Und die Zieglerin zog geräuschvoll eine dicke Rolle beschriebener Blätter aus der Tiefe ihrer Kleidertasche und las, ohne viel zu wählen, mit erhobener Stimme, wie folgt:

»Auf ein paar schöne Augen.«

»Hört zu, Christian Weiße!« schaltete noch die Volkmann schnell ein.

»So oft ein Künstler euch zu schildern ist bemüht,
So trifft er euch doch nicht, wie man gar öfter sieht;
Doch ist nicht seiner Faust der Fehler beizumessen,
Wenn er die Aehnlichkeit von euch dabei vergessen.
Und lebt' Apelles noch, so könnt' es nicht geschehn,
Denn Adler können nur blos in die Sonne sehn.
Der Strahl, der in euch sitzt, steht gar nicht abzureißen,
Der Maler müßte denn ein Halbgott wirklich heißen.«

»Wessen Augen habt Ihr dabei im Sinne gehabt, theuerste Zieglerin?« fragte die Volkmann sehr freundlich.

»Welche anders als die Euren, geliebte Freundin!« lautete die höhnische Antwort.

»Ich danke Euch, und werde dagegen zum Beweis meiner Erkenntlichkeit Eure Rosenwangen und Perlenzähne besingen.«

»Habt Ihr noch ein so fürtreffliches Gedicht für unsere verzückten Ohren?« fragte da Gottsched rasch, denn die fast zahnlose Dichterin erglühte unter ihrer Schminke vor Wuth. Wie ein Balsamtropfen fielen aber diese Worte in die Wogen ihres Zorns, und sie las und las die verschiedensten ihrer größern und kleinern Dichtungen hastig und bunt durcheinander, wie z. B. »Das Bild eines wahren Christen,« und gleich darauf »die Unterkehle Celindens,« und die »höhnische Lisette« wobei sie während der Schlußstrophe:

»es läßt aus Furcht sich Niemand mit ihr ein,
Lisette ist fürwahr ein schädlich Stachelschwein,«

einen bedeutsamen Blick auf ihre Lieblingsschwester in Apoll zu werfen nicht ermangelte, den die Volkmann jedoch mit dem zärtlichsten Nicken erwiderte. Auch die »Grabschrift eines Verliebten« trug die Unermüdliche vor, welche folgendermaßen lautete: