»Wer soll denn heute Abend zuhören?«
»Der Professor Gellert, und meine gelehrten Freundinnen, die berühmten Frauen Leipzig's.«
»Die Zieglerin wollt Ihr einladen?« fragte die schöne Frau, und über ihr Gesicht flog etwas wie ein Wolkenschatten. »Diese Person soll in unser Haus kommen?« – Und heftig zog sie die rosenfarbenen Bänder der kleinen Haube, die oben auf der Spitze des leichtgepuderten Haars befestigt war, zusammen. »Habt Ihr vergessen daß eben sie sich gegen Eure Frau nicht so benimmt, wie es ihr zukäme sich gegen die Gefährtin eines Gottsched zu benehmen?«
»Seid nicht kleinlich, Victoria Adelgunde! Einer so hochberühmten Gelehrtin muß man mancherlei Sonderlichkeiten verzeihn. Sie ist meine Freundin, – und ich bitte Euch sie denn um meinetwillen freundlich aufzunehmen. Ihr seht ja sonst alle diese verdienstvollen Dichterinnen leider niemalen bei Euch, und begleitet mich zu meinem Leidwesen nimmer wenn ich zu ihnen gehe – heute Abend müßt Ihr, nun schon Eurem Eheherrn einmal die Liebe anthun, selbige bei Euch zu empfangen. Und nun laßt mich wieder allein, und sorgt, daß mich ferner Niemand störe.« –
Er stand auf, küßte ihr die Hand, geleitete sie feierlich bis zur Thür, und sie verließ ohne weiter zu reden das Zimmer. Ganz langsam und gedankenvoll schritt sie über den Gang der Treppe zu. – An dem Geländer blieb sie aber plötzlich stehn, schaute hinab und murmelte dann mit dem Lächeln eines Kindes: »da – an der zwölften Stufe war's! – Es ist doch gut, daß ich den Ephraim Lessing schon kenne. Ich denke wir Beide werden heute Abend zusammenhalten. Er sieht ganz so aus als ob er sich auch – wie ich – vor gelehrten Frauen fürchten könne. – Wie wunderbar und fremd blickten aber seine Augen! – Mich dünkt, ich sah nie schönere – – außer den Augen meines Gottsched – –« setzte sie lieblich hinzu und ging dann die Treppe hinab in die Küche. –
Seit zehn Jahren war Luise Victoria Adelgunde, geborene Kulmus aus Danzig, die Gattin des berühmten Leipziger Professors, und bis zur Stunde fühlte sie sich nur in den vier Wänden ihres engen Hauses wohl und heimisch, nicht aber in der Stadt und in dem Bekanntenkreise ihres Mannes. Lange Zeit krankte sie an einem tiefen Heimweh nach ihrer alten düstern Vaterstadt, obgleich sie, außer zahlreichen Freunden, von ihrer eigentlichen Heimath nichts mehr dort fand als – die Gräber ihrer Eltern. Und dies Heimweh steigerte sich, je mehr Menschen sie sah, und von ihrem reizenden Gesicht schwanden die Rosen und das Lächeln wich von ihren Lippen. Stundenlang saß sie an dem Fenster ihres Wohnzimmers in der Grimmaischen Gasse und starrte auf das finstere Thor und den seltsamen Thurm und wünschte sich Flügel, um weit weit hinwegzuflattern aus jener Lindenstadt, die sich Klein-Paris nannte. Die Menschen erschienen ihr so ganz anders denn daheim, so ernsthaft und gelehrt, oder so übermäßig geschäftig und zerstreut. Und doch hatte sie unter den Männern, die ihr hier in den Weg traten, bald mehr denn Einen gefunden, der ihr lieb und werth geworden und dessen Reden sie gern lauschte. Mit besonderer Innigkeit hing sie an dem freundlichen Professor Gellert, der auch seinerseits an der bildschönen kindlichen Frau großes Wohlgefallen bezeigte. Aber jene Frauen, die ihr Gatte seine »Freundinnen« nannte, und mit denen er täglichen Verkehr pflegte, verleideten ihr den ganzen Aufenthalt in Leipzig. So eindringlich Gottsched ihr solchen Umgang als einen besonders bildenden und belehrenden bezeichnet, sie konnte sich trotz aller Mühe, die sie sich gab, mit diesen Gestalten nicht befreunden, ja sie empfand eine Art Grauen vor ihnen und war in ihrer Nähe einem furchtsamen Kinde zu vergleichen. – Vor jeder Frage die eine oder die Andere jener Berühmtheiten an sie richtete, erschrak sie, und beantwortete selbige wie das schüchternste Mädchen nur mit einem »ja« oder »nein.