»Da ist Albano,« sagte plötzlich ein junger Mann in ihrer Nähe und trat zur Seite. Wieder flog jenes feine Roth über Frau von Plessow's Wangen, – einen Augenblick nachher begrüßte sie aber mit vollkommener Ruhe einen jungen Mann, der rasch durch den Salon geschritten war und ihr jetzt gegenüber stand. – Es war in der That der bekannte und vielgesprochene Landschaftsmaler, dessen Talent selbst in den allerhöchsten Kreisen die schmeichelhafteste Aufnahme gefunden, dessen reizende Skizzenblätter zu kennen zum guten Ton gehörte. Er hatte ein halbes Jahr in Griechenland verträumt, und war so plötzlich zurückgekehrt wie er aufgebrochen. Die Frauen beteten ihn an, nicht obgleich, sondern grade weil er sie unbarmherzig behandelte. Ihn wirklich zu fesseln war noch Keiner gelungen, – an Versuchen dazu ließen es wenige fehlen.

Kurz vor seiner Abreise bezeichnete das Gerücht Frau von Plessow selbst als den ausschließlichen Gegenstand seiner flüchtigen Huldigungen. Seine Flucht gab aber damals kaum mehr Stoff zur Unterhaltung als eben jetzt seine unerwartete Rückkehr. – Unbarmherzige Augen waren von allen Seiten auf die Wirthin gerichtet, feine Ohren lauschten auf jedes ihrer Worte. Frau von Plessow war aber Weltdame genug um das zu wissen. – Vollkommen unbefangen rief sie dem Ankommenden scherzend entgegen: »willkommen im Winterquartier! Nicht wahr, unsere Kamine haben auch ihren Reiz?« – »Sagen Sie lieber, unsere Oefen, gnädige Frau!« antwortete er eben so und küßte ihre Hand. An dem Blick der über ihr Gesicht glitt, an dem conventionellen Lächeln das sie ihm zurückgab, konnte Niemand etwas aussetzen. Auch der übliche Handkuß konnte nicht flüchtiger ausgeführt werden. – »Weßhalb schon zurück, Unstäter?« fragte hinzutretend Plessow, dem Maler die Hand schüttelnd.

»Ich fror!« lautete die einfache Antwort. – Man lachte – eine halbe Stunde verging mit verschiedenen Begrüßungen, – endlich sah man, wie der junge Mann sich an der Seite der Frau vom Hause niederließ. Die Comtesse Feldern, die sich nur zögernd hinweg begab um, wie sie boshaft gegen einen Freund bemerkte, »das Pärchen nicht zu stören,« wollte gehört haben, daß Albano ein »Endlich!« geseufzt. – In Wahrheit sagte er aber in demselben Augenblick, in elegantem Französisch: »nun erzählen Sie mir, angebetete Freundin, wie man hier gelebt hat.«

Ehe sie zu antworten vermochte, kam ein junges Mädchen in einem etwas engen, etwas verblichenen, etwas unmodernen blauen Seidenkleide hastig zu ihr und fragte, nach flüchtiger Verbeugung vor dem Fremden, sichtlich freudig erregt: »liebe Frau Tante, erlauben Sie, daß heute getanzt wird? Herr von Winter will Tänze spielen, wir sind sechs Paare.« – Sie sah so ernsthaft bittend Frau von Plessow an, als hinge Leben und Seligkeit von ihrer Gewährung ab. – Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die schöne Frau: »mais mon Dieu – tanzt so viel ihr wollt! Nur erhitzen Sie sich nicht noch mehr – das echauffement ist für Sie nicht vortheilhaft.« – Aber das junge Mädchen war schon verschwunden, ehe sie die zweite Hälfte des Satzes völlig beendet, und mit einem Spottlächeln wandte sich Frau von Plessow wieder zu ihrem Nachbar. – Der aber war aufgestanden und folgte verwundert mit den Augen jener jugendlichen Erscheinung. Dann neigte er sich zu seiner Dame und fragte lebhaft: »Wer war denn dies wunderlich angezogene, reizende Mädchen das Sie »Tante« zu nennen das Glück hat? Sie erzählten mir nie zuvor von dem Dasein einer Nichte.«

»Ich würde auch in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund von Uneleganz als zu mir gehörig präsentiren zu müssen. Die Kleine gehört zur Verwandtschaft meines Mannes. Sie heißt Elisabeth Müller und ist ein Gänseblümchen vom Lande, abgepflückt aus dem Garten einer schlichten Pfarre durch Plessow's Hand. – Er wird sich freuen, daß Sie seinen Geschmack theilen. Die Kleine soll Malerin werden. Sie ist übrigens, glaube ich, ein gutes Kind. Seit September oder Ende August ist sie hier. – Wünschen Sie noch weitere Details?« – Sie sah ihn spottend an und lachte. Sie wußte, daß sie doppelt reizend war wenn sie lachte. – Albano setzte sich wieder.

»Erlauben Sie mir diese »Details,« für jetzt wenigstens, ausreichend zu nennen. – Wie schön kleidet Sie dies schelmische Lachen! – Das Lachen einer Frau ist doch tausendmal bestrickender als ihre Thränen. Ich möchte Sie nie weinen sehen, gnädige Frau!« – »Eine kluge Frau gönnt Euch wahrhaftig solchen Triumph auch nicht so leicht. Denn ein Triumph ist es ja nun doch einmal für einen Mann eine Frau zu Thränen zu bringen! Eine kluge Frau weint daher im Stillen.« – »Vielleicht nur weil sie weiß daß wir es ihren Augen dennoch später ansehen, und daß wir »Augen, die sich im Weinen übten,« um so heftiger lieben. Nur die Thränen selbst zu sehen lieben wir nicht – das wirkliche Weinen macht häßlich!« – »Mich dünkt, niemand verdiene weniger daß eine Frau um seinetwillen häßlich werde, als eben Paul Albano.« – »Sie mögen Recht haben. Ich verlange es aber auch von Keiner – und doch müßte es schön sein wenn eine Frau –.« – »Bitte, nur keine Ihrer alten Paradoxen! Ich vergesse sonst daß Sie sechs Monate fern waren, und also als ein eben Zurückgekehrter noch einigen Anspruch auf Nachsicht haben.« – »Sechs Monate, 15 Tage, 13 Stunden, gnädige Frau – ich rechne besser! – Aber – sagen Sie mir doch, wie lange soll denn jene Kleine in dem seltsamen Kleide bei Ihnen bleiben?« – »So lange wahrscheinlich, bis sie ein wenig pinseln gelernt. Mag sie – mich genirt sie nicht – sie hat ihre eignen kleinen Zimmer und erscheint, außer zum Diner und Souper, nur wenn ich sie rufen lasse.«

Eben trat Plessow heran. »Wollen Sie ein allerliebstes Genrebild sehen, Albano?« fragte er. »Werfen Sie einen Blick in den Tanzsaal dort. Es ist eine wahre Herzenserquickung Elisabeth tanzen zu sehen. Könnte ich ihr diese Freude am Leben doch erhalten!« Albano erhob sich sofort und bot der Frau vom Hause den Arm um sie in den Salon zuführen, wo die jungen Leute tanzten. Aber sie lehnte kühl ab, und trat rasch zu einer Gruppe von Damen, die sich um ein Album gesammelt hatten.

»Mein Gott wie schön ist dies Mädchen!« murmelte Albano, die Tanzende mit glühenden Blicken verfolgend, »wahrhaft leuchtend schön in ihrer Freude!« – »Und wie lieblich sind diese ungeschulten Bewegungen!« fügte Plessow hinzu.

Eben stand sie unfern von ihnen still. Sie bemerkte ihren »Herrn Onkel« und in überwallender Lebhaftigkeit ihm die Hand hinreichend, sagte sie so recht aus tiefster Seele: »ach ich bin so vergnügt! Wie schön ist's doch zu tanzen! Ich hätte es nimmer gedacht!« Aus dem Ton der Stimme klang der innere Jubel durch, ihre wunderschönen Augen, mit den Wimpern einer Murillo'schen Madonna, strahlten vor Glück, ihr reizender Mund lachte, und ihre junge Gestalt erschien wie getragen von Lust und Freude. – Albano beneidete plötzlich ihren Tänzer, er, der seit Jahren schon den Blasirten gespielt auf allen Bällen. Er bat Herrn von Plessow ihn seiner Nichte vorzustellen. – »Hatte das meine Frau nicht schon gethan?« fragte der verwundert indem er ihn zu Elisabeth führte. »Herr Albano kann jetzt Deinen Onkel ein wenig ablösen bei Dir, liebes Kind, und Dein Zeichnen und Malen überwachen. Er ist unser erster Landschaftszeichner. Du mußt ihn aber recht freundlich bitten daß er Dir helfe, er ist gewohnt gebeten zu werden,« setzte er scherzend hinzu.

Ein Schatten von Ernst flog plötzlich über die Stirn des jungen Mädchens. »Dazu hätte ich nicht den Muth, Herr Onkel,« antwortete sie. »Sie wissen, wie verzagt ich geworden bin mit meinem Zeichnen! Ich habe nie geträumt daß man soviel dabei zu lernen hätte. – Ach, ich kann ja noch gar nichts, und niemand wird so viel Geduld haben mit mir als Sie!« – »Sie erlauben, daß wir darüber zu einer andern Zeit ausführlicher reden,« sagte Albano verbindlich. »Morgen z. B., wenn ich meine Mappe bringe. Jetzt aber möchte ich Sie nur bitten den nächsten Tanz mit mir zu tanzen.« – »O! ich bin schon für den ganzen Abend versagt!« entgegnete sie plötzlich wieder in heller Freude aufleuchtend, mit einem triumphirenden allerliebsten Lächeln.