»Habt Ihr die Czinka lieber oder Eure Geige?«
»Wenn Ihr so fragen könnt, so wißt Ihr nichts von einer Geige,« antwortete der Knabe verächtlich. »Mir ist meine Geige lieber als zehn Czinkas.«
Damit stand er trotzig auf und ging weiter. Wie ein Irrlicht huschte er hin und her und den Grafen überkam oft ein unheimliches Gefühl wenn er ihn so auftauchen und verschwinden sah zwischen dem dunklen Grün. Plötzlich verlöschte die Fackel und aus dem Dunkel heraus kicherte wie aus weiter Ferne der Knabe:
»Versuchts noch zehn Schritte weiter – da steht Euer Wagen, Eurem Kutscher habe ich gesagt wie er fahren soll, um nach Zircz zu kommen!«
Dann rauschte Etwas durch die Büsche, streifte hart an ihm vorbei, ein spöttisches Gelächter wurde laut und Graf Alfred stand im tiefsten Dunkel. Mit einem derben Fluch rief er den Namen seines Dieners, der denn auch in geringer Entfernung antwortete und nach einiger Mühe und nachdem er über verschiedene Wurzeln gestolpert, an verschiedene Bäume gerannt, wobei er immer ein leises boshaftes Kichern zu hören glaubte, athmete er wie von einem bösen Traume befreit auf, als er wieder in seinem Wagen saß. Nach der Weisung, die in der That der Kobold Anthony dem Kutscher gegeben, rollte er nun auch auf der Straße nach Zircz fort, und noch vor Mitternacht erreichte er glücklich das Städtchen.
Am nächsten Tage besuchte Graf Alfred das Zigeunerlager wieder und so noch viele Tage, nur daß er sich Abends nie wieder von jenem trotzigen Burschen, sondern von seinem eigenen Diener zurückgeleiten ließ nach seinem Wagen, der ihn stets am Ausgange des Waldes erwartete. Schon beim dritten seiner Besuche nahm er allerlei Geschenke für die Frauen mit, die er von Raab sich kommen ließ, glänzenden Tand, der mit noch glänzenderen Augen empfangen wurde. Für die schöne Czinka brachte er zwei Korallenschnuren, die sie eben lächelnd um ihre Arme zu schlingen sich anschickte, als Anthony, der kleine Geiger, plötzlich herbeisprang, die Ketten aus des Mädchens Händen riß und mit den Worten: »Czinka trägt nur die silbernen Ringe ihrer Großmutter!« die Perlen ins Moos streute.
Da sprang die Kleine mit einem Ruf des Zornes auf – stampfte mit dem Fuße und blitzte den Frevler mit einem Blick an, der den Grafen erschreckte und entzückte. Dann drehte sie ihm langsam fast königlich stolz den Rücken ohne ein Wort zu reden, machte aber auch keine Bewegung die Korallen aufzuheben. – Allein sie erlaubte ihrem fremden Bewunderer den ganzen Abend an ihrer Seite zu sitzen und mit ihr zu plaudern.
Als der Graf endlich den Heimweg antrat, streifte er an dem kleinen Geiger vorüber, der einsam auf einem umgestürzten Baumstamm saß. Die nackten Füße hatte er über einander geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, seine Geige lag neben ihm im Grase. Sein Gesicht war todtenblaß und der Ausdruck um Lippen und Augen ein so verzweifelter, daß Alfred Saldern erschrak. Unwillkürlich blieb er neben dem Knaben stehen in der Absicht ihn anzureden. Aber wie vor dem plötzlichen Anblick einer giftigen Schlange fuhr Anthony Czermak da empor, raffte seine Geige auf und war in zwei Sprüngen verschwunden.
Wenige Tage später sah man nicht nur zwei herrliche Korallenbänder an den Armen Czinka's, sondern sie trug auch eine Korallenkette um ihren Hals. An demselben Abend als Alfred Saldern sie der kleinen Zigeunerin in den Schoß warf, tanzte sie freiwillig vor dem Grafen. Aber Anthony Czermak spielte nicht mit, wie damals. Er warf seine Geige gleich nach den ersten Tacten zu Boden und lief in den Wald.