« Um die Welt hätte sie all jene dichtenden Frauen nicht merken lassen, daß sie selber in ihres Vaters Hause so oft und mit voller Seele Poeterei getrieben, und bat fast auf den Knieen ihren Gatten, Keiner von ihnen jemals zu verrathen, daß sie schon als achtzehnjährige Jungfrau eine Ode verfaßt auf die Kaiserin Anna von Rußland, und die Schriften der Frauen Lambert und Gomez aus dem Französischen in's Deutsche übertragen. – Als die hochgefeierte Zieglerin, geborene Romanus, die am 17. October des Jahres 1733 von dem Decan der philosophischen Facultät zu Wittenberg, dem Pfalzgrafen Johann Gottlieb Krause, »Kraft der Kaiserlichen Macht und Gewalt und im Namen seiner Facultät« durch die Ueberreichung eines Lorbeerkranzes und Ringes zur kaiserlichen gekrönten Poetin erhoben worden, zum ersten Mal vor der jungen Gottschedin erschien, fühlte sich Victoria Adelgunde sofort auf das Entschiedenste von der berühmten Dichterin abgestoßen. Hochmüthig und kalt schaute die Leipziger Bürgermeisterstochter auf das Danziger Doctorskind, und hielt mit scharfen grauen Augen Musterung über die Erkorene des gefeierten Freundes Gottsched. Dann ließ sie sich zu der Frage herab: »haben die wertheste Gottschedin auch schon Etwas gearbeitet?« »Ja – ich habe mir alle meine Spitzen selber geklöppelt« stieß da die junge Frau ängstlich hervor, und mit einem siegenden Hohnlächeln wandte sich die Zieglerin an ihre, eben zum Besuch anwesende, Schülerin, die hübsche und anmuthige Hedwig Zäunemann aus Erfurt und sagte laut genug, daß Jeder der im Zimmer war, es hören konnte: »mich dünkt sie gehöre zu jenen Vögeln, deren Geschrei einstmals das Capitol errettet. Wir müssen sie fallen lassen!« –
Ein glückseliges Lächeln hatte damals, nach diesen Worten, die Lippen Victoria Adelgundens umspielt. Tief aufathmend murmelte sie: »O dem lieben Gott sei's gedankt, sie läßt mich fallen!« –
Und es geschah also. Keine der gelehrten und berühmten Frauen, die damals ihren Wohnsitz in Leipzig aufgeschlagen und in dem weltbekannten Pleiß-Athen aus- und einflogen, verkehrte mit der Gottschedin. Sie war erstens zu hübsch und zweitens zu »gering«, um der Ehre für würdig befunden zu werden in jenem Kreise Aufnahme zu erlangen. Man zuckte die Achseln über den wunderlichen Freund und hochgelehrten Mann, daß er eine so seltsame unbegreifliche Wahl getroffen, und tadelte ihn laut und leise, daß auch er ein Mann wie alle Männer, und ein roth und weißes Lärvchen den höchsten innerlichen Schönheiten vorzuziehen gewagt. – Man lud den Gelehrten nach wie vor zu jenen »himmlischen« Abenden ein, wo man, bei möglichst kärglicher irdischer Speise, mit Apollo und den neun Musen schwelgte, ohne Frau Victoria aufzufordern, an jenen Götterfesten Theil zu nehmen, und so sehr auch Gottsched seine Gattin liebte und hoch hielt, so schmeichelte es doch seiner Eitelkeit gar zu gewaltig, in einem Kreise gefeierter Dichterinnen angebetet und besungen zu werden, als daß er es vermocht sich von ihnen loszusagen, weil sie sich von der Frau seiner Wahl lossagten. –
Es war gar zu angenehm Orakelsprüche aus eignem Munde fallen zu lassen, und als unumschränkter Herrscher zu thronen. – Er hatte daher nichts einzuwenden, wenn seine Gattin sich ihr Klöppelkissen zu der Frau des Cantor Doles tragen ließ und in der Wohnung derselben, in der Thomasschule, plaudernd einige Stunden verweilte, oder mit dem Cantor selber Musikübungen anstellte, ihm auf der Laute vorspielte und jene reizenden Weisen mit wunderlieblicher Stimme dazu sang, die sie aus ihrer Vaterstadt Danzig mitgebracht. – Das waren heitere Abende für Victoria Adelgunde. Keine Gewalt der Erde hätte sie vermocht ihren Gatten zu seinen »Freundinnen« zu begleiten, so bitter es sie auch schmerzte, daß er solcher Gesellschaft fast täglich einige Stunden opferte. Sie zog es bei Weitem vor, mit irgend einer schlichten Bürgersfrau von den Preisen der Lebensmittel und den schlechten Mägden und ungehorsamen Kindern zu reden, denn ein Gedicht vorlesen zu hören von der Dichterin selber. Wenn sie ihre Uebersetzungen aus dem Englischen, welcher Sprache sie vollkommen mächtig war, in jenen Stunden nach Tisch unternahm, in denen Gottsched seine Mittagsruhe hielt, so konnte ein Kind, das an einem verbotenen Leckerbissen nascht, nicht erschreckter zusammenfahren denn Victoria Adelgunde bei dem Ton der Hausklingel, und im Nu waren Papier, Dinte und Feder verschwunden. Selbst von