Draußen begrüßte ihn eine kleine Schaar mit Händedrücken und frohem Gemurmel. Das größte Mädchen trug einen Strauß von Tannenreisern und Märzveilchen in der Hand. Er nickte ihnen freundlich zu und schloß seine Stube auf. Nach kurzem Kampf mit Brigitten, die ihnen gewaltsam die beschmutzte Fußbekleidung abnahm, drängte sich die kleine Schaar in Strümpfen nach. – Der junge Mann hörte geduldig allerlei stockende Glückwünsche an, versprach den Ueberbringern für nächsten Sonntag einen Kuchen, und die Kinder gingen vergnügt wieder weg.
Da saß er nun allein, – den Strauß von Tannenzweigen in den Händen, in tiefe Gedanken versunken. Der starke Duft des winterlichen Grüns durchzog die kleine Stube. Das Feuer im Ofen warf seinen flackernden Schein auf den Fußboden, der mit weißem Sand, von Brigittens kunstfertiger Hand in allerlei Schlangenwindungen, bestreut war, Regentropfen schlugen an die Scheiben, Frühlingswinde fuhren draußen durch die kahlen Bäume – er hörte es nicht. – Seine geistigen Augen sahen eben jetzt einen hellen Sommertag – die Rosen blühten und die Linde – ein warmer Abendschein lag auf dem stillen Garten. Er sah sich auf dem Rande jener Mauer, welche die Gräber abgrenzte von den Blumenbeeten, und – den breiten Kiesweg hinab kam eine schöne junge Gestalt in einem blaßrothen leichten Kleide, eine Epheuranke um die schweren braunen Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Gürtel.
»Zum Nachtessen, Herr Kandidat!« rief die harte Stimme Brigittens ins Stübchen. – Hatte er denn so lange geträumt? –
Jedes Geschöpf hienieden hat seinen Sonnentag – jedes Menschenherz seinen Frühling. Aber wie ein nordischer Frühling verschieden ist von dem Lenz des Südens, so sind auch die Frühlinge der Herzen verschieden. Wie viele liegen im Norden – in wie wenigen glüht die Wärme des Südens! – Wohl aber, – tausendmal wohl jenen Wenigen! Für sie ist aller Blüthenreichthum da, aller Glanz, alles Licht, wie in jenen gesegneten Ländern des ewig blauen Himmels, und vernichten auch furchtbare Erdstöße oft mit einem Schlage die ganze Herrlichkeit – ist es nicht besser, neidenswerther, einen Tag lang überreich gewesen zu sein – als sich mondenlang zu begnügen mit einer Handvoll kargen Grüns, blasser Blumen, spärlicher Sonnenstrahlen? –
Ueber Elisabeths Herz hing der Himmel des Südens – es war, als sei sie beschenkt worden mit all jener Wärme, die sowohl der Natur des Vaters, wie dem Wesen der Mutter fehlte – und in diesem jungen Herzen blühte eben der erste köstliche Frühling. – Es war Sonnenschein da und Blumenpracht und Lerchenjubel und Nachtigallenklage: – ein junges Herz liebte mit aller Kraft, aller Gläubigkeit und aller Sorglosigkeit einer ersten Liebe. –
Seit drei Monden waren sie alle auf dem reizenden Plessow'schen Gute, zwei Stunden von der Stadt gelegen, – seit drei Monaten fand das junge Mädchen einen Tag schöner als den andern, seit drei Monaten lebte sie mit Albano unter einem Dache und sah ihn täglich. – Sie war freilich niemals allein mit ihm, – er redete kaum zehn Worte mit ihr, und sie sah ihm auch oft mit stiller Trauer nach, wenn er an der Seite der Frau vom Hause seine regelmäßigen Spazierritte unternahm. Denn wie vortheilhaft erschien die zierliche Gestalt der eleganten Reiterin, wie keck saß der braune Hut mit Feder und Schleier auf den blonden Locken, und wie schön war Albano zu Pferde! – Recht lange währten diese Ausflüge, meinte Elisabeth, und so gut sie dem »Herrn Onkel« war, der dann immer mit ihr spazieren ging, oder auf der Terrasse saß und ihre Zeichnungen korrigirte, so hätte sie es – sie wußte nicht recht warum – doch lieber gehabt, wenn er sie ganz allein gelassen. – O, sie war so gern allein! – Es ließ sich so köstlich – an ihn denken. –
