Am Abend brannten in dem Stübchen der Frau Gottschedin mehrere Kerzen, und seine für die damaligen Zeiten prunkhafte Einrichtung zeigte sich im vollsten Glanze. Die gestreiften Zitzbehänge der Fenster schimmerten rosig, und das harte, aber große, und mit demselben Stoff bezogene Sopha nahm sich gar stattlich aus. Hochlehnige, festgepolsterte Stühle standen um den mächtigen Tisch, und eine niedere Bank war an das Spinett geschoben, das in einem Winkel zwischen dem Fenster und der langen Wand seinen Platz gefunden hatte. Eine Laute hing darüber, mit tief herabhängendem, blauen Bande; die Gottschedin war eine Meisterin im Lautenspiel, aber das wußten kaum ihre nächsten Freunde. – Den Schmuck der Wand über dem Sopha bildeten die kerzengeraden Conterfeys der Eltern der jungen Frau. Der königlich polnische Leibarzt Johann Gottlieb Kulmus schaute gewaltig finster darein, und hatte die Unterlippe mehr als nöthig vorgeschoben, während seine Gattin, ganz Sanftmuth und Ergebung, mit einem matten Lächeln auf eine Rose schaute, die sie zwischen den spitzen Fingern hielt. Ein Schattenriß des Professor Gottsched, auf goldenem Grunde, war unter dem kleinen Spiegel angebracht, ein Kranz von Immergrün schlang sich um den Rahmen. Auf der steifbeinigen Kommode aber stand ein hohes Glas voll frischer Astern, denn es war eben im Herbst, die Abende wurden schon lang und die Stürme rüsteten sich zum Aufstehen. –

Die Stimme der Wanduhr verkündete schrillend die sechste Stunde. Der Herr Professor saß neben seiner Frau in seinem besten Anzug, gestickter Schooßweste, braunem Sonntagsrock und schwarzseidenen Kniehosen, und versuchte ihr zuzureden, sich nicht vor den erwarteten Gästen zu fürchten, wie man einem Kinde zuredet, wenn es sich sträubt, irgend einem bärtigen Onkel oder einer verknöcherten Tante die Hand zu geben. Das feine Gesicht der Gottschedin verlor auch bald genug jenen Ausdruck ängstlicher Spannung, den es seit Mittag zur Schau getragen. Die dunkelblauen Augen wurden wieder heiter und glänzten, und als mit dem Schlage der sechsten Stunde die Hausklingel ertönte, denn dazumal hielt man es für eine Pflicht, pünktlich zu sein, und der Hauswirth sich mit den Worten erhob: »wird wohl die Zieglerin sein mit ihrem Gaste, der berühmten Dichterin Anna Barbara Teuberin, verwitwete Knackrüggin, aus Augsburg« – lachte sie ihm schelmisch zu. Er aber setzte noch hinzu: »ich bitte Euch dringlich, seid freundlich zu ihnen, Herzliebste!« – Und die Herzliebste nickte, warf einen Blick in den Spiegel, drückte die Rose an dem linken Ohr fester in die gepuderten Locken, zupfte an der Spitzengarnitur am Halse und sah aus, als ob sie sich vor keiner gelehrten Frau der Welt mehr fürchte. – Die Stubenthür öffnete sich auch bald darauf, und herein zwängte sich eine rauschende Wolke von wunderlich gemustertem und verblichenem Seidenstoff, und selbige Gestalt blieb mit allerlei Spitzen und Schleifen an der Klinke hängen. Ein paar behandschuhte Hände von gewaltigen Formen zerrissen aber mit Manneskraft die hemmenden Fesseln, und eine sehr große, magere Frau in vorgerücktem Alter, mit weit entblößtem Busen und nackten Schultern, neigte sich drei Mal mit unbeschreiblicher Feierlichkeit vor dem Professor der Logik und Metaphysik, und reichte ihm dann die Fingerspitzen zum Handkuß. Auf den Fersen folgte ihr eine schlichte Erscheinung, deren zerknittertes, braunes Gesicht aus einer tief in die Stirn gehenden, gesteiften Haube schaute, und die altmodisch geschnittene enge Kleider trug, dem Hauswirth derb die Hände schüttelte, sich jedoch gewaltig sträubte, als er bei ihr einen Handkuß versuchen wollte. »Es ist eine gar seltene Freude, zu Gaste geladen zu werden in dem Hause des berühmtesten Mannes zu Leipzig,« sagte die zuerst Eingetretene spöttisch, und verneigte sich vor der Gottschedin, »und haben wir solche hohe Ehre und Vergünstigung wohl nur meinem Gaste und meiner Seelengefährtin, der Anna Barbara Teuberin, verwitwete Knackrüggin, zu danken, welche allhier vor Euch steht.«

»Und welche wohl nimmermehr solcher Ehre genösse, so nicht die hochberühmte, gekrönte Dichterin Christiane Marianne Zieglerin, geborene Romanus, solch armselig Augsburger Gewächslein hierher getragen,« fiel die Teuberin ein und faltete demüthig die Hände, während sie der Hauswirthin einen kurzen Knix machte.

