Die schöne Delphine warf schnell einen schmachtenden Blick in den gegenüber hängenden Spiegel: das weiße, theure Spitzenkleid, in Paris gemacht, saß vortrefflich, der blaßrothe Atlas des Unterkleides schimmerte wie Morgenroth durch die köstlichen Kanten, die Rose an der linken Seite der langen Locken hätte freilich noch etwas tiefer, mehr wie herabgesunken, stecken können, die dumme Margot verstand doch gar Nichts! Das Freifräulein Melanie aber, das dem Grafen gegenüber saß, warf ihm zu derselben Zeit einen kecken Blick zu und lachte, – sie wußte nämlich genau daß sie nie hübscher war, als wenn sie lachte. Beide Damen knüpften jedoch ein eifriges Gespräch an mit ihren Nachbarn, denn sie hörten, daß der Graf seinen Sessel rückte und – man mußte ja die Ueberraschte spielen, wenn man ihn plötzlich vor sich sah! Allein sie sprachen und sprachen – was sie redeten, wußten weder sie selber noch verstanden es ihre Nachbarn, – es dauerte auch allzu lange! Endlich mußten doch Beide ein wenig zur Seite blinzeln und da sahen sie – wie die Sammetportière eines Seitencabinets zurückgeschlagen wurde, und der Graf auf dessen Schwelle erschien. – Aber an der Hand führte er eine Frau, die er zu jenem leeren Sammetsessel geleitete und mit den einfachen Worten: »Czinka, Gräfin von Saldern,« jetzt der Versammlung vorstellte. Die neue Gräfin verneigte sich mit der schüchternen Grazie eines Kindes, und nahm den Platz an der linken Seite ihres Gemahls neben der alten Marquise ein, die sie mit mütterlicher Zärtlichkeit empfing. »Da meine Frau als Ungarin unsere deutsche Sprache nur mangelhaft versteht und kaum redet, so sieht sie sich für heute zu ihrem Bedauern noch genöthigt auf das Vergnügen der Unterhaltung mit meinen Freunden zu verzichten,« sagte der Graf noch, dann knüpfte er sofort mit seiner schönen, fast zu Stein erstarrten Nachbarin so unbefangen ein Gespräch an, als gäbe es keine Gräfin Saldern in der Welt und die stolze Delphine war Weltdame genug, um scheinbar heiter auf seine Unterhaltung einzugehen. Dann und wann wandte sich jedoch Alfred Saldern mit einem sonnigen Blick und Lächeln zu seiner jungen Frau, ihr einige leise Worte zuflüsternd, die sie eben so leise und mit einem lieblichen Erröthen beantwortete. Redete er nicht mit ihr, und gönnte die Marquise d'Anville ihr Ruhe, so saß sie ernst und gedankenvoll da und betrachtete mit dem Staunen eines jungen Mädchens das zum ersten Mal den Ballsaal betritt, jene glänzenden Gestalten der Gäste, die sich um die Tafel reihten. Aber überall begegnete ihr Blick dem Ausdruck so lebhafter Bewunderung und Neugier, daß sie endlich ihre dunklen traurigen Augen senkte, und nicht anders wieder erhob als um ihren Gemahl anzusehen, oder jene stolze Purpurblüthe in der silbernen Vase vor ihrem Sitze. – Die junge Gräfin trug ein Kleid von kostbarem indischen Mousselin, mit Spitzen reich verziert, der zarte Hals, die feinen Schultern und Arme schimmerten durch den klaren Stoff doppelt reizend. Die Aermel waren mit Korallenagraffen zurückgenommen, eine Kette von Korallen mit einem prachtvollen Schloß schlang sich um ihren Hals, eine andere um die zierlichen Handgelenke. In dem schwarzen lockigen, kurzverschnittenen Haar trug