Bei der Comtesse Feldern war »reunion.« Viel Lichterglanz, viel Uniformen, viel blendende Arme und weiße Schultern, viel Blumen und Federn, viel Zuthaten aller Art, wenig Natur, viel hübsche Gesichter, wenig bedeutende, viel nichtssagendes Geplauder, viel versteckte Langweile, viel forcirte Heiterkeit – et voila tout. –
Aber dort, in der Nähe des Kamins, wer war der stattliche Mann mit dem leicht ergrauten Haar und dem schönen Kopfe, mit jener leisen Linie von Lebensüberdruß, die sich an den beiden feinen Mundwinkeln herabzog? Er saß allein und durchblätterte eben mit einem leichten Spottlächeln das Prachtalbum der Gnädigen. Man streifte an dem Einsamen mit besonders freundlichem Gruße vorüber, manche reizende Frau blieb wohl auch neben ihm stehen, einige flüchtige Worte an ihn richtend. Man schien ihn allgemein zu kennen. Es war der berühmte Landschaftsmaler Paul Albano, der erst seit zwei Tagen wieder in F. lebte, nachdem er seit länger als einem Jahrzehnt sich im Orient und Italien umhergetrieben, und bald hier bald dort, sein Künstlerzelt aufgeschlagen.
»Haben Sie das Letzte der Blätter schon eines Blickes gewürdigt?« fragte die sehr alt gewordene Comtesse heranrauschend. – Als er verneinte, schlug sie das Buch ganz auf. Ein Blatt von neuem Datum war sorgfältig angefügt. Man sah einige Feldblumen aus einem Stück Rasen sprießen, unter ihnen ein Vergißmeinnicht das welkend das Haupt neigte. Rings umher blühten Löwenzahn, Schlüsselblumen und Veilchen, frisch und lebendig, trotz des Todes in ihrer Nähe. – Albano stand plötzlich betroffen auf. »Wer hat dies Blatt gemalt?« fragte er hastig und gedämpft.
»Eine gewisse Elisabeth Müller. O, Sie entsinnen sich ihrer gewiß nicht mehr! Sie war mit Plessow's verwandt und einmal, vor vielen Jahren, eine kurze Zeit im Plessow'schen Hause. Daß Sie die Kleine vergaßen, ist ganz natürlich – Sie waren eben damals etwas angelegentlich mit der guten Plessow beschäftigt. Mais – en passant – war die schöne Adele nicht tausendmal liebenswürdiger in jener Zeit als jetzt, wo sie zum Orden der strengen Betschwestern gehört? – Sie haben sie doch wohl schon auf ihrem Landsitz aufgesucht, den sie weder Sommer noch Winter verläßt? Fanden Sie nicht daß die Arme bedeutend gealtert, und daß Plessow etwas mürrisch geworden?« – »Elisabeth Müller – sagten Sie?« wiederholte Albano wie im Traume, und legte die Hand auf das Herz.
»Mon Dieu! – Sie erinnern sich wirklich ihrer? Dann kommt es daher, weil die Kleine sich damals auf die abscheulichste Weise trug. Unvergeßlich ist mir auch eine hellblaue Seidenfahne, kaum vier Ellen weit.« – »Aber sie lebt wirklich hier – hier in F. und – allein?« – »So viel ich weiß. Aber hübsch ist sie nicht mehr, ich sah sie einmal auf der Straße im Vorüberfahren. Kränklich soll sie sein – irre ich nicht, so sprach man neulich bei der Gräfin Reiner von einer auszehrenden Krankheit. Sie trägt sich aber jetzt weit besser – ziemlich elegant im Schnitt, aber immer in Grau oder Schwarz. Künstlermarotte!«
Albano griff nach seinem Hut. »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich muß fort.« – »Doch nicht etwa um sich der kleinen Müller vorstellen zu lassen?« lachte die Dame. »Sie irren sich in der Zeit, lieber Albano! Sehen Sie, meine Uhr zeigt eben Mitternacht. Warten Sie zwölf Stunden länger!« – »Sie haben recht – ich warte. – Vergessen Sie mein lächerliches Auffahren, aber – erzählen Sie mir noch was man von dieser Elisabeth hier sagt.«
Die Feldern lehnte sich in den dunkeln Fauteuil zurück, winkte Albano zu sich und flüsterte geheimnißvoll: »sie soll katholisch geworden sein – aus Interesse für einen jungen hübschen Kaplan wahrscheinlich, der in der Nähe ihres Heimathdorfes Pfarrer war, dergleichen Geschichten ereignen sich ja häufig. Der Uebertritt führte natürlich einen Bruch herbei mit Papa und Mama. Sie verließ ihre Heimath, Plessow verschaffte ihr hier ein Unterkommen in einer Familie, und veranstaltete zuerst eine kleine Ausstellung ihrer Bilder. Plötzlich verschwand sie wieder und pflegte ihre erkrankte Mutter bis zum Tode, brachte dann einen gichtbrüchigen, halb blinden Vater mit zurück, für den sie mit unermüdlicher Treue gesorgt haben soll, bis vor einem Jahre, wo er endlich starb. Ihre Staffelei stand in seinem Krankenzimmer, und sie verließ den Kranken nur zuweilen in den Abendstunden, um frische Luft zu schöpfen in dem kleinen Garten vor dem Hause. – Sie hat ihm seine Verzeihung nach und nach wirklich abringen müssen, – er soll im Anfang sein Kind entsetzlich gequält haben. Zuletzt starb er in ihren Armen, die Tochter segnend. – Da haben Sie die Geschichte. – Mir erzählte sie vor längerer Zeit die Baronin Eichstädt, die dem Hause der Kleinen gegenüber wohnt und sie sehr protegirt. – Apropos, mein Herr – wollen wir etwa morgen zusammen zur Eichstädt fahren? Sie citirt uns dann vielleicht die Malerin herüber?«
»Ich danke, gnädige Frau. Ich reise wahrscheinlich morgen früh auf einige Tage nach D.« – »Unstäter! Aber Sie sehen recht angegriffen aus, Albano, – ich bitte Sie, nehmen Sie ein Glas Eis.« – »Sie sind sehr gütig – meine Gnädige. Sie erlauben – –«
Er stand auf und verließ den Saal. – Als die Comtesse sich nach einer Weile in den andern Zimmern nach ihm umsah, war er verschwunden. –