Die Zieglerin lächelte wohlgefällig, machte aber dennoch eine bescheidene Geberde der Abwehr, da flog wiederum die Thür auf und ein rundes, lautlachendes weißgekleidetes Etwas rollte dem gelehrten Manne, unter einem Schwall von zärtlichen Redensarten, an den Hals. Es war eine kleine üppige Frau mit kurzgeschnittenem, dunklem Haar, ziemlich freiem Ausschnitt des fliegenden Kleides, lustigen Augen, die ein Wenig schielten, einem hübschen Munde und großer Zungengeläufigkeit. Ganz Leipzig kannte sie, jeder Student grüßte sie, und die Thomasschüler blieben bei ihren Umzügen gern vor ihrem Hause stehn, da sie wußten, daß sie jeden Vers eines Chorals mit einer Flasche Bier zu bezahlen pflegte, und dazu auch allezeit zur Genüge frische Semmeln beigeschafft wurden. Es war die Dichterin Anna Helena Volkmann, geb. Wolffermann aus Leipzig. Schon im Jahre 1736 waren die Kinder ihrer heitern Muse unter dem Titel erschienen: »Erstlinge unvollkommener Gedichte, durch welche hohen Personen ihre Unterthänigkeit, Freunden und Freundinnen ihre Ergebenheit, vergnügten Seelen ihre Freude und Betrübten ihr Mitleiden erzeiget, sich selbst aber bei ihren Wirthschaftsnebenstunden eine Gemüthsergötzung gemacht: Anna Helena Volkmannin.«

Sie erschien niemalen in ganz sauberem Anzug, auch fehlte es selten an einigen Dintenspuren an den Händen, eben so war es schon vorgekommen, daß sie noch mit der Feder hinter dem Ohr in eine Gesellschaft getreten, aber ihre Bescheidenheit, Fröhlichkeit, und ihre witzige Zunge ließen dergleichen übersehen, wenigstens war die Dichterin trotz alledem bei Männern und Frauen beliebt. Eine sehr hübsche, jugendliche Frau wurde von ihr dem Hauswirth und der Hauswirthin vorgestellt, sie hieß Johanna Charlotte Unzer, geborene Ziegler aus Halle, Gattin eines ausgezeichneten Arztes, die auf ihrer Durchreise nach Hamburg, allwo sich ihr Gatte vor wenigen Wochen angesiedelt, einige Tage in Leipzig verweilte. Man rühmte von den Gedichten der Unzerin, daß sie sich durch ungezwungene Munterkeit auszeichneten, und nannte sie eine Schülerin der Volkmann. Was aber die Gottschedin für diese liebliche Frau zur Stelle einnahm, war der Ruf einer zärtlichen Gattin und Mutter, der ihr vorausging. Die Volkmann selbst konnte nicht müde werden, die beiden Frauen einander gegenseitig anzupreisen, wobei sie nicht verfehlte bald die Eine, bald die Andere heftig zu umarmen. Dann flüsterte sie der Gottschedin zu: »setzt Euch zu mir oder der kleinen Unzerin, und überlaßt den jungen Weiße der Zieglerin, sie ist nämlich in ihn verliebt und er könnte doch beinahe ihr Enkel sein. Den Lessing setzen wir dann zur Augsburgerin. Das wäre zum Todtlachen!« – Damit schlüpfte sie fort und dem eben eintretenden Gellert entgegen, dem sie, ehe er sich dessen versah, einen Kuß auf die Wange gedrückt. – Dicht hinter ihm erschienen nun auch die jungen Studenten Ephraim Lessing und Christian Weiße. – Letzterer war seines sanften feinen Gesichts und seiner anmuthigen Manieren wegen von den Frauen sehr gern gesehen. Den Andern kannten nur Wenige, und diese Wenigen fanden seinen Blick zu stolz, sein Haar zu fliegend, seinen Gang zu kühn, seinen Anzug zu nachlässig, und insbesondere seine Redeweise, für einen jungen Studenten der Theologie, viel zu keck und frei. Während Christian Weiße nun Reihe um die Hände küßte, und Lessing hinter den Stuhl der Hauswirthin trat, huschte die Volkmann an ihn heran, zupfte ihn am Ohr und flüsterte ihm die Frage zu, wie ihm die Gottschedin gefalle. Ein flüchtiges Erröthen war die einzige Antwort des jungen Mannes, was ihm ein helles Gelächter der boshaften Dichterin eintrug. Als sie aber sich von ihm wandte, nahm er, nachdem er einige Worte mit dem Hausherrn gewechselt und alle Anwesenden mit einer stummen Verneigung begrüßt, hinter dem Stuhl der kleine Doctorsfrau aus Halle Platz, allwo er den ganzen Abend hindurch verblieb. – Warum hätte er ihn auch verlassen sollen? – Das reizende Bild, dessen Anblick er von seinem versteckten Sitze aus so ungestört genießen durfte, würde ihm ja dann entzogen worden sein, und welch reichen Stoff zum Denken und Träumen gab eben dies Bildchen, ein Frauenköpfchen auf dunklem Grunde. Von dem tiefbraunen Grunde eines Rockes, den der hochberühmte Professor der Dichtkunst, Logik und Moral, Christian Fürchtegott Gellert, trug, hob sich nämlich ein feines Frauenprofil ab. Die Linien waren so edel und rein, daß sich die Augen des jungen Studenten der Theologie nicht satt daran sehen konnten. Und zuweilen regte und bewegte sich dies Bild ein klein Wenig, das Profil verschob sich und zeigte das holdseligste Antlitz mehr als zur Hälfte, der köstlich geschnittene Mund lächelte, ein Grübchen in der Wange erschien, und die Wimpern des zweiten Auges tauchten auf. Und es kamen auch Momente, wo sich der kleine Kopf Victoria Adelgundens ganz zu ihm wandte und zwei dunkelblaue Augen ihn anschauten, halb fragend, halb schüchtern freundlich grüßend. –

