Sie sah ihn gerührt an: »Wie gut Du bist!« antwortete sie leise, »tausend Mal besser als der Anthony! Gott segne Dich, Alfred. Ich wollte, Du bliebest hier!«

Er küßte sie noch einmal zärtlich, der Wagen fuhr vor, er ging – sie neigte sich aus dem Fenster und winkte ihm noch einen letzten Gruß nach. Der Wagen rollte dahin. – Als die Gräfin dann die großen Räume durchschritt, um sich wieder in ihr Boudoir zu begeben, strömte plötzlich das Gefühl der Verlassenheit wie ein Eishauch durch alle ihre Glieder. Sie eilte, angstvoll und erschreckt wie ein Kind das sich im Dunkeln befindet, die Treppen hinauf, warf sich in ihrem reizenden Gemach auf den Divan und weinte bitterlich.


Die einzige Freude und angenehmste Zerstreuung der Gräfin seit längerer Zeit und insbesondere nach der Entfernung des Grafen, war der Besuch des Ballets. Sie zog jene Stunden im Theater der glänzendsten Gesellschaft vor, und an jedem Balletabend stand das elegante Cabriolet der Gräfin vor der Thür des Saldernschen Hauses und man konnte später die schöne Frau, meistens in Weiß gekleidet, welche Farbe sie am Liebsten trug, in Begleitung der Marquise in ihrer Loge erscheinen sehen, aus deren dunkelrothem Hintergrund sich der seltsam fesselnde Kopf wundervoll abhob. Kaum vierzehn Tage nach der Abreise Alfreds war ein neues Ballet angekündigt, und beim Beginn der Vorstellung saß Czinka Saldern einsam in ihrer Loge, mit jenem schweren träumerischen Blick und jener nachlässigen Haltung, die ihre Feindinnen verdammten, die aber ihre Anbeter entzückte. Den Theaterzettel hatte sie spielend zusammengerollt zwischen ihren zierlichen Fingern, sie wußte nicht was er ankündigte, das Lesen war so mühsam! Die Marquise d'Anville hütete heute eines kleinen Unwohlseins halber das Zimmer. Das Theater erschien ungewöhnlich gefüllt. Die Logennachbarin der schönen Frau, die alte Herzogin M., erzählte ihr daß heute eine ausgezeichnete Musikbande spielen werde. Der Vorhang flog auf – die Gräfin zuckte zusammen. Alles Blut drängte sich nach ihrem Herzen. – Die Decoration stellte ein Zigeunerlager vor. Das Feuer brannte, Männer und Frauen lagerten im Kreise, spielende Kinder liefen umher, der Mond stand über dem Walde. Da tönte der erste Accord einer fremden Musik – er übertönte einen schwachen Aufschrei, der sonst wohl großes Aufsehen gemacht haben würde, denn er kam aus dem Munde der schönen gefeierten Gräfin Saldern. – Das war ja eine wirkliche Zigeunerbande, die da spielte! Czinka glaubte zu träumen. Das war ja jener hüpfende, hinreißende Tact, das waren jene leidenschaftlich zuckenden Syncopen, der unregelmäßige Herzschlag der punktirten Achtel, die wie Blitze niederfahrenden unvorbereiteten Septimen und Nonen, und endlich diese Halte auf der Dominante, gleich wie stockender Athem bei dem Worte: »ich liebe Dich!« – Sie starrte in wilder Erregung auf die Bühne. Zwölf junge Zigeuner zogen paarweise herein und gruppirten sich malerisch. Aber wer war jener seltsame, schlanke, hochgewachsene Geiger mit der finstern Stirn und den todestraurigen Augen, der jetzt einige Schritte vortrat und ein Geigensolo begann dem das ganze Haus wie von einem Zauber befangen lauschte? – Niemand wußte es, denn sein Name stand nicht auf dem Zettel. Und doch kannte ihn Eine, Eine nannte heimlich seinen Namen, Eine hing an seinen Zügen mit leuchtenden Augen, – aber diese Eine allein regte keine Hand als das ganze Haus in Jubel ausbrach als der Geiger geendet. Man war entzückt, fast verwirrt von der seltsamen Schönheit dieses Spiels. Die Wiener hatten noch keinem der berühmtesten Geigenvirtuosen so toll zugejauchzt wie jetzt diesem braunen unbekannten Zigeuner. Endlich als sich der Sturm gelegt, begann das Ballet, die steif geschnürten gezierten Zigeunerdamen des Balletcorps erschienen nämlich, und begannen einen kunstvollen Tanz nach der plötzlich voll losbrechenden Zigeunermusik. – Da glitt die Gräfin geräuschlos aus der