Sie sah ihn erblassend an – ein Ausdruck von so unendlicher Angst breitete sich über das Gesicht, daß Plessow mitleidig seinen Arm um sie schlug und sehr weich sagte: »sei nur ruhig, Elisabeth, ich schreibe selbst an Deinen Vater – es wird schon alles gut werden. Albano hat doch sicher längst mit Dir geredet?« – »Er hat mir nie gesagt daß er mich zu seiner Frau begehre,« antwortete sie, und ihr Auge strahlte wieder, »aber ich weiß ja – daß er mich lieb hat, denn –« – »Was denn?« – »Denn – ich liebe ihn ja so über alle Maßen!« Sie war in diesem Augenblicke wunderschön in ihrer einfachen starken Zuversicht. – »Armes Kind!« murmelte Plessow. –
Sie sprachen nun Beide kein Wort weiter miteinander auf der Rückfahrt, und als sie aus dem Wagen gestiegen, ging Elisabeth sogleich in ihr Zimmer hinauf. – Herr von Plessow hielt sie nur noch einmal zurück, um ihr zu sagen: »Morgen Mittag, sobald ich aus der Stadt komme, sprechen wir weiter mit einander. Bringe Deine Sachen nur einstweilen in Ordnung, vielleicht begleite ich Dich selber nach M. – Mit der Post kannst Du nicht reisen, die fährt des Nachts um zwei Uhr hier vorbei.« –
Die übrige Gesellschaft kam erst mit Dunkelwerden zurück – Elisabeth ließ sich zum Souper entschuldigen, und bald nach neun Uhr zogen sich die verschiedenen Gäste in ihre Gemächer zurück. –
Es war fast zehn Uhr als Elisabeth, inmitten ihrer fast krankhaften Geschäftigkeit, sich plötzlich erinnerte, ihr Skizzenbuch im Salon vergessen zu haben. Es mußte auf dem Klavier liegen, Albano hatte diesen Morgen noch darin geblättert. – Sie nahm ein Licht und ging geräuschlos die teppichbelegten Treppenstufen hinunter. Im Vorzimmer war es leer, die Thür des Salons nur angelehnt, – es war noch Licht da, auch in dem Boudoir der Frau vom Hause, das dicht daran stieß. Das junge Mädchen fand die Mappe und wollte eben wieder den Rückweg antreten, als eine tiefe, ach nur zu sehr geliebte Männerstimme gedämpft, von dem Nebenzimmer her, an ihr Ohr schlug. Sie hörte Albano reden und stand still, keine Macht der Welt hätte sie jetzt dazu gebracht von dieser Stelle zu weichen. Starr, ein schönes Steinbild, das Buch an die Brust gedrückt, den kleinen silbernen Leuchter mit der brennenden Kerze in der Hand, stand sie und lauschte: – er redete ja! – Bleicher als das weiße Kleid, das sie trug, wurden ihre Wangen, ungestüm schlug ihr Herz – aber sie wankte nicht – es war ja seine Stimme! –
»Aber ich will sie nicht länger dulden in meinem Hause – sie ist eine gemeine Kokette!« sagte die bebende Stimme der Frau von Plessow. – »Erlauben Sie mir zu bemerken daß meiner Ansicht nach Elisabeth sich grade in dieser Hinsicht bis jetzt wunderbar ungelehrig gezeigt hat!« – »Wie? Sie wagen es mir gegenüber dies Mädchen in Schutz zu nehmen?« – »Sie bedarf meines Schutzes nicht, meine Gnädige. Wer so rein und blumenhaft wie dieses junge Wesen –.« »Ich verbitte mir alle sentimentalen Phrasen! Sie langweilen mich!« – »Aber um Gotteswillen Ruhe, Adele! Sie sind ja außer sich – Sie sind – – verblendet!« – »O! Sie meinen ich sei eifersüchtig? Lassen Sie mich lachen! Und recht von Herzen! – Nein, Paul, solche Nebenbuhlerin fürchte ich noch nicht!« – »Aber Sie dürften sie vielleicht zu fürchten haben, wenn Sie – Elisabeth beleidigten, wenn Sie das Mädchen zwängen Ihr Haus zu verlassen!« – »Auf diese Drohung hin wage ich es, mein Herr! – Oder hätten Sie vielleicht Lust die kleine Pastorstochter zu heirathen? Eilen Sie – Papa und Mama in M. werden Sie mit offnen Armen aufnehmen. Ein Schwiegersohn ist allzeit willkommen. Gehen Sie – versäumen Sie keine Zeit mein Herr – wer möchte Sie halten?« – »Und wenn ich nun diese Erlaubniß benutzte?« – Ein halb unterdrückter Schrei – der Name »Paul!«, ausgestoßen in Verzweiflung und Zorn, drang in Elisabeths Ohr.
Das junge Mädchen glitt hinweg, geräuschlos wie sie gekommen. –
Als die Postkutsche in der zweiten Morgenstunde langsam heranrollte, stand eine verhüllte Frauengestalt, ein kleines Bündel in der Hand, am Wege, hart am Thore des Plessow'schen Gartens. – »Nach M.« sagte eine schüchterne Stimme. – Der Wagen war leer. – Die Dame stieg ein, die Pferde trabten weiter, und das Geräusch der Räder verlor sich allmählich in der tiefen Stille der Nacht. – –
Elisabeths kleine Dienerin brachte am frühen Morgen dem Herrn des Hauses folgenden Brief:
»Lieber Herr Onkel! – Zürnen Sie mir nicht, daß ich eher abgereist bin als ich wollte. Ich mußte fort, ich würde gestorben sein wenn der Postwagen nicht gekommen wäre. O wäre ich nur schon zu Haus! – Fragen Sie mich aber nie, weßhalb ich so schnell fortlief, schreiben Sie mir auch nie, auch nicht dem Vater – schicken Sie mir nur meine Staffelei und mein Malergeräth. – Ich will wieder fleißig sein, recht fleißig, damit ich es auch verdiene, daß Sie mich lieb haben. – Dank für Ihre Güte – Dank für alles – Gott segne Sie! – Elisabeth.«