»Nun, dann muß ich eine Extratour haben!« bat er, sich zuerst vor ihr, dann vor ihrem Tänzer verneigend. Ueber und über erglühend nahm sie seine Hand. Wie lange hatte er nicht getanzt. In diesem Augenblicke dachte er daran, aber er empfand zugleich ein süßes Behagen, eine Wiederkehr längst entschwundener jugendlicher Lebenslust, als er seinen Arm um ihre schlanke Taille legte und ihre kleine, rasch pulsirende, Hand in der seinen fühlte. Wie leicht flog sich's mit diesem Kinde! Wie flüchtig berührt ein siebzehnjähriger Fuß den Boden! – Wie anmuthig waren die Bewegungen seiner jungen Tänzerin die noch nie den glatten Boden eines Tanzsaals betreten, ja die noch kein französischer Tanzmeister geschult!

Albano hatte früher für einen der besten Tänzer gegolten, er mühte sich in diesem Augenblick diesen Ruhm aufzufrischen, und als er seine Tänzerin an ihren Platz zurückgeführt, begriff er nicht warum er dem angenehmen Reiz des Tanzes so lange entsagt. »Sie tanzen gut!« sagte sie und sah mit ihrem Kinderlächeln dankend zu ihm auf. – Dies naive Lob entzückte ihn so daß er den Rest des Abends im Tanzsaal verbrachte, abwechselnd zuschauend oder mit Elisabeth plaudernd. Als die jungen Leute endlich aufhörten zu tanzen, und die jungen Damen sich um Elisabeth drängten – sie war ja die Nichte des Hauses wo man sich so gut amüsirte, und viel zu unelegant um ihnen zu schaden – da verschwand Albano.

»Modernisiren Sie doch Ihre artige Verwandte ein wenig, Liebe!« sagte die Gräfin Darschau bittersüß scherzend, als eben Albano zu Frau von Plessow herantrat um sich zu verabschieden. »Geben Sie ihr ein wenig Unterricht in jener Kunst, in der Sie unser aller Meisterin sind, – die böse Welt könnte sonst auf den Gedanken gerathen Sie fürchteten eine Nebenbuhlerin!« – »Unsere Darschau hat Recht!« setzte die überschlanke Comtesse Feldern hinzu. »Etwas mehr Stoff für das Kind, liebe Plessow – – mein Gott, das blaue Taffetfähnchen ist ja kaum vier Ellen weit!« – »Und dennoch ist Fräulein Elisabeth ganz unbeschreiblich reizend!« Mit diesen neckisch hingeworfenen Worten, und einer tiefen Verbeugung vor der Dame des Hauses, entfernte sich Albano.

Elisabeth konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen vor lauter Freude. Zwar hatte die »Frau Tante« sie ungewöhnlich unfreundlich entlassen zur guten Nacht, und sie ein tolles Landmädchen gescholten, – es war aber doch schön hier. – Sie hätte nie gedacht, daß solche »soiréen« so angenehm wären. Köstlich lebte sich's in diesen schimmernden Räumen, unter diesen liebenswürdigen Menschen, die ja alle ein Lächeln für sie hatten. An all dieser Freundlichkeit hatte gewiß auch das schöne hellblaue Taffetkleid der guten Mutter seinen Theil – wie hübsch sah es doch aus am Abend! – Sie sah sich noch einmal aufmerksam im Spiegel an. »Wenn die Mutter mich gesehen hätte!« seufzte sie. »Die beiden Fräulein Warburg fanden es freilich nicht genug ausgeschnitten, sie meinten, die Schultern dürften nie bedeckt sein, das mache eine schlechte Figur. Und Alle trugen ein Blumenbouquet vor der Brust, das möchte ich wohl auch künftig tragen. Aber es könnte Flecken geben auf der schönen Seide. Wie habe ich das Kleid lieb – wie köstlich tanzte sich's in dem Kleide, aber am Besten doch mit – – mit wie hieß er doch?«

Seinen Namen hatte sie vergessen, aber seine Augen nicht. Schönere hatte sie nie gesehen! – Und sie träumte von diesen Augen und der Tanzmusik und dem blauen Kleide die ganze Nacht.


Am nächsten Tage, – Elisabeth saß in ihrem Stübchen und arbeitete an den Zeichenvorlagen die ihr Herr von Plessow gegeben, – rief man sie hinab in das Boudoir der »gnädigen Frau.« – Albano war da mit seinen neuen Skizzen. Das junge Mädchen begrüßte ihn erröthend und nahm an dem Tische Platz, worauf man die kostbaren Blätter gelegt. – Frau von Plessow, im Sammetsessel lehnend, in ihrem dunkelblauen Atlaskleide und coquettem Häubchen, wandte sich nur wenig nach ihr um und sagte vornehm nachlässig, indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte: »Berühren Sie diese Blätter nicht, Elisabeth – Sie verstehen nicht mit dergleichen Dingen umzugehen!«

Eine Purpurgluth überströmte das junge Gesicht. Albano, der in diesem Augenblick zu ihr herübersah, begriff nicht wie er sie gestern so bezaubernd gefunden. Wie übermäßig frisch sah sie aus, und wie unmodern war sie angezogen! – Dies abscheulich grüne Wollkleid mit dem schwarzen Moireegürtel, und diese dichten weißen Aermel mit den unächten Spitzen an dem Handgelenk! Und dazu eine stehende kleine Halskrause von einem dunkellila Bande zusammengehalten! – Quel horreur! – Wie konnten nur die Hände so ausgezeichnet hübsch aussehen, die aus solchen Aermeln hervorsahen? – Er wunderte sich aber auch als er das offenbar gekränkte Mädchen jetzt so freundlich sagen hörte: »Sie irren, Frau Tante! Der Vater hat eine große Kupferstichsammlung, und ich weiß gar wohl, wie behutsam man dergleichen berühren muß!«

Albano reichte ihr ein Blatt hin und sagte: »ich bin nicht so ängstlich mit meinen kleinen Skizzen, mein Fräulein.« – Sie lächelte wieder und sah plötzlich in diesem Lächeln so hübsch aus, wie man in einem »abscheulichen grünen Wollkleide« nur aussehen kann. – Allein sie blieb still, während die Andern sehr viel und lebhaft von »Tönen – Tinten – Lichteffekten und Uebergängen« redeten, aber ihre ganze Seele war in ihren Augen, indem sie diese reizenden Farbenskizzen anblickte. – Als man das letzte Blatt in die Mappe gelegt, saß sie seinen Augenblick wie in tiefe Gedanken verloren, dann schlug sie plötzlich die Hände vor's Gesicht und Thränen drangen zwischen ihren Fingern hervor, während die junge Brust sich von unterdrücktem Schluchzen hob.

»Was soll diese Kinderei?« fragte unwillig Frau von Plessow, während ihr Mann einige mitleidige Worte an die Weinende richtete. – »Ach!« sagte Elisabeth nach einer Pause mit der Stimme eines tieftrauernden Kindes dem man sein liebstes Spielzeug zertreten, »als ich diese Bilder sah, da wurde es mir erst klar, daß ich – doch nie eine rechte und ordentliche Malerin werden kann!« – »Liebe Kleine,« lachte die schöne Frau, »das hätte ich Ihnen schon früher sagen können. Eine Malerin wird nicht aus einer Jeden die ein bischen zeichnen kann, – und wenn auch vielleicht eine Malerin, doch sicher noch keine Künstlerin.« – »Die Tante scherzt,« sagte Herr von Plessow sehr mild; »Du zeichnest ganz artig und machst tüchtige Fortschritte. Mit den Farben hast Du es ja noch gar nicht versucht. Die Meister fallen nicht mehr vom Himmel, sie müssen sehr langsam zu Meistern werden.« – »Darf ich Herrn Albano bitten daß er einmal meine Skizzenbücher und Zeichnungen durchsieht?« fragte Elisabeth plötzlich sich aufrichtend. »Er soll mir sagen, ob ich – noch länger hier bleiben oder – nach Hause gehen soll. Ich weiß, er wird aufrichtig sein!« – »Hier meine Hand darauf!« antwortete Albano rasch, den diese Scene seltsam berührt hatte. »Lassen Sie mich Ihre Zeichnungen sehn und vertrauen Sie mir!« – Das junge Mädchen verließ das Zimmer. »Er wird aufrichtig sein?! – Pauvre enfant!« flüsterte Frau von Plessow mit einem Seitenblick auf den Maler. –