Da neigte sie ihr liebliches Haupt herab und küßte ihn leicht wie ein Hauch auf die Stirn. »Lebt wohl!« flüsterte auch sie. Aber plötzlich fuhr sie empor und wurde todtenbleich. »Hörtet Ihr nicht einen Seufzer, wie das Todesächzen eines getroffenen Rehs?« fragte sie leise und ängstlich.

Er schüttelte den Kopf und stand auf. Wirre Töne, Rufen und Lachen, klangen vom Lager her.

»Sie sind wiedergekommen!« sagte Czinka tiefaufseufzend. »Anthony sucht mich gewiß!« Dann legte sie ihre Hand auf den Arm Alfreds und flüsterte: »Jetzt weiß ich, daß ihr den Anthony nicht mit nach Wien nehmen könnt, – aber ich danke Euch doch daß Ihr es gewollt! Vergeßt mich und ihn, ich bitte Euch!«

Sie verschwand im Gebüsch. Er blieb noch einen Augenblick in tiefen Gedanken stehen, dann schlug er einen Seitenweg ein, der ihn zu seinem Wagen leitete.

In Zircz angekommen, befahl er seine Sachen sogleich zu packen und fuhr in derselben Nacht noch nach Raab. Dort blieb er einige Tage, trieb sich ruhelos umher und schwankte stündlich zwischen Abreisen und Bleiben. Die Festungsmauern beengten ihn, die düstern Straßen erhöhten seine Schwermuth, nur in dem Stadtviertel der Juden und Zigeuner, und in dem herrlichen alten Dom athmete er auf. Stunden lang konnte er in den schlechten Schenken sitzen und die Gestalten der ungarischen Zigeuner anstarren, die dort zechten, scherzten und ihr wildes Wesen trieben. Nur wenn irgend Einer der Bande seine Geige stimmte, üppige Frauengestalten aus den Winkeln auftauchten und der Wirth die Bänke zusammenrückte, um die niedere schmale Stube in einen Tanzsaal zu verwandeln, floh er, aber die tolle Musik, das Jauchzen und Stampfen folgte ihm bis an das Portal des ernsten Gotteshauses, allwo erst der böse Spuk wich. Wie viele Tage er in Raab verträumt – er hatte sie nicht gezählt – eines Abends aber stand Alfred Saldern an dem Fenster des Gasthauses mit dem festen Entschlusse, am nächsten Morgen nach Wien abzureisen. Der Regen schlug an die Scheiben, der Wind heulte, im Hofe irrten Laternen umher, – auf den Straßen war es stille, – auf Flur und Treppen nicht minder, obgleich es noch früh am Abend war. Die Lampe brannte düster auf dem Tische, gespenstische Schatten zuckten an den Wänden auf und nieder. Ein unsagbares Heimweh überkam den Verlassenen – aber kein Heimweh nach seinem in all seiner Pracht doch öden Hause in Wien, oder nach den Gestalten der Genossen seiner rauschenden Freuden, nein, eine verzehrende Sehnsucht nach der längst gestorbenen Mutter, nach der längst begrabenen Schwester, – ja nach dem kaum gekannten Vater, und in tiefer Wehmuth legte er seine Stirn in die Hände und fühlte Thränen – seltene Gäste – in seinen Augen. Da klopfte es rasch an die Stubenthür, sein Diener trat ein und meldete einen Knaben, der nach ihm gefragt. Zerstreut winkte der Graf ihn einzulassen. Er blickte kaum auf, in seine Erinnerungen versenkt, als die schlanke Gestalt eintrat – er zuckte erst mit einem Schrei empor als eine kleine Hand, deren Pulsschlag ihn sympathisch berührte, die seine erfaßte. Hastig wandte er sich nun und erkannte, trotz der entstellenden Tracht, trotz des verschnittenen Haars – Czinka, das geliebteste Geschöpf der Erde. Mit einem Laut des Entzückens riß er sie an seine Brust, er sah nicht wie bleich sie war und wie sie zitterte.

