Wie still waren die langen Herbstabende in dem Pfarrhause! – Die Schwarzwälder Uhr in der Wohnstube tickte einförmig, der Pastor saß rauchend und sinnend in einem Sessel, die Pastorin strickend auf dem harten Sopha, Gottfried Berger auf einem Strohsessel ihr gegenüber. Zwar lagen zwei Bände »Lebensbeschreibungen berühmter Deutschen« auf dem Tische, zwar fing der Kandidat regelmäßig nach dem Nachtessen an darin zu lesen – er wurde aber sicher, noch ehe er zwei Seiten vollendet, von irgend einem Etwas unterbrochen. Entweder fiel nämlich die Nadel der Frau Pastorin unter den Tisch, und er bückte sich sie aufzuheben, oder die Pfeife des Pastors erlosch, und der Lesende war es der es zuerst bemerkte und einen Fidibus anzündete, und bei solchen Gelegenheiten war man ehe man sich dessen versah, in das allgemeine Lieblingsgespräch vertieft, das sich immer und immer wiederholte und dessen doch niemand müde wurde: man redete über Elisabeth. – Ihre Briefe wurden aus dem Strickkörbchen, wo sie jederzeit lagen, hervorgeholt, und wieder und wieder durchgegangen und hin und her besprochen.

Wochen waren vergangen, seit der letzte Brief ins Pfarrhaus geflogen. Und diese Zeilen waren so jubelvoll gewesen, und doch so kurz, daß der Vater über das theure Porto schalt. Nachher meinte er aber doch das Blättchen habe ihm Freude gebracht, obgleich im Grunde nichts darin gestanden, es sei ihm gewesen, als ob Elisabeth in alter Weise ihm heimlich einen Blumenstrauß ins Studierzimmer gestellt. – Der Mutter Herz hatte im Stillen gejubelt und in ihr Abendgebet jenen Mann eingeschlossen, dessen Namen ihr Kind nicht in diesem letzten Zettelchen genannt. – »Sie wird die Frau eines berühmten Künstlers, der Himmel hat meine Pläne gesegnet. Gott behüte das Plessow'sche Haus.«

An demselben Abend hatte sie eine lange Unterredung mit ihrem Gatten, und als sie sein Studierzimmer verließ, nahm sie die Genugthuung mit hinweg, daß der Pastor, anscheinend wenigstens, von einer seiner Lieblingsideen völlig zurückgekommen sei. Er hatte nämlich am Schlusse jenes wichtigen Gespräches geäußert: »es sei ihm jetzt ganz lieb und recht, daß der Gottfried die Pfarrstelle in S. erhalten und in einem Monat dahin abgehe.« – Seitdem war aber eine Pause eingetreten, die allmählich anfing auf alle zu drücken: – Elisabeth schrieb nicht.

Es war am Abend vor Gottfried Bergers Abgang nach S. – draußen pfiff ein schneidender Herbstwind, der Himmel zeigte sich grau verhangen, die welken Blätter retteten sich in wilder Flucht von den Bäumen, als fürchteten sie noch einen schlimmern Feind als – den Tod. Drinnen in der Wohnstube hatte man schon längst die grüne Schirmlampe angesteckt, auch brannte ein kleines Feuer im Ofen, – die Drei saßen wie immer um den runden Tisch.

»Ob die Postkutsche schon durchgekommen sein mag?« fragte die Pastorin eben. – »Sie wird in zehn Minuten hier sein,« antwortete Berger mit melancholischer Stimme, »ich will hinunter gehn zum Postverwalter, vielleicht ist heute ein Brief da.« – Und er rückte seinen Stuhl, wie jeden Abend, und stand auf um seinen Hut zu nehmen. Da klinkte es an der Hausthür – da kamen Schritte – da klopfte es wie im Fluge an die Stubenthür – eine hohe Mädchengestalt im verhüllenden Mantel und Hute trat ein, ehe Jemand »herein« gerufen, – eine sanfte Stimme sagte: »Vater! Mutter! Gottfried!« – Herr Gott des Himmels – es war das Kind, – es war Elisabeth!

Als Vater und Mutter sie umfaßt hielten, da begriffen Beide nicht daß sie dies Kind so lange entbehren konnten. – Aber als die Mutter ihr den Mantel und den Hut abnahm und der Vater den Schirm von der Lampe abhob, damit der volle Lichtschein das geliebte junge Angesicht treffe, da war es ihnen, als sei das nicht mehr jenes Mädchen, das damals von ihnen gegangen. – Größer war sie geworden, doch blaß – recht sehr blaß – und ihr Lachen war nicht mehr so fröhlich – ihre Stimme klang anders.

»Und Du kommst allein, – und so überraschend, – warum schriebst Du nicht vorher?« fragte die Mutter und küßte sie wieder und wieder. – »Der Gottfried wollte ja fort, und da mußte ich wohl kommen,« antwortete sie scherzend, aber die Augen standen ihr voll Thränen. – »Er geht auch morgen nach S. zur Probepredigt für nächsten Sonntag,« sagte der Vater. Sie sah ihn erstaunt an. »Also wirklich? Auch nicht noch einen Tag sollen wir mehr mit einander plaudern, Gottfried?« – »Willst Du es – so kann ich noch einen Tag bleiben.« – »Ich bitte Dich darum!«

Die Pastorin konnte es diesen Abend kaum erwarten ihr sichtlich ermüdetes Kind in die Schlafkammer zu führen, – sicherlich hatte Elisabeth eine Last froher Mittheilungen auf dem Herzen. Sie sah ja ganz aus wie eine heimliche Braut – so ernst, so gedankenvoll, sie wechselte die Farbe so jählings! –

Endlich waren die Stunden des Hin- und Herfragens, und das Nachtessen, vorüber, – Brigitte hatte in der Freude ihres Herzens den Eierkuchen verbrannt – und Mutter und Tochter waren allein im stillen Kämmerlein. – Die Pastorin stellte den Leuchter auf den Tisch, und nestelte wie sonst ihrem Kinde das Kleid los. Aber Elisabeth sprach und fragte nur gleichgültige Dinge, wenngleich sie sich's gefallen ließ daß die Mutter, wie vormals, sie auskleidete, ihr das Haar einflocht und das Nachtkleid überwarf. – »Dein Haar ist viel schöner geworden, sieh, ich bringe die Flechten kaum unter das Häubchen!« sagte die Pastorin mit mütterlichem Stolz. »Und wie viel hübscher verstehst Du Dich zu kleiden! Du hast auch gewiß allerlei Schönes mitgebracht. Plessow's waren ja so gut gegen Dich. Wann kommen Deine Sachen?«

Als ihr Kind den Kopf auf die Kissen gelegt, setzte sich die Mutter auf den Rand des Bettes, und herab sich beugend zu der lang entbehrten jungen Gestalt, flüsterte sie bewegt: »hat meine Tochter auch ihr altes schönes Vertrauen zur Mutter wieder mitgebracht?« – Da schlang Elisabeth ihre beiden Arme um den Nacken der Mutter und brach in ein heißes Weinen aus. Lange lange kam kein Wort über ihre Lippen, das Schluchzen sänftigte sich nur allgemach, und als die Thränen endlich milder flossen, konnte sie nur kaum vernehmbar murmeln: »es ist alles – alles vorbei. Aber bitte, bitte, frage mich nicht – ich muß sterben wenn ich davon reden soll! Es ist vorbei und ich bleibe bei Euch für immer.« – Sie hatte die Hände zusammengepreßt und sah mit dem Ausdruck tiefsten Leides zu ihr auf.