»Ein recht unruhig Leben haben wir hier – ich möchte manchmal davonlaufen vor all den Besuchenden. Sitze ich in meinem Stübchen, so schickt Frau von Plessow wohl zehnmal im Vormittag herauf, bald soll ich eine neue Mantille, die mir der Herr Onkel gekauft, anprobiren, bald mir vom Schneider Maß nehmen lassen zu einem neuen Kleide, das mir Frau von Plessow schenkt, bald muß ich mit ihr in die Läden fahren, bald mich einigen Fremden vorstellen lassen. Deine lieben Kleider, gute Mutter, und die langen Shawls habe ich aber nicht etwa aufgetragen, behüte mich der Himmel, ich soll sie nur jetzt eine Weile liegen lassen, Frau von Plessow hat einen so wunderlichen Geschmack.
»Um sie nicht böse zu machen, ziehe ich die Sachen an, die sie mir giebt, aber will ich mich einmal recht nach meinem Sinne putzen und vergnügt sein, so schließe ich meine Thür zu und ziehe eines der Kleider an die Du mir gegeben. Besonders lieb habe ich das blaßblaue Seidenkleid – ich trug es ja an meinem ersten Tanzabend! – Weißt Du, wann ich nur ganz allein bin, liebe Mutter? – Nach Tische, von 3–4, zuweilen sogar bis 5. Dann aber fahren wir aus, und Abends besucht Frau von Plessow Gesellschaften oder das Theater, und ich spiele mit dem Herr Onkel und zwei seiner alten Schwestern Whist, oder wir bleiben ganz einsam und spielen Schach.
Auf einen Ball wollten mich Plessow's zuweilen mitnehmen, aber ich habe ja dem guten Vater versprochen niemals in öffentlichen Sälen zu tanzen, und werde mein Versprechen auch gewissenhaft halten. Aber schön mag's dort sein, Albano erzählt mir oft davon, und wenn Frau von Plessow so strahlend hervorschaute aus einer Wolke von leichten und glänzenden Stoffen, Blumen und Perlen, da – nun, Dir darf ich's ja leise in's Ohr sagen, Mütterchen, da wurde ich so traurig, wie wohl Aschenbrödel gewesen sein mag, wenn sie ihre Stiefschwestern zum Balle schmückte. Wenn dann der Wagen fortgefahren war und ich so allein saß – lauschte ich doch heimlich, ob nicht aus irgend einem Winkel eine gute Fee hervortreten würde, ein Gewand von Silberstoff für mich in der Hand tragend. – Im Theater sehe ich immer nur, wie ich's ja gleichfalls dem Vater versprochen, lauter ernste Stücke. Wie im Traume bin ich wenn der Vorhang aufgegangen, und es ist mir, als lebte ich wirklich mit denen, die da auf- und niedergehen vor mir, und hätte auch ein Wörtchen darein zu reden. Wenn Albano in der Plessow'schen Loge nicht immer hinter mir säße und mich mit ruhigen Worten und Erklärungen zur rechten Zeit aufweckte, wer weiß welchen Unsinn ich begehen würde. – Nur das Weinen kann ich nicht unterdrücken; neulich in der Maria Stuart stürzten mir die Thränen unaufhaltsam aus den Augen. Es war mir, als fühlte ich mein Herz in Stücke brechen, wie sie von dem treulosen Leicester scheidet. Sie hat ihn nämlich noch lieb, Mutter, Du kannst mir's glauben, ich fühlte das. Ich war nur froh, daß sie bald ausgelitten hatte, – der Gang zum Tode kann ihr nicht schwer geworden sein – das Leben wäre ja doch viel schwerer gewesen. – Warum hat uns Gottfried niemals Maria Stuart vorgelesen?