Ob er sie wieder liebte, daran dachte sie lange nicht; sie hatte genug an ihre eigene Liebe zu denken. Später – es war an einem schönen Sommerabend, viele Fremde waren da, und sie hatte viel hin und wider zu gehn und für Jeden zu sorgen – da hatte er ihr wohl klar gezeigt, daß auch er sie liebe. – Man war nämlich ein wenig in den nahen Wald gegangen – Frau von Plessow am Arm des schönen Grafen Reinberg voraus, hinter ihnen verschiedene Paare, der »Herr Onkel« war mit einigen gichtischen alten Herren zurückgeblieben. Wer war da plötzlich an die einsam nachschlendernde Elisabeth herangetreten? Wer hatte ihr da einen Waldblumenstrauß gepflückt und Grashalmenkränze im Weiterwandeln für sie gebunden? Und als sie auch ihm einmal die Halme zum Kranz gehalten und ihm gesagt, daß er sich nun etwas Ernstes, Großes wünschen könne, da hatte er leise geantwortet: »ich wünsche mir nur Eines für mein Leben – wollen Sie's wissen, Elisabeth?« – Aber von einer süßen Angst ergriffen, hatte sie da den Kopf schütteln und dann langsam die Augen zu ihm aufschlagen müssen. – Da war sie denn seinen Augen begegnet, die ihre Seele an sich gezogen mit unwiderstehlicher Gewalt – und es war über sie gekommen wie Seligkeit und Entsetzen zugleich, und sie hätte in den Wald hineinlaufen mögen, so weit als ihre Füße sie getragen. – Und doch war sie nicht entflohen, sie hatte vielmehr ihren Arm in den seinen gelegt, und so waren sie neben einander schweigend hergegangen, bis sie die Gesellschaft erreicht.
Das war Alles gewesen – aber dieser Waldgang erschien in ihren schönsten Träumen – an dieser Erinnerung hing sie mit Seele und Gedanken. – In dieser zauberschönen Zeit bemerkte sie nicht, daß Frau von Plessow immer kälter und härter gegen sie wurde, – sie lebte eben in einer andern Atmosphäre. Keiner Wolke aus der Alltagswelt gelang es, ihren Himmel zu trüben. – Nie war sie lieblicher gewesen, nie heiterer, nie hatte sie von allen, die das Plessow'sche Haus besuchten, größere Aufmerksamkeit erfahren. Wäre sie kein armes Predigerstöchterlein gewesen – viele hätten ihr zu Füßen gelegen, viele hätten um ihre Gunst geworben, viele hätten es für ein Glück gehalten, eine so reizende junge Braut zu erringen! – So aber – unsere Geschichte spielt in der Neuzeit, – war »die Kleine« vor allen Dingen nicht reich, zweitens hatte sie einen abscheulich plebejischen Namen, drittens sprach sie nicht Englisch, und viertens war sie durchaus nicht musikalisch. – Sie war also, nach Ansicht der heirathsfähigen Männer, eine Null im Plessow'schen Salon, freilich hübsch genug »pour passer le temps mit der Kleinen.« –
Während dessen träumte aber im stillen Pfarrhaus von M. eine Mutter wunderbare Träume vom einem vierspännigen Wagen mit gräflichem Wappen am Schlage – von einer strahlenden Braut im weißen Spitzenkleide, die in der Dorfkirche getraut wurde, um gleich darauf mit ihrem jungen Ehegemahl eine Reise nach Italien anzutreten, von Koffern, Hutschachteln, Kisten u. s. w.