Albano war sehr gewissenhaft in seinen Unterrichtsstunden, alles Neue reizte ihn. Regelmäßig jeden Vormittag verbrachte er bei den beiden Frauen, mit der Einen plaudernd – die Andere unterweisend. – Elisabeth war eine talentvolle Schülerin und unermüdlich fleißig. Die Welt der Farben, in die sie jetzt die Hand des Geliebten einführte, entzückte sie. Es war ihr, als schmölzen sie alle zusammen zu einem prächtigen Farbenbogen, einem strahlenden Bande, dazu bestimmt ihre Herzen fester aneinander zu ziehen. – Ueber das erste, nach der Natur gemalte Bouquet jubelte sie, um in der nächsten Stunde traurig die unerreichbare Wärme, den unnachahmlichen Schmelz der wirklichen Blumen mit ihren gemalten zu vergleichen. – Und dennoch sagte ihr Albano: »Sie könnten eine der ersten Blumenmalerinnen werden – aber dann müßten Sie auch einen andern bessern Lehrer haben, ich verstehe nichts davon. Wenn wir wieder in die Stadt kommen, muß S. Ihnen Unterricht geben.« – Sie hörte schweigend zu; aber seit jenem Tage wurde sie lässiger im Malen der Blumen und fing, zu seiner Ueberraschung, an sich in Aquarell-Landschaften zu versuchen. Auch hierin zeigte sie Talent, auch hierin machte sie Fortschritte – Albano war ja ihr Lehrer.

Einmal hörte sie von ihm den Ausspruch: »Frauen sollten nur Blumen malen lernen, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen, sie würden sicher sein uns auf diesem Felde allezeit zu besiegen. – Eine Frau, die historische Bilder und Landschaften schaffen will, erreicht im besten Falle nur dasselbe, was eine Frau erreicht, die – einen Roman schreibt. – Wir Männer bilden uns nämlich doch immer ein es tausendmal besser zu verstehn als sie. Und nicht ganz mit Unrecht! – Ein ächter Mann wird übrigens in unserer Zeit ebenso selten Blumenmaler, wie eine kräftige Feder sich herabläßt Lilien- und Rosenmärchen zu schreiben.« –

Zwei Tage nachher brachte sie ihrem Lehrmeister eine wilde Rose in Wasserfarben, halb vom Stengel gebrochen, einen Thautropfen auf den Blättern, mit einer so reizenden Grazie und Wärme gemalt, daß er sie bat, ihm das Blatt zu schenken. – Wie stolz und freudeglühend sah sie zu, als er es in seine Mappe legte! –

Die erste Liebe eines reinen jungen Mädchenherzens ist doch das unschuldigste, lieblichste, traurigste Ding der Welt, – ein Strahl, der dem Gegenstand den er trifft, erst Farben, Glanz und Wärme verleiht. – Und wie der Sonnenstrahl zerfallenes Gemäuer, zerbröckelte Felsen, die alltäglichsten und ärmlichsten Dinge rosig verklärt, – so die erste Mädchenliebe die unbedeutendsten Gestalten. – Ein ächtes Mädchenherz liebt es eben zu malen und zu schmücken, und je mehr graue Flächen vorliegen, desto freudiger geht es an die Arbeit und malt und malt, bis die wirkliche Erscheinung jenem reizenden Fantasiebilde, wie es jede junge Seele mit sich herumträgt, täuschend ähnlich sieht. – Nur Schwärmer reden von einem unwiderstehlichen Zuge der Seele zur Seele in solcher Zeit. – Hand auf's Herz – die feurigsten reinsten Mädchenherzen lieben fast immer zuerst um Nichts. –

In einem flüchtigen Beobachter wäre wohl kaum noch ein Zweifel aufgestiegen daß Elisabeth und Albano sich liebten. Das junge Mädchen verrieth sich zwar nur durch ihr strahlendes Erröthen, durch ihr freudiges Aufleuchten, wenn er sich zu ihr wandte, durch ihre Begeisterung, wenn von seinen Bildern gesprochen wurde; Albano dagegen zeigte bei jeder Gelegenheit die lebhafteste Theilnahme an ihrem Sein und Wesen, und seine wirklich schönen dunklen Augen hingen an der jungen Gestalt mit sichtlichem Entzücken.

Frau von Plessow selbst war es, die ihren Mann zuerst scherzend aufmerksam machte auf die Vorliebe des Malers für die »kleine Feldblume.« Plessow zuckte nur die Achseln und antwortete: »eine Laune – wie wir sie von ihm gewohnt sind! Elisabeth wird aber vernünftig genug sein, das herauszufühlen. Um ihren verlorenen Frieden wäre es schade. Ich werde auf sie achten!« –

Die Plessow'sche Ehe galt schon mehrere Jahre lang für ein Musterverhältniß in den höheren Kreisen F.s. Der stattliche Fünfziger hatte nach zwölfjährigem Witwerstande seinen Namen und sein Vermögen der armen, aber reizenden Adele Felsen zu Füßen gelegt. Sie brachte ihm zwar kein freies, aber ein dankbares Herz zu – er hatte sie ja aus einer drückenden Lage im Hause hochmüthiger Verwandten erlöst, und eine Jugendliebe zu einem armen Offizier war ohnehin hoffnungslos. – Fast zehn Jahre lang stand sie als anmuthige Wirthin und liebenswürdige Frau dem Hause ihres Mannes vor, der sie schmückte und werth hielt wie ein Lieblingsspielzeug. Er versagte ihr keinen Wunsch, aber sie war auch so artig, nur die billigsten Wünsche zu äußern – die unbilligern höchstens errathen zu lassen. – Die Gesellschaft hatte bis vor einem Jahre über Frau von Plessow nicht mehr zu flüstern gewagt, als sie eben über jede hübsche Frau, die einen ältern Mann geheirathet, zu flüstern gewohnt ist. – Da erschien Albano, der junge elegante Maler, im Plessow'schen Hause – die Scenerie veränderte sich – die Beleuchtung wechselte. – Die Männer spöttelten, die Frauen munkelten, verdammten, kreuzigten – aber nicht, weil hier eine Frau heilige Pflichten zu verletzen schien – sondern nur – weil der schönste Mann F.s den kunstreichsten Netzen sich entzogen hatte, um in den Locken der »kleinen koketten Plessow« hängen zu bleiben! –

Eines Tages – der Herbst kam heran, man redete schon davon in die Stadt zurückzukehren – unternahmen Plessow's mit einigen ihrer Gäste einen Ausflug nach einer, wenige Stunden vom Gute entfernten Ruine. – Mehrere Damen, unter ihnen Elisabeth, fuhren, – Frau von Plessow und die Männer ritten. Wieder war Albano an ihrer Seite – wieder wehte die braune Feder und der lange Schleier, und stolz lächelnd, mit flüchtigem Kopfnicken und fliegenden Locken, sprengte die graziöse Frau vorüber. – Ein Seufzer flog ihr nach – ein schöner Mädchenkopf unter einem runden Hute neigte sich weit über den Wagenschlag, um ihr nachzusehen. – Als der Wagen aber nach kurzer Fahrt vor dem Wirthshause hielt, trat Albano an den Schlag – und einen Augenblick lang nur zitterte Elisabeths Hand in der des Geliebten – und fühlte einen kurzen heißen Druck, – aber solche Augenblicke werden zu seligen Jahren in der Erinnerung, Dank dem Gotte der uns die Erinnerung gönnte! – Nachdem man eine Erfrischung genommen, bestieg man die romantische Burg, Elisabeth am Arme ihres »Herrn Onkels« war die Letzte im Zuge. – »Erspare mir die steile Bergtreppe, mein Kind,« sagte Herr von Plessow plötzlich, »im Burggarten ist die Aussicht ebenso schön – komm, ich will Dir's beweisen, auch möchte ich gern mit Dir ein Wort allein reden.«

Sie sah ihn ahnungsvoll an und ließ sich schweigend von ihm führen. – Der Burggarten war groß, romantisch verwildert, und voll poetischer Plätzchen, die einen Blick in das weite Land gestatteten. An Grotten, verfallenen Bassins und eingestürzten Brücken fehlte es nicht, Herr von Plessow zog es aber vor sich auf eine neugezimmerte Bank zu setzen, die der Wirth der naheliegenden Waldschenke für die Besucher der Ruine an einer der lieblichsten Stellen hatte aufführen lassen.

Als Elisabeth neben ihm Platz genommen, sagte er ohne alle Einleitung: »ich habe heute einen Brief von Deinem Vater erhalten. Die Eltern wünschen, daß Du vor dem Winter nach Hause kommst, – die Mutter wird Dir wohl selbst in diesen Tagen schreiben. Der junge Berger will fort. Er hat sich zu einer Pfarrstelle in S. gemeldet und wird bald dort eine Probepredigt halten.« – »Gottfried will den Vater verlassen?« rief Elisabeth und schlug staunend die Hände zusammen. – »Ueberrascht Dich das so sehr?« – »Wie sollte es nicht, Herr Onkel! Und Unrecht ist es auch vom Gottfried!« – »Warum?« – »Nun, er hat mir ja versprochen die Eltern nicht zu verlassen, bis ich heimkomme.« – »Hast Du ihm denn alle Deine Versprechungen so gewissenhaft gehalten, daß Du ihn so streng richtest?« – »Ich habe dem Gottfried im Leben noch nichts versprochen als das Eine: bald möglichst nach M. zu kommen. Sie wissen ja selbst, Herr Onkel, daß ich das nicht halten konnte.«