sie einen Kranz von Granatblüthen. Ihr Gesicht, leicht angehaucht von einem köstlich feinen Bronceton, war bezaubernd in seinen Linien und in dem Ausdruck einer sanften Melancholie. Die Lippen strahlten in köstlicher Frische, und es war nicht möglich sich schönere Augen mit vollkommnerer Zeichnung von Brauen und Wimpern zu denken, so behaupteten wenigstens alle männlichen Gäste des Grafen, während die Frauen den Augen der Gräfin Saldern wenigstens in so fern Gerechtigkeit widerfahren ließen, als sich eine Jede gestand, sie seien, ihre eigenen Augen natürlich ausgenommen, die »hübschesten« im Saale. – Zu diesem glänzenden Vorzug der jungen Frau kam aber noch ein Jugendschein, eine Frische, die in den Herzen der sämmtlichen Schönheiten der Tafelrunde die heißeste Sehnsucht erweckten nach – dem verbannten Kerzenlicht, die Herzen der Männer dagegen in lebhafte Bewegung versetzte. Das war der wirkliche Frühling der sechszehn Jahre der auf dieser Stirn, auf diesen Wangen seinen Siegerthron aufgeschlagen, jener reiche Frühling mit seinem üppigen Grün, seinen Knospen und Verheißungen, seinem Duft und Schimmer. – Ein sechszehnjähriges liebliches Mädchen ist ja eine wilde Rose im Walde, eine Siebzehnjährige eine Moosrosenknospe, die Achtzehnjährige die Moosrose selbst – – die Neunzehnjährige aber schon meist – – eine Theerose – – zuweilen reizend zart, schmachtend – – und Theerose bleibt sie dann bis – – – die Liebe kommt, sie in eine Centifolie zu verwandeln und sie vor dem bittern Loose zu schützen eine – Klatschrose zu werden. –
Als die Tafel aufgehoben war und die Gäste sich zurückgezogen hatten, entließ die junge Frau die glänzende Versammlung mit so vollendeter Haltung, daß Niemand laut gewagt hätte – wenigstens an demselben Tage noch nicht – – die überraschende Wahl des Grafen zu bekritteln. –
| »O meine müden Augen, |
| Ihr müßt blitzen |
| Im Schein der Kerzen |
| Und möchtet doch im Dunkeln |
| Schlafen von euren Schmerzen.« |
Jahre waren hingegangen. Aus der sechszehnjährigen wilden Rose war eine bleiche vornehme Theerose geworden, Czinka Saldern trat als sechsundzwanzigjährige Frau so sicher auf, in der großen Welt, als hätte sie sich von Kindheit an in derselben bewegt. Man bewunderte die junge Frau, man machte ihr den Hof, sie war eine gefeierte Erscheinung wo sie sich zeigte, und die Eigenthümlichkeit ihres Wesens und das Fremdartige ihrer Schönheit rechtfertigte diese Bewunderung vollkommen. Ihre Gestalt war noch immer schlank und zierlich, aber von vollendeten Formen, ihr Gesicht mit dem Ausdrucke geduldiger Trauer um den Mund, und den Augen voll verschleierter Leidenschaft war hinreißender denn je. Sie lernte die deutsche Sprache nie vollkommen und schien sie auch nicht gern zu reden; dieser Mangel und ein unbezwinglicher, fast trotziger Stolz, allen Huldigungen gegenüber, erwarben ihr den Namen die »fremde Königin.« Als eine auffallende Seltsamkeit bezeichnete man ihre Abneigung gegen den Tanz. Niemand konnte sie bewegen auf den Bällen einen Fuß zu heben zu irgend einem Walzer oder Galopp. Sie saß dann ruhig und träumerisch auf der Estrade und schaute zu.
»Solche Musik macht mich nicht tanzen, sie schläfert mich ein,« sagte sie einmal.
