Ungarische Zigeunermusik! Wer sie je einmal hörte in ihrer melancholischen Wildheit, in ihrer hinreißenden Gluth, ihrem fremdartigen Reiz und wunderbaren Rhythmus, der vergißt sie so wenig wie man eine Masurka, oder einen jener zauberischen traurigen Walzer des Chopin vergißt, wo die Lust mit dem Leid zum Tanz antritt. – Beide Musikarten rufen ähnliche Empfindungen hervor: unsagbare Traurigkeit, die sich gleich darauf in rasende Lust verwandeln möchte, Wohlgefühl wie es den Gefangenen beim Anblick einer Schwalbe durchbebt, und zitternde Seligkeit wie beim Hauche des Wortes: »Ich liebe Dich!« Diese häufigen Synkopen, punktirten Achtel, entgegengesetzten rhythmischen Bewegungen reißen uns in einen Wirbel von Leidenschaft hinein, und die harmonischen kecken Licenzen in Bezug auf Octav und Quintenfortschreitungen, die unvorbereitete Anwendung von Septimen und Nonenaccorden, die seltsamen Halte und Figurirungen auf der Dominante, wirken fast wie der Genuß des Champagners in toller Gesellschaft, wenn wir eben für immer von der Geliebten Abschied genommen. –
Alfred Saldern fühlte sich von einem Taumel befangen, seit er unter und mit diesem seltsamen Völkchen der Zigeuner lebte, gegen dessen täglich wachsende Macht er sich so vergebens wehrte, wie ein des Schwimmens Unkundiger gegen die Gewalt der Wellen. Ein neuer Tag ging allmählich vor den Augen seiner Seele auf und die Sonne dieses Tages hieß: Czinka.
Czinka's fremdartige Schönheit, ihr schillerndes seltsames, halb scheues, halb zuthunliches Wesen bestrickte ihn täglich mehr. Sie verkehrte fast mit ihm wie eine junge Schwester mit einem ältern Bruder verkehrt, dessen Liebe sie verwöhnt, indem sie allen Launen nachgab. Sein Herz fühlte sich von einem Feuer ergriffen das ihn mehr entzückte als marterte, und seine Seele träumte am Tage davon wie es doch eigentlich das Beste und Kurzweiligste sei, eine Zeit lang Zigeuner zu werden, und mit dieser kecken Bande schöner Frauen und fröhlicher Männer, frei und ungebunden in der schönen Gotteswelt umherzuziehen. In den Nächten träumte er aber noch viel seltsamere Dinge, an die er mit wachen Augen kaum zu denken wagte: er sah sich selbst nämlich wieder in Wien in seinem eleganten Hause. – Seine Blumen dufteten ihm entgegen, der Speisesaal war mit Guirlanden geschmückt, auf der gedeckten Tafel schimmerten kostbare Geräthe, – aber es brannten keine Kerzen, wie sonst bei den glänzenden Festen im Saldern'schen Hause, – die Vorhänge waren nicht geschlossen, die Sonnenstrahlen hielten ungehindert Musterung über die Schaar der versammelten Gäste. Und oben an der Tafel saß der Festgeber – und ihm zur Seite – – sein Weib: – die lebendig gewordene fremde, leuchtende Purpurblüthe des Cactus speciosissimus, Czinka, die reizende Zigeunerin.
Das ungewöhnliche Musiktalent des wunderlichen Anthony Czermak erregte selbst die Aufmerksamkeit des vielbeschäftigten Grafen. Unwillkürlich mußte er lauschen, sogar mitten im Gespräch mit dem jungen Mädchen, wenn der Knabe, was jetzt öfter geschah, auf seiner Geige seine phantastischen Stücke vortrug. Die übrigen Musikanten ruhten dann aus, die Frauen zogen die spielenden Kinder auf ihre Knie, die Männer lagerten sich im Kreise, und so schwebte der großartige Ton seiner Geige wie ein Vogel über alle Häupter dahin. Aber es war dieser Ton keine fröhlich himmelan steigende Lerche, sondern eine Nachtigall, die ihr Lied in die dunklen Gebüsche trägt, oder ein sterbender Schwan, der seine Todesseufzer mit dem Gemurmel der Wellen mischt. Einmal, bei einer besonders elegischen Melodie, welche unter allerlei selbstgeschaffenen wilden Verzierungen und Wendungen immer wieder, wie ein blasser Mond durch zerrissene Gewitterwolken, auftauchte, bemerkte Alfred Saldern eine besondere Traurigkeit auf den Gesichtern aller Hörer. Er selbst neigte sich seltsam bewegt zu der schönen Czinka und fragte sie um die Bedeutung jener Melodie.
»Das ist die siralmas nota – die weinende Melodie« sagte sie ernst, »die uralte Klage der Zigeuner um ihr verlorenes Reich.« Und als Anthony geendet rief sie ihm zu: »spiele jetzt die Rakoczy Nota!« Der Ton ihrer Stimme war zwar herrisch, aber ihre Augen baten.
Der junge Geiger streifte das junge Mädchen einen Moment mit einem halb wilden, halb zärtlichen Blick, dann ließ er ein rührendes Adagio, dem ein feuriges Allegro folgte, über die Saiten seiner Geige ziehen. Als er nun geendet, kam er zu Czinka, neigte sich zu ihr und fragte:
»Wirst Du nun auch wieder einmal mit mir singen?«
Sie schlug die Augen nieder und nickte kaum merklich mit dem Kopfe. Da flog ein Lächeln über sein dunkles Gesicht wie ein Sonnenstrahl über die braune Haide. Und nach einem köstlichen Ritornell fiel Czinka mit ihrer schwachen, aber süßen Stimme ein und sang mit der Geige um die Wette ein wehmüthiges Lied im Vierachteltact in sehr langsamem Tempo. Fremd und ergreifend war der Accent der leichten Tacttheile des zweiten und vierten Achtels, den der Geiger mit voller Gewalt unterstützte. Die Textesworte verstand der Graf nicht, die leidenschaftliche klagende Melodie traf aber mächtig sein Herz.
»Wie heißt das Lied?« fragte er am Schlusse die Sängerin.