Er schien im ersten Augenblick völlig fassungslos über solche Antwort. Seine Züge verzerrten sich – seine Augen flammten. »Also das meiner langjährigen Liebe?« stammelte er. »Habe ich noch nicht geduldig und lange genug gewartet und geschwiegen? – Beherrscht sie Dich noch unumschränkt die Erinnerung an jenen Mann der Dich so leichten Kaufes aufgab, daß er nicht einmal kam um – Abschied von Dir zu nehmen?«
»Quäle mich nicht!« sagte sie mit bleichen Lippen; »ich bin kaum fertig geworden mit meinem Herzen, und habe zur Noth so viel Frieden gefunden wie ich brauche, um weiter zu leben. – Ich werde aber nie eines Andern Weib, da ich nicht das Weib dessen werden konnte den ich liebte.« – »O ich weiß Alles! Sein Glaube allein trennte Dich nicht von ihm. Er war ein Nichtswürdiger, der Dich nur zur Ehe begehrte weil er seiner Geliebten, einer verheiratheten Frau, überdrüssig war. Hörst Du nun, daß ich Alles weiß? – Und früher als Du selbst es wußtest – und mein Herz allein hat mir das verrathen!« – »Und trotzdem gehöre ich ihm doch!« – »Und trotzdem lasse ich Dich nicht! Das ist auch Liebe, Elisabeth! Jetzt wollen wir sehen, welche Liebe festeren Stand hält, die Deine oder die meine. Die Zeit des Duldens, Harrens und Schweigens ist jetzt für mich vorbei – es ist eine Kampfeslust über mich gekommen, die mir das Blut wild durch die Adern jagt. – Immer und immer werde ich wieder kommen, Dich bitten, Dich quälen mein Weib zu werden – so lange, bis Du gemartert von meiner Treue, gemartert von Deinem armen öden Leben, gemartert von den Bitten Deiner Eltern, die jetzt Beide zu mir stehen, – die Meinige zu werden einwilligst. – Ich weiß, daß Du mir ein krankes Herz zubringst, eine zerquälte Seele, einen müden Leib, – aber ich will mich begnügen Krankenpfleger zu sein. – Sieh, so liebe ich Dich!« –
War das Gottfried, der Stille, Sanfte, der so sprach, so blickte? Einen Zug von Energie hatte die Leidenschaft in dies Johannesgesicht gezeichnet, der es völlig verwandelte. – Er sah jetzt aus wie – ein Mann. – »Ich nehme den Kampf an – auf Leben und Tod!« sagte Elisabeth nach einer Weile fest. »Gut. Wer unterliegt, dem möge Gott helfen.« – Sie trennten sich. –
Von diesem Tage an begann ein Leben voll Qual für Elisabeth. – Die Eltern fingen an, in Anspielungen und Andeutungen, bald in sanfter, bald in gereizter Weise ihr den Wunsch zu erkennen zu geben, sie nun als Gottfrieds Braut zu sehn. – Des Mädchens ruhiger und beharrlicher Weigerung folgten immer dringendere Versuche. Sie waren ebenso erfolglos. – Lange peinliche Ermahnungen des Vaters kamen nun, und thränenreiches Zureden der Mutter. – Elisabeth setzte jedoch dem allen eine abweisende Kälte entgegen, sie ließ sich weder auf Gründe, noch Erklärungen ihrer Weigerung ein, sondern wiederholte nur immer einfach: »ich will nicht heirathen.« Nach und nach wurden dergleichen Scenen heftiger, die Gereiztheit des Vaters, die Thränen der Mutter nahmen überhand, dazu kam jeden Sonntag Gottfried herüber und warb mit Blicken und Worten unermüdlich. – Sie blieb scheinbar ruhig, unbewegt wie ein Fels, den die Wogen umbrausen, aber sie wurde bleich, ihre Augen verloren an Glanz, ihre Gestalt an Fülle. – So schleppte sie ihr Dasein weiter. Halbe Tage lang verweilte sie vor ihrer Staffelei und die übrige Zeit ließ sie sich geduldig quälen. –