Der Kreis hatte sich endlich unter lebhaftem Hin- und Widerreden geordnet, und der Professor Gottsched zwischen der Zieglerin und der Knackrüggin einen etwas engen Sophaplatz gefunden. Neben der Dichterin aus Augsburg saß der junge Weiße, dann folgte die Volkmann mit dem Professor Gellert, die Gottschedin mit der Unzerin, und der junge Lessing machte den Schluß. – Man schlürfte eine Schaale dünner Chokolade, aß allerlei Backwerk dazu und schickte sich allmählich an zuzuhören. – Ja, aber wem zuerst? – Die Zieglerin sprach nämlich laut und vernehmlich den Wunsch aus, zuvor einige ihrer eignen neuesten Dichtungen vortragen zu dürfen, ehe die jungen Studenten ihre Schauspiele dem Richterspruch des »edlen Kreises« zu unterwerfen begannen, und setzte mit sauersüßem Lächeln hinzu, daß sie hoffe, ihre geliebten Schwestern in Apoll würden nachher desgleichen thun. »Wir wissen gar wohl, wir armen Frauenzimmer,« sagte sie mit einem wohlstudirten Augenniederschlag und tiefem Seufzer, »daß wir nicht mehr bestehen können, so ein Mann vorher seine Werke zu Gehör gebracht. Die Schöpfungen der Herren der Welt gleichen ja den Palmen, dieweil wir nur armselige Gänseblümlein bringen. Ist's nicht so, meine theuren Freundinnen?«

Die Knackrüggin senkte zustimmend das Haupt, die hübsche Doctorsfrau lächelte verstohlen die Hauswirthin an, die Volkmann aber rief: »ich will Nichts wissen von Gänseblümchen, und habe auch, so ich mich erinnere, im Garten der Poesie niemalen welche gepflückt! Die Unzerin und ich suchten nur allezeit nach Veilchen!«

Einen vernichtenden Blick warf die gekrönte Dichterin auf die schalkhafte Sprecherin, dann sagte sie, zu Gottsched gewandt: »Hochverehrter Freund, sintemalen doch Bescheidenheit die höchste Zier des Weibes, mögen denn meine armen Geisteskindlein diesen Reigen eröffnen, damit – –«

»Das Beste gebührend zuletzt komme, meint Ihr sicher, liebste Zieglerin?« unterbrach hier lachend die Volkmann.

Die berühmte Frau fuhr auf, aber der Professor der Logik und Metaphysik zog sie mit einer ängstlichen Geberde auf ihren Sitz zurück und flüsterte: »bleibt würdevoll und ruhig, liebwertheste Freundin. Sie liebt es nun einmal, Jedweden weidlich zu necken, und weiß doch so gut als ich, daß Ihr die berühmteste Frau der Lindenstadt seid und bleibt.« – Die Gottschedin legte erschrocken ihre Hand auf den Arm Gellerts, der aber lächelte und sagte ruhig: »Ihr müßt Euch an dergleichen gewöhnen, schönste Frau, sie sind nun einmal Alle so unter einander und mit einander. Sie fahren sich aber dabei doch nimmer wirklich in die Haare und nennen sich trotz alledem gute Freunde.«