungewöhnlich reiche Damenflor!« flüsterte ein bekannter sarkastischer Portraitmaler dem Hausherrn ins Ohr. »Die Kunde seiner Rückkehr hatte sich im Fluge heut in dem guten F. verbreitet. – Welche Macht ist nun ausgerückt den gefährlichen Feind zu bekämpfen.« – »Oder sich besiegen zu lassen!« lachte Plessow. »Seine Skizzen sind mir aber viel werth,« setzte er laut hinzu; »geistvoll und glühend ist alles was aus seinem Pinsel fließt. – Nicht so Amélie?« – Frau von Plessow, anscheinend sehr vertieft in ein Gespräch mit ihrer Nachbarin, der alten Gräfin Darschau, über die Eleganz der Hofmäntel, antwortete nachlässig: »meinst Du die Skizzenblätter Albano's, cher ami? Sie sind allerdings hübsch, aber zu unruhig und phanthastisch für meinen Geschmack. Wie könnten sie auch anders sein da der, der sie schafft –« – »Du hast nun einmal ein kleines Vorurtheil gegen ihn,« unterbrach Plessow die Rede seiner Frau, die in demselben Augenblick in vollendeter Haltung einigen ankommenden Gästen entgegen ging.

Man ging und stand umher, man empfing und theilte Huldigungen aus wie immer. – Die Frau vom Hause war sehr umringt – aber man wollte bemerken daß sie zerstreut war, und mehr als einmal sah man, daß ihre Augen sich auf die Thür richteten mit dem Ausdruck einer gewissen Unruhe. – Auch weigerte sie sich heut ihre graziösen Mazurka's und Notturno's zu spielen, mit denen sie sonst zu brilliren liebte.