Von nun an war es stille, sehr stille im Pfarrhause. – Zwar kamen noch einige Briefe aus F. an die Pastorin, nach deren Empfang sie mehrere Tage mit verweinten Augen umherging, – auch an Elisabeth kamen Briefe, die sie aber uneröffnet verbrannte. Gesprochen wurde über den Besuch Plessow's nie wieder, nach des Mädchens ausdrücklichem Wunsch. Ihre Staffelei hatte sie in dem sogenannten Gartenzimmer aufgestellt und arbeitete unermüdlich fleißig, – aber sie malte nur Blumen, gepflückt auf jenen einsamen Spaziergängen die der Vater ihr jetzt schweigend gestattete. Die Zusammenstellung der einzelnen Blumen und Gräser beschäftigte sie oft Tage lang – sie saß wie in tiefen Träumen verloren zwischen all dem Grün und den Blüthen, die sie gesammelt.

Die Bilder aber die dann entstanden, hätte man nicht »Stillleben,« sondern »Seelenleben« nennen mögen, es mußten dem warmherzigen Beschauer lieblich-wehmüthige Gedanken kommen, beim Anblick dieser Schöpfungen. Aus dem kleinen Stückchen frischen Rasen z. B., auf dem eine Hand voll Feldblumen hingestreut war, standen Märchen auf, und das in einem zerbrochenen Glase geordnete Bouquet Astern, an deren schönster ein todter Falter hing – war ein gemaltes Gedicht.

Vater und Mutter standen oft bewundernd vor ihres Kindes Staffelei – aber Elisabeth nahm nicht mehr wie sonst ihr Lob mit freudigem Erröthen entgegen. Es war überhaupt etwas Fremdes zwischen Eltern und Tochter getreten, für das Niemand einen Namen wußte, und das auch Keiner dem Andern gestehen mochte. – Nur das Verhältniß Elisabeths zu Gottfried gestaltete sich unerwartet freundlich, zur großen Genugthuung des Pastors, der allmählich im Stillen seine alten Lieblingsideen wieder aufnahm. – Sie bat den Vetter zuweilen ihr vorzulesen, sie plauderte mit ihm in den Dämmerstunden, sie zeigte ihm ihre Bilder, sie verkehrte mit ihm recht wie eine zärtliche Schwester mit einem Bruder, von dem sie lange getrennt gewesen. Und er? – Nun er war still wie immer, aber er schien heiterer als seit langer Zeit. Keinen Moment ließ er sie aus den Augen, allezeit bereit für sie zu thun was sie eben von ihm begehren mochte, und nur zuweilen bekümmert daß sie eben so wenig begehrte.

»Die Kinder finden sich endlich,« flüsterte der Pastor einmal seiner Frau zu, »und wenn ich den Gottfried bewegen könnte, sich einstweilen um eine kleine Pfarre zu bewerben und wegzugehn, so hoffe ich das Beste. – Trennung ist allezeit ersprießlich für die Liebe. Elisabeth wird sich in einem Jahre nicht mehr weigern Frau Pastorin zu werden, und wenn ich einmal todt bin entgeht dem Gottfried diese Pfarre nicht. Ihre Zukunft ist nun geordnet – wir werden Freude an dem Mädchen erleben! Sie ist ja auch mein starkgläubiges vernünftiges Kind!«

Das »starkgläubige« Kind war seltsamer Weise nur nicht zu bewegen in die Kirche zu gehn, auch spielte sie nie mehr mit dem Vetter jene vierhändigen geistlichen Lieder, die zu hören dem Vater immer so viel Freude gemacht. – Dagegen hatten manche Leute sie am Marienbilde gesehn, und auch im Gespräche getroffen mit der freundlichen Jungfer Marianne, der alten Schwester des katholischen Pfarrers.


Es geschieht oft, daß ein Stück Leben hinschleicht, Jahre lang, wie ein schwüler Sommertag, daß man immerfort ein Gewitter ahnet und doch noch keine Wolke sieht, von der herab der zerschmetternde Blitzstrahl zucken soll.

So waren im Pfarrhause fast zwei Jahre vergangen. Gottfried Berger war schon seit Monaten wohlbestallter Paster in L., kaum zwei Stunden von M. – Einen anderen sehr steifen und sehr trockenen Kandidatus Theologiä hatte man in seine Stelle geschoben, der mit der Familie in gar keiner Verbindung stand. Die Pastorin kränkelte, Elisabeth lebte malend und still einen Tag wie den andern fort. – Sie ging umher mit ernsten Augen und traurigem Lächeln, und die alte Brigitte pflegte von ihr zu sagen, sie schaue aus wie Jemand, dem man einen kalten schweren Stein auf's Herz gebunden. Regelmäßig jeden Morgen in der ersten Frühe trat sie ihren Spaziergang an, Winter und Sommer, und kam um acht Uhr wieder heim. –

So war denn wieder einmal ein Frühling gekommen. Die Laube that diesmal ihr Möglichstes, kein Sonnenstrahl vermochte durch die dichten Geisblattranken zu dringen, die Goldregensträuche legten sich noch zum Ueberfluß darüber hin und schmückten den Eingang mit ihren Trauben, der Flieder blühte blau und weiß, und die alte Linde mit ihren hellgrünen Blättern rauschte ganz vernehmlich: »das Leben ist doch schön!« und die Vögel sangen auf dies Thema die kunstvollsten Variationen. Da kam an einem Sonntag-Nachmittag Gottfried Berger von L. herüber und hielt feierlich, und sichtlich tiefbewegt, um Elisabeth an. – Alles Blut wich aus ihren Wangen als er seine Worte an sie richtete – sie waren allein in der Laube. – Hastig und verwirrt dankte sie ihm für seinen Antrag und – wies ihn bestimmt und kurz ab. –