ihrem Gatten ließ sie sich nur ungern bei einer schriftlichen Beschäftigung überraschen, und erröthete dann wie eine Siebzehnjährige die man bei dem ersten Liebesbriefe ertappt. – Dagegen kannte sie kein größeres Vergnügen, als ihm bei seinen Arbeiten zu helfen, indem sie für ihn Wörter aufschlug, kleine Auszüge machte, oder ein Manuscript in's Reine schrieb. Wenn er sie zu solchen Hülfsleistungen in das Heiligthum seines Studirzimmers rief, vergaß sie sogar die Küchenschürze abzulegen, und wenn der Braten in diesem Haushalt einmal anbrannte, oder der Suppe das richtige Maß des Salzes fehlte, so trug nicht die Hausfrau, sondern lediglich der Herr Professor Gottsched selber die Schuld daran. – Victoria Adelgunde hielt ihren Hausstand in musterhafter Ordnung, wie man denn auch an ihrer eignen reizenden Person niemalen die kleinste Ungehörigkeit wahrnahm, weder eine zerdrückte Schleife, noch eine schlecht gewaschene Spitze, noch einen schief getretenen Schuh, oder gar lose hängendes Haar oder einen auffallenden Putz. Man konnte zu jeglicher Zeit die Wohnung des Professors der Logik und Metaphysik vom Boden bis zum Keller durchwandern, und die schärfsten Basenaugen würden weder Unordnung noch Staubwolken, aber eben so wenig irgend eine sinnlose Zierrath entdeckt haben. Dies Alles bewunderte nun der gelehrte Mann an der Gefährtin seines Lebens gar sehr – auch wußte er recht wohl, wie hell ihr Geist und wie empfänglich ihre Seele, aber es bekümmerte ihn doch im Grunde mehr denn billig, daß sie sich sogar nichts aus seinen gelehrten Freundinnen machte, und kein einzig Mal Verlangen zeigte zuzuhören, wie man ihn anbetete. – Da er aber den Verkehr mit den Musen Leipzigs nun einmal durchaus nicht entbehren zu können glaubte, so kam es, daß mit jedem Jahre der einsamen Stunden mehrere wurden für die schöne Frau. Einsamkeit ist aber eine gefährliche Freundin, und frommt solcher Umgang besonders keinem Frauenherzen, und dem Wärmsten just am Wenigsten. Da der Himmel dem Gottsched'schen Ehepaar keine Kinder bescheerte, so war es wohl natürlich, daß allmählich allerlei Wünsche und Gedanken aufstiegen in dem Herzen Victoria Adelgundes. – Dann kamen heimliche Thränen, die auf das Klöppelkissen fielen, und tausend halberstickte Seufzer wurden in die Spitzen gewebt – und endlich wählte man sich gar eine Vertraute, zwar zum Glück nicht von Fleisch und Bein aber immerhin gefährlich genug: die kleine Feder nämlich. Die schöne Frau arbeitete in jenen einsamen Stunden plötzlich fast anstrengend. Sie übersetzte Pope's Lockenraub, und Addision's Cato, und in eben dem Jahre, von dem wir just reden, Anno 1745, beschäftigte sie sich mit einer sehr berühmten jesuitischen Streitschrift: la femme docteur, die sie in sehr zierlicher Weise in's Deutsche übertrug. – Wer von den »gelehrten Frauen« hätte Solches von der kleinen »albernen« Gottschedin vermuthet. – Es stiegen aber trotz all dieser Thätigkeit in dem Herzen der jungen Frau doch auch hin und wieder Bedenken auf, ob sie ihrem Manne, den sie so schwindelnd hoch über sich erblickte, nicht vielleicht in der That gar zu einfach sei, und sann sie allen Ernstes darüber nach, was sie wohl lernen und beginnen könne, um ihm endlich jenen verhaßten Verkehr mit seinen »Freundinnen in Apoll« entbehrlich zu machen, und ihn bei sich zurückzuhalten. – Wie ein Lichtstrahl durchblitzte sie endlich ein Gedanke. – Die Zieglerin hatte einmal den Professor Gottsched in einer lateinischen Ode besungen, und Solches hatte einen mächtigen Eindruck auf den Gefeierten gemacht. Er äußerte, daß diese Arbeit das Höchste sei, was je eine Frau geleistet, die Ode lag stets neben ihm auf dem Schreibtisch, und er wiederholte oftmals, daß er um solcher fehlerlosen Dichtung Willen einer Frau anhangen würde, wenn sie auch das Urbild aller Häßlichkeit und Verschrobenheit. – – Victoria Adelgunde hatte es also gefunden: sie wollte ihren Gatten in einer Ode besingen, die mindestens noch einmal so lang als die der Zieglerin. – Dazu fehlte ihr nur noch eine Kleinigkeit: sie mußte erst Latein lernen, heimlich lernen. – Aber wer wollte, wer konnte wohl ihr Lehrmeister sein? –