»Ich will versuchen es Euch zu übersetzen,« antwortete Czinka. »Es ist meine Lieblingsnota, die Worte und die Melodie hat Anthony gemacht:

»O meine müden Füße, ihr müßt tanzen
In bunten Schuhen
Und möchtet lieber tief
Im Boden ruhen.
»O meine armen Augen, ihr müßt blitzen
Im Strahl der Kerzen
Und möchtet im Dunkel lieber
Schlafen von euren Schmerzen.«

»Was kann ich Euch schenken?« fragte der Graf an diesem Abende freundlich den jungen Geiger. »Bis zur Stunde haben sie Alle von mir irgend eine kleine Gabe angenommen, nur Ihr allein nicht! Meint Ihr, es sei mir entgangen, wie Ihr die silberne Kette, die ich Euch durch Czinka überreichen ließ, zerrissen und von Euch weggeschleudert? Erlaubt mir doch endlich Euch zu zeigen wie wohl mir Euer Spiel gefällt!«

»Nun, so schenkt mir den kleinen Dolch, den Ihr immer mit Euch führt!« antwortete Anthony nach kurzem Besinnen.

Alfred zog die zierliche Waffe aus ihrem Futterale und überreichte sie nach kurzem Zaudern dem Geiger. »Laßt uns nun auch Freunde sein,« sagte er.

Die Augen des Knaben blitzten. Er prüfte die feine Klinge und musterte mit Wohlgefallen den zierlich ausgelegten Griff. Dann schob er die Waffe in die lederne Scheide und verbarg sie an seiner Brust. Mit heiterem Lächeln dankte er nun dem Grafen und war von Stund an minder scheu und fremd zu ihm, aber wahrhaft zutraulich wurde er dennoch keinen Augenblick, so viele Mühe sich auch Alfred Saldern gab seine Zuneigung zu erwerben.


Tage und Wochen vergingen – das Leben des Grafen glich einem phantastischen Märchen, und er verspürte zuweilen den Drang sich an Nase und Ohren zu zupfen, um zu erproben ob er wirklich wache. – Jene nächtlichen Träume, in denen er die schöne Czinka in seinem eleganten Hause in Wien sah, träumte er jetzt auch sogar am Tage: immer unabweisbarer tauchte der Gedanke in ihm auf, dies köstlich frische Kind als sein Weib heimzuführen. Zerflossen waren alle Bedenken, verstummt die widerstreitenden Stimmen in seiner Brust; die Stimme der Liebe hatte sie alle zur Ruhe gebracht. Das leidenschaftliche Verlangen nach dem Besitze eines Etwas das er nicht, wie sonst Alles was ihm gefiel, durch die Macht seines Reichthums zu erkaufen vermochte, entzückte ihn, – er schwelgte in diesem neuen Gefühl und empfand zu Zeiten kaum die Sehnsucht sich durch ein entscheidendes Wort aus diesem, für ihn so neuen, köstlichen Zustand zu erlösen. Ob Czinka seine Empfindungen ahnte? Er wagte es nicht zu hoffen. Sie war und blieb unbefangen gegen ihn wie ein Kind. Seine Geschenke hatte sie mit harmloser Mädchenfreude entgegengenommen, seinen Erzählungen von der großen Kaiserstadt, von seinem Palaste, von den Genüssen des Reichthums mit glühenden Wangen und leuchtenden Blicken gelauscht, wenn aber Anthony Czermak seine Geige stimmte, schnellte sie doch empor, wurde zerstreut und unachtsam, und spielte er in seiner kecken wilden Manier gar den ersten Tact irgend eines Tanzes, so hatte Alfred das Gefühl als ob diese Töne Czinka von einem offenen Grabe, worin man ihr Liebstes so eben versenkt, wegzulocken vermöchten. Fast mit einem Schauer sah er zu, wie sie dann auf und dahin flog: ihr Busen wogte, ihre Füße berührten kaum den Boden, ihre Augen lachten und die leichte Gestalt schwebte dahin, als sei eben die Bewegung des Tanzes ihr einziges Element. Ließ sie endlich mit dem letzten Strich der Geige des braunen Knaben die Arme sinken und warf sich in's Gras, halberschöpft, halb selig von der eben genossenen Lust, da hätte der Graf sein Leben und seine Habe ihr zu Füßen werfen mögen und doch war es ihm, als könne er dreister der stolzesten Herzogin in Wien einen Heirathsantrag machen, als zu dieser kleinen Zigeunerin von Liebe reden.

Eines Tages jedoch, der Abend dunkelte bereits, saß er mit ihr auf einem kleinen freien Platze unfern des Lagers unter einer großen Eiche. Die Musikbande war schon am Morgen fortgezogen, um zu dem Hochzeitfeste eines reichen Bauern aufzuspielen, mehrere der Männer und Frauen hatten sie begleitet. Es war still im Zigeunerlager. Das Feuer schimmerte durch die Büsche, das Lärmen und Lachen der spielenden Kinder drang gedämpft herüber. Czinka war ungewöhnlich ernst. Alfred Saldern saß stumm an ihrer Seite. Als die Sonne sank, brach das junge Mädchen plötzlich in Thränen aus und sagte:

»Um diese Stunde, heute vor fünf Jahren, starb meine Mutter und ließ mich allein. Den Vater habe ich nie gekannt, der starb ehe ich geboren war!« Nach diesen Worten küßte sie ein kleines Kreuz, das sie am Halse trug. »Ich möchte so gern wieder einmal in meiner Kirche beten,« fuhr sie dann gedankenvoll fort, »nehmt mich doch einmal mit nach Zircz! Die Andern lassen mich nicht allein fort und sind keine guten Katholiken! – Wenn die Mutter noch lebte, wäre ich auch wohl nicht mehr hier unter ihnen! Wir wollten damals nach Raab ziehen oder vielleicht gar in's österreichische Land mit dem Anthony, damit er tüchtig Geige spielen lerne und ein großer Musikant werde. Armer Anthony!«