In der nächsten Woche hatte man nach langer Dürre wieder einmal einen recht pikanten Unterhaltungsstoff in den Salons von F. Die kleine Blumenmalerin war gestorben, an einem schleichenden Fieber, und hatte sich in einem wunderlichen altmodischen hellblauen Seidenkleide begraben lassen. – Ihrem Sarge folgte der katholische Priester, der tieftrauernde Albano, – und die Wagen vieler Vornehmen. Ihre nachgelassenen Bilder übergab eine alte würdige Frau, die schon seit längerer Zeit bei der Verstorbenen gewohnt, und die man im Hause unter dem Namen »Jungfer Marianne« kannte, dem berühmten Maler im Auftrage der Heimgegangenen. Albano ließ ein kostbares Marmorkreuz an dem Grabe aufstellen, auf dem mit goldenen Lettern nur zu lesen war:
Elisabeth.
Man zerbrach sich die Köpfe über den Zusammenhang des Ganzen. – Es war nur leider Niemand da den man ausfragen konnte; Albano reiste am Tage der Kreuzaufstellung nach Italien, ohne von Jemand Abschied zu nehmen, und ließ nie wieder von sich hören. –
Die alte Marianne fand eine neue Heimath in dem Hause des neuen protestantischen Pastors in M. Er kam selbst, um sie von F. abzuholen. Sie sollte ihm den Haushalt führen, da er unverheirathet war und blieb. Sein Name war Gottfried Berger.
Mit seinem neuen Kollegen in N., denn Elisabeths alter Freund ruhte ja längst schon aus von seiner Arbeit in der kühlen Erde, verkehrte er auf das Freundlichste. – Gottfrieds Lieblingsplatz blieb jene Stelle an der Mauer des Gartens, wo man auf die grünen Gräber des Friedhofes schaute, und zu seiner Grabschrift hatte er sich den Spruch bestellt: »Wer viel liebet, dem wird viel vergeben werden.«
Czinka.
(1859.)
| »Huzdra Cziganny!« |
| »Spiel auf, Zigeuner!« |
In Wien, der schönen glänzenden Kaiserstadt, lebte vor etwa sechszig Jahren ein junger eleganter Cavalier, der sich durch seinen Reichthum und seine Unabhängigkeit (Eltern und Geschwister waren ihm gestorben) mit leichter Mühe, ohne sonderliches Zuthun gar viele Freunde und Freundinnen erworben. Sie ermüdeten nicht ihm immer und immer zu wiederholen, daß er ohne alle Frage nicht nur der liebenswürdigste Wirth, der angenehmste Gesellschafter, der kühnste Reiter und beste Tänzer, sondern auch der geistvollste und eleganteste Cavalier zehn Meilen in der Runde sei, und seltsamer Weise hörte Graf Alfred diese Versicherungen, so oft sie ihm auch zu Ohren kamen, mit demselben Vergnügen an. Er glaubte seinen Freunden auf's Wort, und mit solcher festen Ueberzeugung der Wahrheit ihrer Behauptungen ließ sichs ganz angenehm leben. Der allgemeine Liebling war daher stets heiterer Laune, hielt offene Tafel, gab reizende kleine Feste und half, wo man ihn um Hülfe ansprach. Die Gesellschaften, die er in seinem mit vollendetem Geschmack eingerichteten Hause veranstaltete, wurden von den vornehmsten Frauen besucht, da eine alte Tante des Grafen, die verwitwete Marquise d'Anville, bei solchen Gelegenheiten die Honneurs auf die feinste Weise zu machen pflegte. Freilich munkelte man auch von manchen andern üppigern Gelagen, bei denen keine Marquise präsidirte, bei denen man aber dennoch nicht minder schöne Gestalten, nicht minder werthvolle Diamanten und Spitzen zu bewundern fand als bei jenen Soupers und Bällen der vornehmen Aristokratie.
Trotz diesen Extravaganzen war der junge Graf durchaus kein Roué, er lebte eigentlich nur äußerlich wie ein vornehmer Cavalier. In seinem Herzen achtete er die Frauen hoch, denn eine engelgleiche Mutter hatte seine Kindheit gehütet und eine zärtlich geliebte, früh verklärte, Zwillingsschwester stand noch wie eine Heilige vor den Augen seiner Seele. Im Grunde war ihm, wie er seinen vertrauten Freunden gestand, der Frauenumgang zu unbequem, er liebte ein lustiges Zechgelage unter Männern weit mehr als jene fantastisch-wilden »gemischten« Feste und die reizendsten Frauen vermochten ihn kaum eine flüchtige Stunde zu fesseln. Wunderliche Geräthschaften verschollener Zeiten, alte Waffen und seltene Blumen interessirten ihn mehr als menschliche Gestalten, eine Eigenthümlichkeit, die er von seinem Vater geerbt, und er reiste viel eher Stunden weit, um eine alte ausgegrabene Vase zu sehen, als daß er um einer hübschen Frau Willen einen Weg von wenigen Minuten gemacht hätte. Tropische Gewächse, und vorzüglich die so mannigfach und seltsam geformten Cacteen waren es denen er eine besondere Zärtlichkeit widmete, seine Wohnzimmer glichen Treibhäusern, und je wunderlicher die Form der Pflanze, je brennender die Farbe der Blüthen, desto leidenschaftlicher liebte er sie.