Eine zweite Eigenthümlichkeit nannte man ihre unbezwingliche Reiselust. In jedem Frühjahr wurde sie nämlich von einer Unruhe und Sehnsucht nach der Ferne befallen, die nicht eher endete als bis sie in den Reisewagen stieg. Man tadelte den Grafen, daß er alljährlich immer wieder diesen kostspieligen Launen nachgab, den größten Theil des Jahres mit seiner Frau auf Reisen zubrachte und Europa nach allen Richtungen hin durchstreifte. Wie ein Kind froh, lachend und strahlend nahm sie allezeit Abschied, und müde und bleich kehrte sie zurück. Allmählich munkelte man deshalb auch, daß der Graf doch vielleicht nicht ganz glücklich sei, und bemerkte mit weisen Mienen, wie es doch wohl nimmer rathsam sein könne sich eine »Curiosität« als sein Weib heimzuführen. Der Graf selbst gab durch sein Wesen durchaus keinen Grund zu dergleichen Bemerkungen, er erschien alle Zeit heiter und angeregt, arrangirte und besuchte Feste wie sonst, begegnete seiner Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Aufmerksamkeit, hatte nur Augen für sie, schien es aber doch nicht zu sehen, daß die junge Frau, trotz ihres Lächelns, einer welken Blume glich oder einer an Heimweh Erkrankten. Wie man aber in Wien, der unvergleichlichen Kaiserstadt, sich nach irgend etwas zu sehnen vermochte das Draußen lag, das begriff eben Niemand.
War aber Czinka wirklich heimwehkrank? – Sie wußte es selbst nicht. Sie fühlte nur, daß sie gern sterben würde wenn sie noch einmal den Wald von Zircz über ihrem Haupte rauschen, und Anthony Czermaks Geige dazu hätte spielen hören dürfen. Der böse Anthony – wo war er nur, und warum war er davon gelaufen? Tagtäglich dachte sie ja an ihn und alljährlich suchte sie ihn mit einer Angst und Hast, die sie krank machte, – und bis zur Stunde hatte sie noch keine Spur von ihm gefunden. Wie gut doch Graf Alfred war – er hatte ihn so treulich suchen helfen – er hatte sein Versprechen gehalten! – Und wenn sie den Flüchtling endlich wirklich finden würde? Was dann? – Sie kam nicht weiter mit ihren Gedanken – sie dachte nur daran, daß er dann alle die wilden köstlichen Melodien spielen und sie – tanzen dürfe. O, tanzen, nur noch einmal tanzen nach seiner Geige, – das war die heimliche glühende Sehnsucht ihres Herzens. Wie oft verschloß sie sich in ihrem Schlafzimmer und öffnete einen schmalen unscheinbaren Schrein, der zu Häupten ihres Bettes stand, zog dort zwischen einem Bündel von Kleidern ein Paar kleine rothe Schuhe hervor, und legte sie an. Dann hob sie ihr schleppendes Seidenkleid ein wenig und sah lächelnd wie ein Kind auf ihre Füße, stampfte wohl auch einmal den Boden und stellte sich auf die Spitzen und schwankte, wie eine vom Winde bewegte Blüthe, hin und her. Nach einer Weile zog sie die rothen Schuhe aber langsam wieder aus, drückte sie an die Lippen und schluchzte bitterlich. Dann verschloß sie ihre Kleinodien sorgsam wieder und ihre gewöhnliche stolze Haltung annehmend, verrieth, wenn sie die Thür öffnete, kein Zug ihres Gesichts jene heimlichen Thränen.
Im elften Jahre seiner Ehe, gegen das Frühjahr hin, sah sich der Graf genöthigt, seine Frau auf einige Wochen zu verlassen, um nach Steyermark abzureisen. Auf seinem schönen Besitzthum dort, das ihm der Bruder seiner Mutter hinterlassen, war Feuer ausgebrochen, ein Theil der Wohngebäude zerstört worden, und der Gutsverwalter bat dringend um den Rath und das Erscheinen seines Herrn. Gleich nach des Grafen Rückkunft wollte dann das Paar eine längstbesprochene Reise nach Spanien antreten. Alfred trennte sich schweren Herzens von Czinka, es war ja die erste größere Trennung von ihr, und als er sie an einem kalten trüben Märzmorgen zum Abschied in seinen Armen hielt, lag das Vorgefühl eines ungeheuren Wehs auf seiner Brust.
»Sei heiter, Czinka,« bat er, »zerstreue Dich und schließe Dich nicht ab – in vier Wochen spätestens bin ich bei Dir und dann, – Du weißt es ja, dann suchen wir ihn wieder! Und dies Mal vielleicht nicht umsonst.«