(1860.)

»Euer Stück, Lustspiel benannt, scheint mir in der That nicht übel, junger Freund«, ließ sich der hochberühmte und vielgelehrte Professor der Philosophie und Dichtkunst, Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched zu Leipzig, vernehmen, und wandte sich zu einem jungen Studenten, der an seinen Schreibtisch getreten war, während ein Anderer in bescheidener Haltung an der Thür des Studirzimmers stehen geblieben. »Die Redeweise ist rein, die Figuren nicht verzeichnet, ich wüßte nichts Sonderliches gegen Euer Werk zu erinnern, nur muß ich Euch offen gestehn, daß mir ein Trauerspiel allzeit angenehmer denn ein lustiges Stück, und so gefällt mir auch schon aus diesem Grunde das Machwerk Eures Freundes, so er »die Matrone zu Ephesus« benannt, weit besser. Auch schreitet es in Worten und Sätzen ruhig und feierlich einher, und ist ganz nach meinen Regeln aufgebaut, während Euer Stück ohne rechten Zaum und Zügel dahinläuft. Nun ist aber, meines Bedünkens, erst ein gesattelt und gezäumtes Roß zu Jedermanns Nutzen und Frommen da, während ein loslediges Füllen nur sich selber zum Vergnügen daherspringt. Damit Ihr Beide aber nicht die Meinung faßt, ich allein wolle mich zum Richter aufwerfen über Eure Geisteskinder, so mögt Ihr Euch heute um die sechste Abendstunde in den Wohnstuben meiner Frau einfinden. Daselbst wird sich ein Kreis hochgebildeter Frauen und Männer versammeln, denen Ihr selbst Eure Stücke vorlesen könnt. Bringt also Eure Manuscripte wieder mit und seid pünktlich hier!« –

Nach dieser Rede erhob sich der Gelehrte ein klein Wenig von seinem Schreibschemel, grüßte mit der Hand, herablassend wie ein Fürst die beiden Studenten und setzte sich dann, ohne auf deren Abschiedsverbeugungen zu achten, zum Schreiben zurecht. – Die Thür des Arbeitszimmers schloß sich, und man hörte eine Weile Nichts als das Knirschen der Feder, die über das Papier schlich, denn der Professor Gottsched pflegte so langsam zu schreiben als er redete. Er mochte jedoch kaum eine Zeile zu Wege gebracht haben als die Thür sich wieder leise öffnete und ein schöner Frauenkopf hereinschaute. Dem Kopfe folgte eine hohe schlanke Gestalt, die etwas zagend auf den Schreibtisch zuschritt. Auf halbem Wege blieb sie aber stehn und sah ein Wenig furchtsam auf den berühmten Mann, der sich so eben umwandte, einen erstaunten Blick auf die Eingetretene warf und mit dem Ausdruck großer Verwunderung fragte: »Ihr seid es, Victoria Adelgunde, – und zu solch ungewohnter Stunde? Was bringt Ihr?« – »Nichts!« lachte sie heiter und stand mit einem Sprunge neben ihm, die Hand auf seine Schulter legend, »ich komme nur um Euch Etwas zu fragen – aber werdet mir nicht böse ob der Störung.« –

Es geschieht wohl zuweilen, daß eine mitleidige Seele einem armen Gefangenen einmal einen Frühlingsstrauß oder eine Hand voll Rosen in seine Zelle wirft, – just solchen Eindruck machte diese Erscheinung in der großen finstern Gelehrtenstube voll staubiger Folianten, wunderlicher Instrumente, und neben jenem ernsthaften steifen Mann mit der wohlgepuderten Perrücke, der da vor dem Schreibtisch saß. – Der Professor der Logik und Metaphysik selbst mußte, als er in dies Frauenantlitz sah, ein Wenig lächeln, er legte die Feder nieder und seinen rechten Arm um den schlanken Leib der Fragerin, freundlich wiederholend: »Was bringt Ihr – was wollt Ihr denn von mir?« –

»Sagt mir doch, bitte, wer die beiden jungen Leute waren, die da so eben von Euch gingen!«

»Studenten der Theologie – aus denen aber schwerlich etwas Rechtes werden wird, denn sie treiben allerlei Allotria.«

»Aber aus dem mit den großen Augen wird doch gewiß etwas Gutes – wenn auch vielleicht kein Pfarrer. Wie hieß er wohl?«

»Ziemt es sich für die Ehefrau des Professor Gottsched nach den Namen solcher junger Burschen zu forschen? Hat der mit den großen Augen Euch irgend ein Leid angethan?« scherzte der berühmte Mann.

»O nein! Er lief nur etwas hastig die Treppe hinab und ich kam just aus dem Keller, und so hätte er mich fast umgestoßen, er verlor sein Manuscript dabei, – die Blätter flogen um mich her – – und da mußten wir Beide lachen und ich half ihm die Blätter aufnehmen. – Der Andere, glaube ich, stand äußerst verlegen dabei und rührte keine Hand.«

»Wenn er hastig gelaufen, so war das zweifelsohne der Schlimmste der Beiden, nämlich der Studiosus Gotthold Ephraim Lessing aus Kamenz. Ihr hättet Euch den Andern lieber ansehen sollen denn ihn, Frau Victoria Adelgunde, der hat ein wackeres Trauerspiel geschrieben, und war des Ansehens werther. Sein Name lautet Christian Felix Weiße aus Annaberg. Es ist wunderlich daß der sanfte sinnige Mensch so mit Leib und Seele an dem unsteten Burschen, dem Lessing, hängt. Sie wohnen beisammen und sind unzertrennliche Gefährten bei Tag und Nacht. – Beide werden diesen Abend kommen um ihre Dichterversuche zu Gehör zu bringen, Beide haben Stücke geschrieben und hoffen, daß die Neuberin sie auf dem Theater aufführen läßt. – Ich würde aber, so ich mit dem genannten nichtswürdigen Weibe noch ferneren Verkehr pflegte, sicherlich nur dem Trauerspiel des Christian Weiße das Wort reden. Es führt den Titel: »die Matrone zu Ephesus«, – das Lustspiel des Andern heißt nur schlechtweg: »der junge Gelehrte.«