»Beklagt ihn nicht, Czinka, für ihn ließe sich noch Hülfe finden – noch ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen, wir haben dort hochberühmte Meister bei denen er Tüchtiges lernen könnte.«
Sie fuhr empor mit leuchtenden Augen. »O wie gut Ihr seid!« rief sie freudig und faßte seine Hände. »Wollt Ihr das wirklich? – Dann ginge ja die böse Weissagung der Czinka Panna, meiner Großmutter, nimmermehr in Erfüllung! – Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin und Quartettspielerin reden hören? Nun seht, sie starb an dem Tage meiner Geburt. Aber man brachte mich an ihr Bette und da legte sie ihre kalten Hände auf mein Haupt und murmelte: »Armes Kind! Du wirst leben müssen ohne die berauschende Musik unseres Volkes und wenn eines Tages der größte Geiger unsers Stammes die siralmas nota vor Dir spielt, wird es – in Deiner Todesstunde sein!« Wenn nun aber der Anthony Czermak wirklich ein großer Geiger wird, so werde ich ihn alle Tage spielen hören, denn er wird mir oft genug die siralmas nota geigen wenn ich erst seine Frau bin.«
»Ihr des Anthony Frau?«
»Ja, so wollte es die Mutter, um die Prophezeiung der Großmutter zu nichte zu machen. Sie liebte den Anthony, der auch schon längst keine Eltern mehr hat, und Anthony liebt mich sehr!«
»Und Ihr, Czinka – Ihr selbst – redet doch – möchtet Ihr denn solch eines wandernden Zigeuners Weib werden?«
Sie sah ihn erstaunt an, des leidenschaftlichen Tones wegen, in dem er geredet. Er war so bleich geworden daß sie erschrak und eine Bewegung machte sich zu erheben. Mit Heftigkeit aber schlang er seinen Arm um ihren schlanken Leib, zog sie zu sich nieder und rief:
»Nicht eher weicht Ihr, Czinka, als bis ich Euch Alles gesagt!« Und als sie bebend es geschehen ließ daß er ihren Kopf an seine Brust lehnte, da redete er mit leisen glühenden Worten von seiner unbesiegbaren Liebe zu ihr, zu der wilden Rose, die da so dicht an seinem Herzen blühte und strahlte. Was er ihr sagte und versprach – sein Kopf wußte nichts davon, sein Herz allein redete. – Lange währte es auch nicht – dann kam die Endfrage, die er aber mit fester, fast feierlicher Stimme aussprach: »Czinka, wollt Ihr mein Weib werden und mir in meine Heimath folgen?«
Er schwieg wie von einer schweren Last befreit, und lehnte mit dem Ausdruck der Erschöpfung seinen Kopf an den Stamm des Baumes, dessen Zweige sie Beide beschattete.
Da richtete sie sich langsam aus seinen Armen auf, sah ihn traurig an und antwortete mit langsamem Kopfschütteln nur das eine Wort: »Nein!« aber so ruhig, so unabweisbar, daß er fühlte, wie keine Bitten und Klagen diesen Laut in ein »Ja« zu verwandeln vermöchten. – Ein unendlicher Schmerz zog durch seine Seele. Schweigend senkte er die Stirn. – Was kümmerte es ihn zu wissen, was sie zu diesem »Nein« getrieben? Wozu noch ein Auseinanderreißen der Wunde, die er empfangen? Er sah sie noch einmal an, wie sie in ihrer sinnverwirrenden fremdartigen Schönheit vor ihm saß, die Fleisch gewordene Blüthe des Cactus speciosissimus – dann riß er ihre Hände an seine Lippen und sagte einfach:
»Lebt wohl, Czinka!«