Sie blieb bewegungsfaul und träumte gerne. Lachen, springen, lärmen war ihr ein Gräuel. Bis in ihr zwölftes Jahr hatte sie überhaupt niemand lachen gesehen. Noch weniger springen oder laufen. In einer Ecke zusammengekauert oder die gefalteten Hände ums Knie geschlungen, während die weiten Pupillen verloren in die Ferne starrten, war ihr am wohlsten.
Später kam jene Zeit der Unruhe, der Fieber, des Unbehagens ohne Grund, wo aus dem Kind das Weib geboren werden soll.
Da löste sich das erste Lächeln von den geschlossenen Lippen und unter Schmerzen, Zittern und Stolz fühlte sie sich, dem Kinde entwachsen, Mädchen, Weib.
Das war die erste Freude in ihr. Etwas, was sie mit andern einte, gleichmachte.
Denn die Mädchen tuschelten untereinander, ganz rot: „Hast du schon? — hm? — du verstehst —???“
Und die, so noch Kinder waren, wurden wie etwas gar Verächtliches angesehen! Aber in den Augen der andern lag ein Glanz, in ihrer Haltung plötzlich über Nacht ein Stolz, wie in der Pflanze, die eine Blüte angesetzt.
Tatjana kam einst in die Pensionsklasse; sie, die stets zu früh erschien, um sich schweigend, gleich wie in ein Versteck auf ihren Platz zu flüchten, hatte sich verspätet.
Fast alle Kolleginnen waren schon anwesend und sahen mit Erstaunen auf das fast diaphane Antlitz Tatjanas, deren Augen fiebrig glänzten.
Eine Freundin zog sie in die Fensterecke. „Aber Tatjana, was ist’s denn? Ich wette, du — — —“