»Hier bin ich,« sagte sie mit leidenschaftlichem Trotze, »ich will Dein Weib werden – vergiß, daß ich Dir einst »nein« gesagt, aber Eins mußt Du mir zuvor versprechen: Du mußt ihn mir suchen helfen, den Anthony. Er ist in derselben Nacht da Du uns verlassen, mit seiner Geige entflohen, hinaus in die weite Welt! Niemand wird und kann mir suchen helfen als Du, Du allein! Und wir werden ihn finden – nicht wahr?«


Der Namenstag des Grafen Alfred rückte heran und noch wußte Niemand, wo der wunderliche Flüchtling sich umhertrieb. Manche glaubten ihn auf seinem schönen Gute in der Steyermark, Andere in Italien, wieder Andere wollten gehört haben, daß er sich am Rhein niedergelassen, und Alle bedauerten den Ausfall des sonst allezeit so glanzvollen Festes, als plötzlich die Einladungen für diesen Tag in gewohnter Weise ergingen, die fast ein Jahr lang verschlossenen Fenster und Thore des Saldern'schen Palastes sich öffneten, und bald in ihrem sonstigen Schmuck an Blumen und kostbaren Umhängen wiederum strahlten. Neugierige Freunde eilten herbei, aber der alte Haushofmeister wies einen Jeden ab mit der ruhigen Bemerkung, sein Herr sei noch bis zur Stunde nicht zurückgekehrt. Mit welcher Spannung man endlich am bestimmten Tage die prächtigen Raume des Festgebers betrat, läßt sich denken.

»Ob er wohl jenes Versprechen halten wird, das er vor einem Jahre der Versammlung gegeben, ob er sich verlobte auf seiner langen Reise, oder ob er irgend einer der geladenen Schönen öffentlich Herz und Hand anzubieten gedenkt?« diese Fragen beschäftigten die meisten der Gäste. Treppen, Flur und Vorzimmer waren ungewöhnlich glänzend decorirt, aber im Empfangzimmer wurden Viele unangenehm überrascht: Tageshelle statt des gewohnten Kerzenlichts strömte ihnen entgegen; doch verschwand diese kleine fatale Empfindung bald bei dem überaus liebenswürdigen Empfang des Grafen, der dies Mal seine Gäste mit dem Ausdrucke wahrer Freude begrüßte, und jedem Einzelnen zu verstehen zu geben sich sichtlich mühte, wie sehr angenehm ihm gerade seine Erscheinung sei. Jeder und Jede sagte sich: »so freundlich lächelte er noch nie, so verbindliche Worte hörte ich noch nie von ihm!« Die Stimmung der Versammlung war deshalb sofort eine heitere, trotz aller Spannung. Als der Speisesaal geöffnet wurde, der auch im vollsten Tagesglanze strahlte, bewunderte man die geschmackvoll aufgehäufte Pracht der Geräthe und seltenen Blumen. Der Hausherr führte seine Tante zur Tafel, die alte Marquise d'Anville, die aber dies Mal ihre starre Miene abgelegt und mit schlauem Lächeln um sich schaute; ihm zur Rechten saß die schöne Gräfin Delphine – der Platz auf seiner linken Seite blieb ganz frei – ein leerer rother Sammetsessel stand dort und statt des Couverts erblickte man eine silberne Vase von herrlicher Arbeit, aus der ein selten schönes Exemplar des Cactus speciosissimus seine feurigen Blüthen durch den Saal leuchten ließ. Das Diner war glänzend, doch wollte die Unterhaltung, trotz der Lebhaftigkeit des Wirthes und der ungewöhnlichen Redseligkeit der alten Marquise, nicht recht in Fluß kommen, sie stockte öfter als der gute Ton es erlaubt, die Erwartung und Ungeduld der Gäste wuchs zusehends, man flüsterte unverhohlen mit einander, die Blicke der Männer wurden immer zerstreuter, das Lächeln der Frauen immer gezwungener. Endlich wurde das Desert aufgetragen, der feurige Cliquot löste die Zungen, der erste Toast auf den Hausherrn flog durch den Saal. Da erhob der Graf dankend sein Glas, ließ seine stolzen blauen Augen heiter über die Versammlung wandern, und sagte mit heller Stimme:

»Ich kam nur zurück von meiner Reise um meinen liebenswürdigen Gästen ein Versprechen zu halten, das ich Ihnen vor einem Jahre an eben dieser Stelle gegeben. Darf ich also bitten die Gläser auf das Wohl meiner Hausfrau zu füllen?« Stürmischer Beifallsruf war die Antwort. Als der Jubel verhallt, verlangte man einstimmig die schöne Wirthin zu sehen. »Dieser leere Sessel ist für die Königin dieses Hauses bestimmt, wie Sie Alle wohl schon längst vermuthet, ich hoffe, sie weigert sich nicht ihn einzunehmen!« sagte nun Alfred und erhob sich.