»Liebe, liebe Mutter, schreibe mir nur bald und erzähle mir recht von Euch. Knurrt der alte Caro noch immer so, wenn Gottfried vorübergeht? –
»Wie mir's nur sein wird, wenn ich wieder einmal in der Laube sitze oder an der Mauer lehne, wo ich auf den Kirchhof sah! – Nun, zu Deinem Geburtstag im Oktober bin ich wieder bei Euch. Liebe Mutter, ich kann dem Gottfried nicht mehr besonders gratuliren, thu Du's recht von Herzen für mich. Albano wird gleich hier sein, und ich muß hinuntergehen um Papier und Stifte zurecht zu legen. Lebe wohl, Du Liebe, Gute! Ich denke oft daran, wie einsam es Dir sein mag in unserm stillen Dorfe, da Du ja auch weißt wie bunt und schön sich's in der Stadt lebt. –
»Wie viel werde ich Euch zu erzählen haben, wenn ich heimkehre! Der Gottfried braucht dann nicht vorzulesen, den ganzen Winter lang nicht. – Ich grüße Euch alle und umarme Dich und den Vater in Gedanken viel hundert tausendmal. – Elisabeth.
»Nachschrift. – Ich gehe auch alle Sonntage in die Kirche, aber der alte Konsistorialrath hat keine Zähne mehr, und da können nur die ihn verstehn, die dicht unter der Kanzel, oder ihr gerade gegenüber sitzen. Sie haben hier auch auf allen Bänken Schilder mit Namen, wie bei uns, auch klappert der Küster gerade so hart mit dem Klingelbeutel wie in unserer Kirche. Aber viele geputzte Damen gehen hin, und die Herren stehen in den Gängen umher und gucken sich keck frei die verschiedenen Gesichter an. – Ich bin recht traurig immer auf dem Heimwege, daß ich nie dort von Herzen andächtig sein kann. Wenn mir der Vater nur nicht böse wird deßhalb!« –
Mit strahlenden Augen reichte die Mutter den Brief dem Vater hin. »Sie ist da wie Kind im Hause,« sagte sie freudig, »sie hat ein gutes Leben dort!« – »Und wird als tüchtige Malerin zurückkommen,« meinte der Pastor, nahm die Brille aus dem Futteral und setzte sich behaglich an das Fenster, um die Epistel noch einmal zu lesen. »Ich wundere mich nur,« murmelte er zwischen dem Lesen, »daß sie gar nichts von meinen alten Universitätsfreunden schreibt, für die sie doch dicke Briefe mitgenommen – von dem muntern Fritsche, ehemaligem Calculator, und vom dicken Senf, der uns immer Predigten hielt und nun Nachmittags-Prediger an der F. Frauenkirche ist, so viel ich weiß.«
»Elisabeth lebt in einem gar vornehmen Hause,« fiel hier Gottfried Berger ein, und seine sonst so sanfte Stimme klang so bitter und verändert, daß beide Eltern aufsahen. Er stand abgewendet von ihnen an dem Fenster und trommelte leise an die Scheiben. – »Sie haben ganz recht! Ich glaube nicht, daß eine Frau wie die Plessow, mit Calculatoren und Nachmittags-Predigern verkehrt!« sagte die Pastorin kühl. – »Nun, ein Nachmittags-Prediger ist doch immer ein Prediger, und wer steht denn höher in der menschlichen Gesellschaft als ein geweihter Diener des Herrn?« rief der Pastor, sich hoch aufrichtend mit allem Stolz jenes souveränen Herrschers, dem die Macht gegeben »zu binden und zu lösen.« – »Wer höher steht?« wiederholte der junge Kandidat und wandte langsam sein bleiches Gesicht dem Fragenden zu. »Hier in M. freilich niemand, lieber Onkel; in großen Städten aber gilt jeder Pinsel mehr heut zu Tage.« –
»Herr Kandidat – die Kinder mit dem Geburtstagsstrauß sind draußen!« meldete Brigitte. »Sie haben aber gewaltig schmutzige Klumpen (Holzschuhe) an; in die Wohnstube kann ich sie nicht lassen, die ist gestern erst gewaschen.« – »Sie mögen in meine Stube kommen!« antwortete Gottfried und verließ das Zimmer.