»Ich verspreche es, wenn Du wieder ruhig werden willst,« antwortete die weinende Mutter. – »Nun gute Nacht denn, Mütterchen,« sagte sie mit der Zärtlichkeit früherer Tage, »aber bete, ehe Du gehst, noch einmal mein Kindergebet mit mir. Ich habe es lange nicht mehr gebetet.« Und leise flüsterten nun zwei bewegte Stimmen:
| »Müde bin ich, geh' zur Ruh, |
| Schließe meine Augen zu, |
| Vater laß das Auge dein |
| Ueber meinem Bette sein. |
| Hab' ich Unrecht heut gethan, |
| Sieh' es lieber Gott nicht an, |
| Deine Gnad und Christi Blut |
| Macht ja allen Schaden gut. |
| Kranken Herzen sende Ruh, |
| Nasse Augen schließe zu, |
| Alle Menschen groß und klein |
| Sollen Dir befohlen sein.« |
Die Mutter küßte die Tochter noch einmal und ging. – Ob der liebe Gott wohl diese nassen jungen Augen schloß, in dieser ersten Nacht im Vaterhause?
Seltsame Tage waren es, die nun kamen und gingen im Pfarrhause. Es war scheinbar alles wie sonst und doch alles anders. Zuerst kam der Gottfried schon am zweiten Tage und erklärte, daß er nicht nach S. zur Probepredigt reisen werde. Er gab an, einen Brief erhalten zu haben, der die Aussicht auf Erfolg dort seinerseits zweifelhaft gemacht. Der Pastor und seine Frau sahen ihn zwar zuerst mit großen Augen an, freuten sich aber dann aufrichtig den gewohnten Hausgenossen behalten zu dürfen. Elisabeth reichte ihm stummdankend die Hand.
Sie saß jetzt wieder wie früher mit der Mutter im Wohnstübchen, – Abends versammelte man sich um den runden Tisch, Gottfried las, als ob man gar nichts zu Plaudern hätte, aber es war etwas Fremdes zwischen Allen, das keiner mit Namen zu nennen wußte. Das junge Mädchen trug Kleider von anderm Schnitt, ihr Haar war in anderer Weise geordnet, aus den Schläfen weggestrichen, in Puffen zurückgeschlagen und hinten in einen tiefen Knoten zusammengenommen. Die edlen Linien ihres jugendlichen Profils traten so sehr blendend hervor. Die Rundung ihres Gesichts war aber verschwunden, die Wangen zeigten eine merkliche Verminderung ihrer sonstigen Fülle, und leise Schatten lagen unter den Augen. Das fröhliche Singen durchs Haus, das leichte Springen Trepp ab, Trepp auf, das helle Auflachen – alles war nicht mehr da. Ernst glitt die junge Gestalt durchs Haus und sah man sie die Treppe hinaufsteigen, so meinte man, sie müsse müde sein, sehr müde. – Zu den Poststunden zeigte sie eine gewisse fieberhafte Spannung, die Keinem entging. »Ich erwarte meine Staffelei und mein Malergeräth,« sagte sie dann wie zur Entschuldigung.
Eine Woche war vergangen – da kam Gottfried Berger eines Abends nicht allein von der Post zurück; Männer, die verschiedenes Gepäck trugen, folgten ihm, und Allen voraus eilte ein kleiner starker Herr in einen Mantel gehüllt. Er war schon in der Wohnstube, ehe Berger das Pfarrhaus erreichte.
»Plessow!« rief die Mutter freudig überrascht. Der Pastor stand auf und legte seine Pfeife bei Seite. Aber Plessow beachtete keinen Gruß. »Elisabeth, liebes böses Kind!« rief der Eintretende mit dem heitersten Gesicht, »ich bin Dir nachgelaufen! Nicht nur Deine Sachen mußte ich Dir selbst bringen, sondern auch eine gar gute Nachricht dazu!« – Und damit wollte er sie umarmen, aber sie sah ihn mit weitgeöffneten Augen, ohne sich zu regen an, wurde todtenblaß und sank dann plötzlich zurück. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben ohnmächtig geworden.
Das gab denn eine gewaltige Bewegung und viel rathloses Hin- und Herrennen, bis endlich Gottfried das Fenster öffnete, und die Bewußtlose dem frischen Luftstrom entgegentrug. – Sie kam wieder zu sich und streckte auch gleich mit freundlichem Lächeln dem »Herrn Onkel« die Hand entgegen. Er neigte sich zu ihr herab und flüsterte ihr zu: »so sei doch ruhig, wunderliches Kind! Mein Kommen bedeutet das Beste. Ich selbst bin jetzt mit der ganzen Geschichte ausgesöhnt. – Denke Dir, der Schmetterling hat gestern bei mir um Dich angehalten – wirklich angehalten – und ich trage Briefe an Dich und den Vater in der Tasche!«
Da brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen, da stand ein siegendes Lächeln auf, in ihrem Angesicht – aber nur einen Moment lang – dann erwiederte sie leise aber fest: »Und Sie sind doch umsonst geschrieben, diese Briefe!« – Er sah sie ungläubig an, – dann bat er den Pastor in scherzhafter Feierlichkeit um eine Unterredung unter vier Augen, überreichte ihm ein Schreiben, drückte Elisabeth einen Brief in die Hand und setzte sich in der Sophaecke zurecht. – Das junge Mädchen verließ sofort das Zimmer.