»Wartet nur hier auf mich, ich werde den Weg suchen und Franz soll auch bleiben, ich will allein gehen!«

Und eine lustige Melodie pfeifend schlug er den ersten schmalen Fußweg ein, der vor ihm lag. Wie köstlich ließ sich's hier wandern in dem Purpurschein, der jetzt den Wald durchzitterte. Leichter war er nie über die glänzenden Parquets der Tanzsääle Wiens geschritten. Da war es ihm mit einem Male als trüge der Wind die abgerissenen Klänge einer fremdartigen Musik zu ihm. Unwillkürlich blieb er stehen und lauschte. – Dann folgte er rascher der Richtung, aus welcher die Töne ihm zuströmten. Immer deutlicher, zusammenhängender schlug es an sein Ohr, endlich unterschied er eine wunderliche wilde Tanzweise im Zweivierteltact. Weiter schreitend lösten sich die Töne von Violinen, Violen, einer Clarinette und Cymbal aus dem Chaos.

Darüber war er aber sehr lange gegangen, – endlich überfluthete es ihn wahrhaft mit Tonwellen und zugleich wandte sich der Weg, die Büsche traten zurück, als ob ein grüner Vorhang zerrisse, und Graf Alfred blieb wie erstarrt stehen. Er befand sich vor einem großen freien Platze mitten im Walde. Kaum zwanzig Schritte von ihm hatten ungarische Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen. Auf der andern Seite sah man durch eine Lichtung die Umrisse der wunderschönen Cisterzienserabtei bei Zircz im Abendroth schimmern. Kleine Zelte waren aufgeschlagen, ein lustiges Feuer brannte in der Mitte, um das sich einige alte Frauen gesammelt hatten. Nackte braune Kinder, schön geformt wie antike Statuen von Bronce, haschten sich unter den Bäumen, Männer lagen und standen müssig umher und hörten der Musik des Zigeunerorchesters schweigend zu. Die zwölf Musikanten selbst saßen in einem Halbkreise. Sechs von ihnen spielten erste und zweite Geige, zwei die Viola, Einer eine Baßgeige, ein Anderer eine Art von Cello und die beiden Letzten Clarinette und Cymbal. Junge Männer und Mädchen knieten und kauerten am Boden, der kecken Musik lauschend und dem Tanz eines jungen Mädchens zuschauend, das eben in die Mitte des Kreises getreten war, und anfing nach dem Tacte der Musik sich hin und her zu bewegen.

