Seine Freunde baten ihn im Scherze oft inständig sich nicht dermaleinst mit einer Blumenfee zu verheirathen, und Diners und Soupers von Sonnenstaub und Thautropfen zu veranstalten, und warnten ihn ganz besonders dringend vor der gluthäugigen Purpurblüthe des Cactus speciosissimus, welches seltsame Gewächs sein bevorzugter Liebling war. Er pflegte darauf heiter lachend zu antworten, daß er jedenfalls dermaleinst nur eine Frau heimzuführen gedenke, deren Blick ihn an jene geliebte Blume erinnere.
Daß sich der Graf Alfred bis zu seinem neunundzwanzigsten Jahre nicht verheirathete, fand Jeder, wenn auch vielleicht nicht Jede, cavaliermäßig, als man aber seinen dreißigsten Namenstag mit einem lucullischen Mahle feierte, wagten sich schon einige schüchterne Trinksprüche hervor mit deutlichen Anspielungen auf eine junge reizende Hausfrau. Sie veranlaßten manches Erröthen, manchen schmachtenden Augenaufschlag, manches kokette Fächerspiel. Diese Mahnungen wurden mit jedem Jahre lauter und dringlicher, und glichen bei der Feier der dreiunddreißigjährigen Wiederkehr des ominösen Tages fast einer Bestürmung. Da erhob sich endlich der Graf und erklärte, daß er noch in diesem Jahre sein Möglichstes zu thun bereit sei, um den Wunsch seiner Gäste zu erfüllen. Er versicherte feierlich daß er Alles aufbieten werde den Speisezettel des künftigen Festdiners mit einem neuen Gerichte, freilich nur einem Schaugerichte zu vermehren: mit einer schönen Wirthin nämlich.
Unter der anwesenden unverheiratheten Damenwelt brachte diese, einem Versprechen gleiche, Erklärung eine nicht geringe Aufregung hervor und Jede sah sich schon im Geiste dort oben an jenem Ende der Tafel, geschmückt mit Brillanten und Blumen, in weißem schimmerndem Atlas, eingerahmt von hohen silbernen Vasen, bestrahlt vom Lichterglanz des vielarmigen Kronenleuchters. Graf Alfred hielt nämlich alle seine Diners auch zur Frühlingszeit, wie eben jetzt, bei Kerzenlicht.
Es war dies eigentlich ebensowohl eine Beleidigung als eine Galanterie, dem schönen Geschlecht gegenüber. Er behauptete, daß keine vornehme Dame über sechszehn Jahre hinaus, keine Aristokratin der Kaiserstadt wenigstens, die Beleuchtung durch Sonnenstrahlen zu ertragen vermöchte ohne bedenkliche Beeinträchtigung ihrer Reize, und er liebte nun einmal, wie bei den Blumen, vor Allem die Frische in der Erscheinung einer Frau. Keine der Damen seiner Bekanntschaft konnte sich übrigens einer besondern Bevorzugung von ihm rühmen, er war leider liebenswürdig und aufmerksam gegen Jede. Er vergaß keinen Namenstag seiner zahlreichen Freundinnen und knauserte nie mit den Blumen seiner Treibhäuser und seines Gartens. Hatte er auf einem Balle mit der blonden Comtesse Delphine zwei Mal getanzt (die seit ihrer Bekanntschaft mit ihm sehr oft rothe Blumen und rothe Schleifen trug), und dagegen das stolze Freifräulein Melanie zu Tische geführt, so bat er bei der nächsten Gelegenheit sicher die hübsche Comtesse um den »beneidenswerthen« Platz an ihrer Seite, und ließ sich beim Tanze von den Augen der dunkellockigen Melanie heldenmüthig verbrennen. Kein Kaufmann konnte gewissenhafter seine Waare seinen verschiedenen Kunden zuertheilen und abwiegen, als Graf Alfred seine Aufmerksamkeiten, und selbst seine genauesten Freunde hatten keine auf irgend eine derartige Bevorzugung gegründete Vermuthung, welche Erscheinung aus der Reihe der aristokratischen Schönheiten den Platz als Wirthin beim nächsten Diner einnehmen dürfte.
Schon kurze Zeit nach diesem Feste schien jedoch Graf Alfred sein öffentlich gegebenes Versprechen ernstlich zu bereuen, er zeigte sich unruhig, ungleich in seiner Stimmung, verlor seine gute Laune, vernachlässigte seine Blumen, wurde bleich und einsiedlerisch und die Aerzte, so wie seine erschreckten Freunde, riethen ihm dringend und einstimmig zu reisen. Gar mancher bot sich ihm sogar in rührender Opferwilligkeit zum Reisegefährten an, was jedoch der Graf dankend ablehnte. Niemand wußte, ob er wirklich den Rath, den man ihm ertheilt, befolgen werde – als eines Tages die Fenster seines Hauses sich mit grauer Leinwand verhangen zeigten und Abschiedskarten mit der zierlichen Krone und dem Namen »Alfred Graf Saldern« sich in schönen weißen Händen befanden und eben so schöne Augen nachdenklich das bedeutungsvolle »p. p. c.« betrachteten. – Der elegante Cavalier war entflohen. Der sonst so glänzend geschmückte Portier stand in einem unscheinbaren Rocke gähnend in der Thür, der Gärtner lief mit Blumentöpfen aus den Zimmern in das Treibhaus, im Hofe klopften Diener langsam und pfeifend Teppiche aus, die Orangerie des Balcons war verschwunden – es blieb kein Zweifel: Graf Saldern war abgereist – aber wohin wußte Niemand.
Ein warmer Junitag neigte sich seinem Ende zu als der bequeme Reisewagen des Grafen Alfred durch den vielgerühmten Bakonyer Wald rollte in der Richtung nach Raab. Die Sonne blitzte noch durch die Zweige der Bäume und huschte über das Moos, Kräuter und Gräser dufteten, Vögel zwitscherten ihr Abendlied, Bienen taumelten schwer beladen durch die Luft – aufgescheuchtes Wild lief über den Weg, blieb wohl auch in geringer Entfernung keck zwischen den Gebüschen stehen und schaute mit großen glänzenden Augen herüber, – man hörte die Räder des Wagens kaum im tiefen Moose rollen. Der Kutscher hielt die Zügel lässig, der Diener nickte auf seinem schwankenden Sitze und der Graf selber hatte sich noch nie in seinem Leben so wohl gefühlt als eben jetzt. Es war aber nicht ein blos körperliches Wohlsein, auch über sein Herz kam es wie ein Hauch süßer Freude und köstlichen Friedens. Eine wonnevolle Müdigkeit ergriff ihn, er blinzelte schläfrig zwischen den Wimpern hervor und athmete in langen und immer längeren Zügen die berauschende Waldluft ein. Es war ihm zu Sinne als sei er in jenen verzauberten Wald gerathen, von dem ihm die Mutter so oft in seiner Kindheit erzählt, und er müsse nun fahren und fahren und könne doch nimmermehr an's Ende kommen. Aber dieser Gedanke erfüllte ihn nicht mit Furcht wie damals, als er an den Knien der Mutter seinen kleinen Kopf verbarg, er hätte vielmehr immer und immer weiter rollen mögen, an den uralten Baumstämmen vorüber, die ihre Wipfel hoch über seinem Haupte rauschend gegeneinander neigten in die endlose grüne Dämmerung hinein. Die Erinnerung an die prunkende Kaiserstadt, die er verlassen, lag wie ein ferner Traum hinter ihm und nebelhaft wandelten die Gestalten seiner Freunde an ihm vorüber. Er fühlte sich so jung, so kräftig, so lebensfrisch wie noch nie, und doch hätte er sich um die Welt jetzt nicht wieder in jenes Leben hineinstürzen mögen, das er so eben verlassen.
Es geschehen trotz aller Zweifel noch Wunder an uns und Lebenselexire werden trotz aller medicinischen und andern Aufklärung noch täglich gebraut und getrunken. Die Mutter Natur, diese uralte Zauberin, die sich glücklicherweise nicht verbrennen läßt, braut sie aus den einfachsten Mitteln für ihre eigensinnigen störrischen Kinder. Ein Wald, eine Bergwiese, ein Schweizersee, das Alpglühen vollbringen an den verstocktesten Herzen die größten Wunder, – Ketten und Schlacken fallen ab, die Seele athmet Genesungsluft, das Herz verliert seine Runzeln und schaut wieder mit Kinderaugen und Kinderglauben in die schöne reiche Welt hinaus. – Wie lange der Graf in dem köstlichen Eichenwalde umhergefahren – er wußte es nicht, er richtete sich nur rasch auf, als der Kutscher plötzlich die Pferde anhielt und sagte:
»Wir haben uns verirrt, der Weg hat hier ein Ende!«
Der arme Schelm sah leichenblaß aus, denn er kannte die Heftigkeit seines Herrn. Zu seiner großen Verwunderung sprang dieser aber heiter aus dem Wagen und anwortete: