Es war ein ziemlich dickes Buch und mehrere einzelne Blätter, das Elisabeth brachte. Ehe jedoch Albano einen Blick darauf warf, sagte er: »Aber ich gebe mein unumwundenes Urtheil nur unter einer Bedingung, mein Fräulein. Sie dürfen mir nämlich durchaus nicht böse werden, wenn es nicht nach Ihren Wünschen ausfällt.« – Sie schüttelte, blässer werdend, den Kopf und verließ dann mit ihren Blicken sein Gesicht nicht mehr. – Während er langsam Blatt für Blatt umschlug, wechselte sie oft die Farbe und athmete schnell.
Endlich klappte der Maler das Buch zu und sagte lächelnd: »wenn Sie mir versprechen wollen, eine gehorsame Schülerin zu sein – so möchte ich wohl Herrn von Plessow um die Erlaubniß bitten, ihn einigemal in der Woche bei seinem Unterricht unterstützen zu dürfen. Ich weiß, wie beschränkt seine Zeit ist!« – Elisabeth unterdrückte einen Freudenschrei – aber sie ließ ihre seligen Augen leuchten. »Erlauben Sie es auch, lieber Herr Onkel?« fragte sie dann, und als Herr von Plessow lachend sagte: »ich muß mich sogar bei ihm bedanken für solch großmüthiges Anerbieten!« – da neigte sie mit dem Ausdruck reizendster Demuth ihre Lippen auf die Hand der »gnädigen Frau« und bat: »nicht wahr, auch Sie werden es erlauben?«
»Wie wunderbar hübsch sie jetzt ist!« dachte Albano, während Frau von Plessow kalt ihre Hand zurückzog und in gezwungen scherzhaftem Tone sagte: »Meine Erlaubniß ist überflüssig – ich selbst möchte vielmehr um Erlaubniß bitten, in diesen Unterrichtsstunden als Zuschauerin figuriren zu dürfen, ma chère. Wer weiß, vielleicht nehme ich selbst noch den Pinsel in die Hand und wetteifere mit Ihnen!« – Die Sache war abgemacht. – Man betrachtete noch einmal die Skizze mit der Akropolis, plauderte, kritisirte – Albano erzählte – der kleine Zwischenfall schien vergessen.
»Der Gottfried hat wieder einen Brief mitgebracht von Elisabeth!« rief die Pastorin durch die halbgeöffnete Thür in ihres Mannes Studierstube. – »Endlich! Sie ließ diesmal lange warten!« – »Nun wir haben heut den 12. März und der letzte Brief war vom 1. Februar. Du vergißt immer, wie viel die Kleine mit ihrem Zeichnen zu thun hat.« – »Gieb nur schnell das Schreiben her.« – »Die Aufschrift ist an mich, Väterchen. Ich muß zuerst lesen. Komm Du lieber in die Wohnstube hinunter, da will ich Euch vorlesen. Hier treibt mir der Tabaksqualm ohnehin das Wasser in die Augen. Und der Gottfried möchte doch auch gern zuhören.« – »Gut, so laß uns gehn.«
Während er aber langsam hinter der Voraneilenden die knarrende Treppe hinabstieg, murmelte er doch ärgerlich: »daß sie diese Tabaksempfindelei nicht ablegen kann! Qualm! Als ob je aus einer einzelnen Pfeife ein Qualm aufsteigen könnte!« –
Der Pastor und dessen junger Substitut mußten sich jedoch noch lange gedulden und schritten, in zwar sehr einsilbigen, aber doch kirchlichen Gesprächen auf und nieder. Die Mutter mußte ja erst den Brief allein lesen, ganz allein, dann wurde ein Weilchen geweint, nachher kamen verschiedene Ausrufe und endlich las sie dann, oft unterbrochen von eigenen und fremden Bemerkungen, folgenden Brief:
»Geliebte Mutter! – Böse mußt Du mir nicht sein, und auch der Vater darf's nicht, daß ich so lange nicht geschrieben – ich hab's selber bis zu dieser Stunde nicht gewußt daß es so viele Tage her war. Es fiel mir nur auf, daß Frau von Plessow mich heute fragte, ob ich nicht daran denken wolle meine Kleider und Hüte für das Frühjahr zurecht machen zu lassen. Da erfuhr ich denn erst, welches Datum wir schreiben. In der Stadt merkt man ja den Frühling nicht, wie Ihr ihn merkt da draußen. Am 12. ist ja Gottfrieds Geburtstag – wenn ich Zeit habe, schreibe ich ihm eine französische Gratulation unter den Brief.
»Recht viel habe ich zu thun, liebe Mutter, und doch, wenn ich am Abend zu Bette gehe, bin ich oft recht traurig, denn es kommt mir dann vor, als ob ich nichts gethan. Eine ganze große Mappe voll Zeichnungen habe ich, die ich Euch einst mitbringen werde, aber es stehen nicht wie sonst Bäume, Felsstücke, Wasserfälle, sondern Arme, Beine, Füße und Köpfe darauf. Albano behauptet ich hätte mehr Talent zum Porträt als zur Landschaft. Ich habe nämlich seinen Kopf aus dem Gedächtniß nachgezeichnet, und den fand er in meiner Mappe. Selbst Frau von Plessow fand ihn ähnlich und hat ihn in ihr Album gelegt. Er ist aber auch so leicht zu treffen, die Linien sind alle so schön und regelmäßig. Ich freue mich eigentlich, daß ich Porträtirtalent haben soll, es ist so hübsch ein liebes Gesicht so festzuhalten. Euch Alle will ich zeichnen, Dich, liebe Mutter, in der Blondenhaube mit den breiten Bandschleifen, die Du immer des Sonntags trägst, den Vater im Sammetkäppchen und mit der Pfeife, und den Gottfried? – Ja, wie zeichne ich den gleich? – Am besten wohl über ein Buch geneigt, die Augen tief niedergeschlagen, wie ich ihn immer Abends beim Vorlesen sah. – Auch Brigitte wird gezeichnet im Sonntagsputz, die Katze auf dem Schooße.
»Du fragst gewiß, wann das geschehen wird, Mütterchen. Freilich noch nicht so bald als wir dachten, aber doch, so Gott will, bestimmt im nächsten Herbst. Wer hätte geglaubt, daß so sehr viel zu lernen sei! – Zu den Farben bin ich noch gar nicht gekommen! – Ich begreife nicht, daß Albano nicht die Geduld mit mir verliert. Aber er ist eben so unendlich gut – ich könnte mir keinen bessern Lehrer wünschen. – Im Sommer wollen mich Plessow's mit auf ihr Gut nehmen, da will ich aber doch ganz heimlich wieder Baumschlag und Landschaft studieren. Ein kleines Atelier soll ich dort haben, und mich malen zu lehren, hat mir der Onkel versprochen. Das sind wunderschöne Aussichten. Und Stoff zu Porträts werde ich genug finden, denn es soll immer sehr viel Besuch dort sein. – Obgleich man sagt, daß man mit dem Porträtiren sich viel Geld verdienen könne, so möchte ich doch lieber – arm bleiben, wenn ich dafür nur einen kleinen Theil so warm, so leicht, so lebendig skizziren könnte wie Albano. Ach! wenn ich Euch einmal ein Stückchen Landschaft von ihm zeigen könnte!