Als der Graf jetzt die Tanzende anschaute, fiel ihm plötzlich seine Lieblingsblume ein, die glühende leuchtende Purpurblüthe der Cactus speciosissimus, und es war ihm als ginge das warme rothe Licht, das jetzt die ganze lebensvolle Gruppe überstrahlte, von dieser einen zarten Gestalt aus. Die Kleine war wohl kaum fünfzehn Jahr alt und reizend gewachsen. Sie trug einen scharlachrothen kurzen Rock und rothe Stiefeln an den kleinen Füßen. Den schlanken Oberkörper umschloß ein blendend weißes faltiges Hemd, das unter dem Halse mit einer Schnur zusammengezogen war. Ein Korallenkreuz hing an einem schwarzen Bande auf ihrer Brust. Eine lose Jacke, die vorn offen war, mit kurzgeschnittenen weiten Aermeln trug sie noch über dem Hemde. Ihr Haar fiel in schweren schwarzen Flechten fast bis zu ihren Knien herab, und an die Enden der Zöpfe hatte sie rothe Schleifen gebunden. Um beide Handgelenke der zarten, aber tadellos geformten Arme trug sie schmale silberne Ringe. Ihr feines, leicht gebräuntes Gesicht mit den köstlich frischen Lippen, lachte wie das Gesicht der glücklichen sorglosen Jugend lacht. Sie hob die Augen und blickte in das Grün der Bäume oder gerade in den Himmel hinein, wer konnte das wissen? Das waren Augen! Ja, von ihnen mußte jener Lichtstrom ausgehen in dem die ganze köstliche Gestalt schwamm, und auf- und niedertauchte, es konnte nicht anders sein! Das war ein Leuchten, Glühen, Schmachten, Funkeln, Drohen und Lächeln dieser zwei großen schwarzen Sterne! – Jenem lautlosen Zuschauer, der Jahre lang ungeblendet in die Augen der berühmtesten Schönheiten der üppigen Kaiserstadt geschaut, kam ein Schwindel an, eine seltsame Angst und Seligkeit zugleich den Augen der kleinen Zigeunerin gegenüber. Und dazu die kleinen beweglichen Füße, dieser von Jugendlust und Jugendkraft geschwellte und getragene Körper! Was war dieser lebensvolle Tanz gegen jenes seltsame Schlürfen und Drehen, gegen jenes Hüpfen und Rasen in den Tanzsälen des großen Wien? Und dies junge, von Luft und Sonne gebräunte Angesicht konnte sich den vollen Sonnenstrahlen aussetzen und wurde nur schöner je heller es beleuchtet. Ein Schauer des Entzückens durchrieselte den Grafen, als endlich die tanzende Kleine mit dem Ausdruck höchster kecker Lust jenen bedeutungsvollen Zigeunerruf: »jah!« herausjubelte, den ebenso das höchste Leid als die höchste Freude von den Lippen gleiten läßt, – und dann mit einem kühnen Sprunge ihren Tanz schloß. Als das Orchester nun mit einem vollen kurzen Accord abbrach, da war es aber dem Grafen plötzlich als sei er im Theater an der Burg und habe eben die schönsten Tänzerinnen gesehen. – Der grüne Wald wurde zur täuschend gemalten Coulisse, die stattlichen, seltsam gekleideten Männer, mit den langen schmalen Schnurrbärten und schwarzen, glatt herabhängenden Haaren, zu trefflich costümirten Choristen, die üppigen, nachlässig verhüllten Frauengestalten zu koketten Choristinnen, die nackten Kinder, das Feuer, die kochenden brodelnden alten Weiber zu meisterhafter Staffage, – Graf Alfred klatschte mit dem Feuer eines echten Balletenthusiasten in die Hände und rief:

»Brava, Brava!«

Da geschah es fast wie in jenen Märchen von den Elfentänzen, wenn die Elfenkönigin plötzlich einen unberufenen Lauscher entdeckte: wie ein Wirbelwind fuhr es über das ganze Zigeunerlager hin und die Scene veränderte sich rascher wie auf einem Pariser Theater. Die Frauen drängten sich hinter die Männer, die Kinder hingen sich an ihre Mütter, die Hexen des Feuers kauerten sich nieder wie zum Sprunge bereite Katzen, die Musikanten hörten auf zu spielen und nahmen eine trotzig drohende Haltung an und wohl hundert flammende Augen richteten sich plötzlich auf den Grafen. Die kleine Tänzerin allein war ruhig geblieben und blickte neugierig zu dem kühnen Fremden hin. Ein dunkler hochgewachsener Knabe, die Geige im Arm, war aber dicht an sie heran getreten in einer so herausfordernden Haltung, so schutz- und kampfbereit, daß der Graf sich eines Lächelns nicht erwehren konnte.

Da wendete sich die Kleine an ihn und fragte in gebrochenem Deutsch mit gerunzelter Stirn:

»Was willst Du hier?«

»Dich bewundern!« antwortete er und sah sie mit seinen hübschen blauen Augen leidenschaftlich an.

Jede Frau, sie gehöre welchem Volke und Stande sie auch wolle, unterscheidet mit einem Blicke die wahrhafte Bewunderung ihres Selbst von leichtem Wohlgefallen und tändelndem Spiel und ist niemals unempfindlich gegen dieselbe. Die junge Zigeunerin nahm daher auch die Hand des Grafen und sagte freundlich: