„Ei,“ sagt die gütige Mutter, „ich habe drinnen einen ganzen Kasten voll Bilder. Da will ich eines nach dem andern hervornehmen und euch zeigen.“
„Wo ist der Koffer?“ rief der neugierige Fritz.
„Sachte mal! Warte nur! Es sind gar keine gewöhnlichen Bilder. Wer nicht ein unschuldig Herz hat, der kann sie gar nicht sehen. Dem Aufmerksamen aber erscheinen sie wunderhübsch, und der Beste sieht sie am schönsten.“
Alle warteten gespannt, denn Mütterchen wußte so schöne Geschichten zu erfinden.
Da fing die Frau an:
„Es war einmal ein Junge, der weder Vater noch Mutter hatte. Beide waren dort draußen am Friedhof unter der Erde. Wenn es ihm gar zu traurig zu Mute wurde, ging er hinaus, um die Eltern zu sehen. Die aber lagen tief unter der schwarzen Erde. Da konnte er sie nicht erblicken. Deshalb weinte er, denn er hatte niemand, der ihm den Weg ins Leben zeigen wollte.
Die fremden Leute, bei denen er wohnte, wiesen ihm die Thüre und sagten: Nun bist du groß genug, dich allein weiter zu bringen, gehe jetzt in die Welt. Irgendwo draußen ist das Glück, gehe hin, es zu suchen.
Darauf schlossen sie die Thüre hinter ihm. Nun war er draußen. Aber es wurde ihm sehr bange. Er fing zu laufen an und es war ihm, als müßte er noch heute an das Ende der Welt, wenn er nicht den Mut verlieren wollte. Da kam er in den verzauberten Wald. Ich will doch ein wenig rasten, meinte er, während er sich auf einen schönen Rasen niederließ. Plötzlich horchte er auf. Durch die Stille des Waldes klopfte und hämmerte etwas, das war sein Herz. Warum fürchtete er sich nur so? Alles war ruhig um ihn, die Vögel ruhten Gefieder an Gefieder; die Blumen blühten still; niemand that ihm was zuleide. Da kam auch der Friede in ihn und er schlief ein. Im Traum erschien ihm eine schöne Fee, setzte sich zu ihm, streichelte ihm die Wangen und küßte ihn auf den Mund. Und plötzlich war es ihm so gut wie noch nie. Er sah sie an, sie war so schön, o so schön! Aber am herrlichsten waren ihre Augen, die schienen so tief, wie der tiefste See und so weit, wie der Himmel. Und wenn man hineinstarrte, wurde man jung und froh.
Ihr klagte er all sein Leid. Er erzählte ihr alles, was er gelitten, aber plötzlich kam ihm dies alles so gering vor, daß er dabei lachen mußte. Und bei der Schilderung jedes neuen Schmerzes von einst lachte er immer mehr, so sehr schien ihm jetzt alles unbedeutend.