Es schien, als ob die Verheirathung der Tochter plötzlich der alleinige Lebenszweck beider Eltern geworden und kein anderes Interesse, außer dieser einen Angelegenheit, mehr ihre Seelen zu beschäftigen vermöchte. Die Mutter quälte allerdings zunächst die Sorge, die Tochter möchte unverheirathet bleiben in dieser Abgeschiedenheit, ein Gedanke, der ihr wie vielen Müttern unerträglich war. Seitdem sie ihre so kühnen Hoffnungen hatte begraben müssen, ängstigte sie sich allen Ernstes um die Zukunft Elisabeths. Zudem fühlte sie eine Art rastloser Unruhe ihr einen Halt zuzuweisen, da sie sich als die Veranlassung zu dem geheimen Herzleid ihres Kindes ansah. Hätte sie das Mädchen ruhig in M. gelassen, sie wäre ja jetzt ohne Zweifel längst Frau Pastorin Berger. An einem eigenen Heerd, an der Brust eines Mannes der sie auf seinen Händen zu tragen verheißen, würde Elisabeth schon wieder froh werden und sich aufrichten, meinte sie. Der Gottfried war ja in der That auch keine schlechte Partie, so jung und schon eine so gute Pfarre und dazu die sichere Anwartschaft auf M.! Und vor allen Dingen liebte er ihr Kind, gewaltig, unermüdlich, das hatte er in Worten und Thaten bewiesen. Elisabeth mußte das endlich einsehen! Ein Tropfen, der immer und immer auf dieselbe Stelle fällt, höhlt ja den härtesten Stein aus: – die Mutterthränen mußten ihre Wirkung thun mit der Zeit. –
Der Vater marterte sein Kind aus ganz andern Gründen. Es handelte sich bei ihm um Erfüllung eines lange gehegten Wunsches, um eine Bitte die er ja, kraft seiner väterlichen Autorität, in einen Befehl hätte verwandeln können, ohne daß es ihm Jemand zu verwehren vermocht. Und seine Tochter stellte sich trotzig ihm, einem Bittenden, gegenüber! Er war an keinerlei offene Widersetzlichkeiten gewöhnt, weder in dem Verhältniß als Familienvater zu den Seinen, noch als Pastor zu seiner Gemeinde. – Die Störrigkeit seines Kindes betrübte ihn nicht, sie empörte ihn. Als er ihr damals mit dürren Worten gesagt daß er niemals in eine gemischte Ehe willigen und selbige segnen werde, war sie doch so ruhig gewesen, wie es sich für eine gehorsame Tochter ziemte. – Und nun? Doch er verzagte keinen Augenblick, er war sich der Mittel bewußt, diesen Trotz zu brechen. – Hatten Nadelstiche doch schon einen Elephanten getödtet – diesem unablässigen Mahnen und Drohen mußte der Teufel des Eigensinns weichen.
Aber er war trotz alledem noch nicht gewichen, als der Herbst kam – und so befahl denn der Pastor eines Tages seinem Kinde, unter Vorhaltung des Spruches: »ehre Vater und Mutter, auf daß Dir's wohl gehe und Du lange lebest auf Erden,« – am nächsten Sonntage Gottfried Bergers Antrag, falls er denselben wiederholen werde, anzunehmen. –
Elisabeth erwiederte kein Wort – sie ging umher wie sonst, mit ernsten milden Augen – sie blieb nur am Sonnabendmorgen länger als gewöhnlich auf ihrem Spaziergange. Als dann nun am Sonntage Gottfried Berger kam und, in Gegenwart von Vater und Mutter, sie wiederum bat sein Weib werden zu wollen, sah sie ihn kalt an und sagte: »Frage den Vater, ob er eine Ehe einsegnen wolle zwischen mir und Dir! – Seit gestern Morgen gehöre ich nicht mehr zu Euch – seit gestern nahm mich eine Kirche auf, die mir tröstend zurief: »wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden.« – Ich bin Katholikin.« –
Etwa zehn bis zwölf Jahre später sprach man in F. viel von einer Blumenmalerin, deren reizende »Stillleben« ein bedeutendes Aufsehen machten, in den Ausstellungen wie in den Kunsthandlungen. Die kleinen Blumenstücke athmeten eine überwältigende Fülle von trauriger, süßer Poesie. Der Name der Malerin war Elisabeth Müller. – Vorzüglich rühmte man ihre Darstellung verwelkter Blumen. Ueber ihren todten Blättern, geknickten Knospen, sterbenden Rosen, schwebte ein Hauch der Verklärung. – Kleine Skizzen von ihr, in Wasserfarben, wurden sehr gesucht. Elisabeth Müller lebte aber so still und eingezogen in F., daß man dort längst schon ihre Schöpfungen bewunderte, ehe man ahnte, daß die Schöpferin in derselben Stadt wohnte, in der man sich für ihre Bilder so warm begeisterte.