»Aber – Elisabeth, sieh mich nicht so erschreckt an! – der Vater schreibt ganz so als ob ihr Beiden euch näher anginget, der junge Berger und Du – als ob –« – »Gottfried und ich? Gewiß gehen wir uns nahe an – wir haben uns lieb wie Bruder und Schwester.« – »Nein, Elisabeth – so ist's nicht! Und wenn Du's nicht weißt oder nicht wissen willst, so laß mich Dir's nur rund heraussagen: – Dein Vater will, daß Du den Gottfried heirathest, und der Gottfried will Dich auch zur Frau, – aber jetzt denkt er daß ein Anderer Dich ihm streitig gemacht hat, und da will er denn, nach Art unglücklicher Liebhaber, allsogleich auf und davon gehen.« –
Todtenblaß schaute das Mädchen dem Sprechenden ins Gesicht und ihre Hand zitterte, als sie nach einer Weile die Hand Plessows berührte und mit veränderter Stimme bemerkte: »Herr Onkel, das kann der Vater nicht wollen!« – »Lies den Brief selber, mein Kind! Der Vater ist plötzlich ängstlich geworden um Dich und verlangt Dich heim. – Und wenn Du meinen Rath hören willst, mein Kind – Du weißt, ich habe Dich lieb, sehr lieb sogar – so geh! – Geh, Elisabeth, so lange es noch Zeit ist.« –
Er verstummte, denn Stimmen wurden laut und Fußtritte, die Gesellschaft überraschte die Zurückgebliebenen. Elisabeth steckte den Brief wie im Traume zu sich – sie schrack zusammen, als neben ihr Albano's Stimme leise, halb scherzend, sagte: »jetzt weiche ich nicht mehr von Ihrer Seite!«
Man streifte durch den Garten. Ein breiter Fahrweg durchschnitt unbarmherzig die schönsten Taxuswände, Fuhrleute und arme Wanderer zogen darüber hin, unbekümmert um die gestürzten steinernen Helden und Göttergestalten, die hart an der Straße, überwuchert von Gras und Kräutern, lagen. – Herbstblätter bedeckten den Weg, den jetzt die elegante Gesellschaft betrat. – Der Himmel hing blau über ihnen, die Sonne schien warm, und fröhliches Lachen klang durch die heitere Luft. Die geschmückten Frauen, leicht über den rauhen Pfad hinschreitend, erschienen so glücklich und anmuthig, die Männer so liebenswürdig – die Unterhaltung war so lebhaft und glänzend, der landschaftliche Hintergrund so reich – es war ein lebendiges Wouvermann'sches Bild in moderner Tracht.
Elisabeth erschien ungewöhnlich lebhaft, sie plauderte hastig mit ihrem Begleiter, aber ihre Wangen glühten, ihre Augen schimmerten feucht. In all dieses Schwirren fröhlicher Menschenstimmen klang jetzt plötzlich ein fremder trauriger Ton – das Glöcklein des Monstranzdieners. – Aus dem Walde hervor schritt ein ehrwürdiger Priester, gefolgt von dem Meßner, der die letzte heilige Labung einem Sterbenden entgegen trug – Alle traten zur Seite – der einzige Katholik unter ihnen – Paul Albano – beugte das Knie. – Aber – war es eine weiße Wolke die neben ihm zur Erde sank in demselben Augenblick? – Er hob die Augen – dicht an seiner Seite kniete Elisabeth am Rande der Straße, die Hände gefaltet – das holdselige Gesicht überströmt von einem verklärenden Schimmer von Andacht und – Liebe. –
Warum sie niedergesunken – sie wußte es nicht; sie betete, weil sie eben ihren Geliebten beten sah; sie warf sich mit ihm, neben ihm in den Staub vor dem Gotte der ihr reines Herz – ihre Liebe kannte; sie hatte in diesem einen überwältigenden Moment alles vergessen, nur das Eine nicht: daß sie neben ihm, mit ihm auf den Knien lag. – Der Priester lächelte gütig, machte das Zeichen des Kreuzes über diese beiden jungen Häupter – und wandelte weiter. – Das Glöcklein verhallte, die ganze Scene ging vorüber wie ein Schattenspiel. –
Elisabeth kam erst wieder zu sich bei dem Klange einer scharfen Frauenstimme, die folgende Worte sagte: »seit wann kniet die Tochter eines protestantischen Geistlichen vor einem katholischen Kaplan? Sie spielen ja recht artig Komödie, Fräulein Müller!« – Frau von Plessow war es, die spöttisch lachend neben Elisabeth stand.
Das junge Mädchen erhob sich. Verwirrt blickte sie umher; sie begegnete überall neugierigen Augen; man flüsterte mit einander – man flüsterte über sie! – Jetzt erst besann sie sich was sie gethan; aber ihre plötzliche Verwirrung, ihr Erröthen und Erblassen galt nicht jener Gesellschaft, der sie unbewußt »eine artige Vorstellung« gegeben – Elisabeth dachte einzig und allein in diesem Moment an ihren Vater. – Was würde er empfunden haben, hätte er sein Kind so gesehen! – Sie fühlte ihr Herz heftig schlagen – sie fühlte, wie eine namenlose Angst herankroch: – sie rang nach Athem. »Komm, mein Kind,« sagte jetzt die gedämpfte Stimme Plessow's. »Es ist besser, wir fahren nach Hause – Du und ich. – Meinst Du nicht auch Elisabeth?« – »Ja, ja, nach Hause!« wiederholte sie und athmete auf. – Noch einmal wandte sie im Fortgehen den Kopf zurück – Albano stand neben Frau von Plessow, – seine Augen trafen die ihren mit einem tiefen dunklen Blick.
Als sie im Wagen neben ihrem stummen Begleiter saß, wandte sie sich plötzlich gegen ihn und sagte: »ich will aber wirklich nach Hause, Herr Onkel!« – »Du thust wohl daran, mein Kind!« lautete die Antwort. – »Morgen früh will ich fort! Ich muß dem Vater alles sagen!« – »Wußtest Du nicht, daß Albano ein Katholik sei?« – »Nein! Ich sah nur daß er betete und – ich betete mit ihm.« –
»Aber Elisabeth, glaubst Du, der Vater, Dein Vater, würde zugeben, daß Du, sein einziges Kind, eines Katholiken Weib würdest?«