Loge – da lief sie, in ihren leichten Mantel gewickelt, in den feinen Atlasschuhen pfeilgeschwind durch die Straßen nach Hause, da schlich sie wie eine Diebin die Treppe der Dienerschaft hinauf, in ihr Schlafzimmer, da zog sie jenen geheimnißvollen Schrein hervor, schloß ihn auf, warf ihre Kleider ab in fieberhafter Hast, – und schlich nach Verlauf von kaum einer Viertelstunde tief vermummt wieder fort, an dem Kammermädchen und dem Portier vorüber, die zu tief in ihrer Unterhaltung begriffen waren, als daß sie jene vorüberhuschende Gestalt bemerken konnten. – Im Theater war eben der erste Theil des Ballets vorüber, lebhafter Beifall lohnte den erschöpften Ballerinas. Plötzlich verstummte aber der Jubel, denn eine neue Ueberraschung enthüllte sich. – Durch die Reihen der Tänzerinnen brach sich eine schlanke Frauengestalt Bahn. Sie trug einen kurzen rothen Rock mit seltsamen goldenen Zeichen gestickt, ein eng anschließendes Mieder, kleine rothe Schuhe und silberne Ringe an den Handgelenken. Ihr Haar hing in schweren Flechten herab. Wie schön war sie! Wie fremdartig schön! Und doch meinten Viele dies Antlitz schon einmal gesehen zu haben! Aber wo? – Sie warf einen Feuerblick auf den Geiger und rief: »Huzdra Czigány!« (Spiel auf, Zigeuner!) – Da fuhr es wie ein Blitzstrahl durch die Gestalt des Mannes, seine Lippen wurden aschfarben, seine Augen traten aus ihren Höhlen, er regte sich nicht – wie zu Stein erstarrt stand er da. Aber sie trat dicht an ihn heran – jetzt selber so bleich wie er, – und sagte mit der Miene einer Königin: »Huzdra, Anthony Czermak!« Ihr Blick der nicht von ihm ließ, belebte allmählich die dunkle Statue. Wie im Traume erhob der Zigeuner seine Geige und spielte. Was er spielte – in Worten ließ sichs nicht fassen, noch mit Worten bezeichnen: wie gewitterschwüle Wolken zog es über die Häupter der Hörer hin, wie ein glühendheißer Sommerabend voll schweren betäubenden Blumendufts und Wetterleuchten. Im weiten Saale regte sich Niemand. Keiner war da der solches Geigenspiel je gehört. Wer konnte sagen, wo die gewaltigste Schönheit: im Ton, in der Bogenführung, in der Composition? – Und zu diesem hinreißenden Spiel tanzte die fremde Tänzerin wie man noch Keine hatte tanzen sehen. Das war der Tanz wie er zu diesem Spiel gehörte – oder war das Spiel für diesen Tanz gemacht? – Die reizende keusche Beweglichkeit der Glieder – der tolle Jubel und die schmerzliche Lust dieses Tanzes entzückte und erschütterte jedes Herz: – wie Waldesrauschen zog es durch das Haus, wie Elfenmärchen von der todtbringenden Königin zitterte es durch den Saal – wie ein Traum lag es auf Aller Augen. – Die Menge kam erst wieder zur Besinnung als die Zaubergeige längst verstummt war. Das Zigeunerorchester fiel nun rauschend ein. Die Ballettänzerinnen sprangen höher und kunstvoller denn je – die Gestalten des Vorgeigers aber und seiner Tänzerin waren verschwunden!


Im dem kleinen zierlichen Gartenhause des Saldern'schen Gartens lag Anthony Czermak zu den Füßen Czinka's, eine kleine Lampe brannte auf dem Tische, die Läden der Fenster waren geschlossen. Die Gräfin trug aber nicht mehr jenes Zigeunercostüm, das sie während des tollen Tanzes getragen, sie hatte sich in ein weites dunkles Hauskleid gehüllt und einen Mantel fröstelnd um die Schultern geschlagen. Sie sah sehr bleich und erschöpft aus, und ihre Augen hingen voll leidenschaftlicher Trauer an der Gestalt des Geigers, der vor ihr kniete. Langsam strich sie ihm mit der schlanken Hand das lockige Haar aus der Stirn:

»Du siehst so fremd und wild aus,« sagte sie in weichem Ungarisch träumerisch.

»Sage lieber verloren und untergegangen,« antwortete er düster.

»Daß Du mich verloren ist ja Deine Schuld, – Du hast es selbst gestanden, Anthony!«

»Ich konnte nicht mehr an Dich glauben als ich Dich an jenem Abend Stirn an Stirn mit ihm sah, – aber ich wunderte mich, daß ich Euch Beide nicht niederstieß damals.«