Hella sprach mit ihrer selbstüberzeugten, sicheren Jung-Frauenart: „Das Porträt ist sehr schön, aber zu nüchtern. Wissen Sie, es ist so, wie der Wald hier ist, aber das Sonnenlächeln drüber fehlt. Und das ist doch das schönste daran.“
Die Malerin antwortete: „Ja, könnte ich immer, wie ich wollte. Aber ich muß es den Leuten recht machen. So wie die es wollen, muß ich es machen, sonst bekomme ich keine Aufträge.“
Das Mädchen fühlte sich durch diese Antwort angewidert. Sie dachte, man müsse lieber leiden, als seiner Ueberzeugung untreu werden. Nachher schämte sie sich ihrer absprechenden Anmaßung. Dachte, wie schwer das Leben wohl sein mag und wie schrecklich der Kampf um die nötigen Daseinsbedingungen. Und da wurde es ihr klar: einige sind stark genug zu widerstehen und sich endlich durchzusetzen, andere jedoch müssen nachgeben, um leben zu können. Und Leben-Können ist doch der Zweck des Daseins.
Dann sah sie die Malerin an. Sie hatte dunkelgrüne Augen. So ungefähr, wie die dunklen Stellen einer Resedablüte oder eines tiefgrünen Chrysoberylls. Sie selbst aber hatte eine kornblumenblaue Leinwandbluse. Etwas ganz gewöhnliches. Aber dieses Blau, das an sich durch die Art des Stoffes am Kleidungsstücke stumpf erschien, spiegelte im Glanz der Augen in ungeheurer Heftigkeit. Das schwarze Innere der Pupille verschwand. An seiner Stelle leuchtete eine blaue Rundung, wie von blankpoliertem Lapis lazuli. Und rings herum der grüne Kranz des Augensternes. Das Weiße im Auge strahlte gletscherfarben. Es war wunderschön. Etwas Mystischem, Dämonischem glich dieser Anblick. Und es war doch nur der Widerschein der gemeinen Leinwandbluse in den freundlichen Augen der Malerin. Aber daß eben so aus Nichts plötzlich ohne unser Wissen und Zuthun Bedeutendes werde, das ist das Rätselhaft-Wunderbare des Lebens.
Da Hella die Malerin mit begeisterten Worten auf ihre Beobachtung aufmerksam machte, sprach diese ihre Verwunderung aus, daß ein junges Mädchen, welches nicht male, solches bemerke.
„Ja, warum denn nicht,“ sagte Hella. „Woran sollte man sich sonst freuen?“
Die Malerin sagte: „Wenn alle solch’ geübte Augen hätten, wäre für uns das Malen leichter. So müssen wir manches anders malen, als wir es sehen, weil wir wissen, daß es das Publikum nicht verstehen würde.“
Hella erhitzte sich, indem sie erwiderte: „Das sollte kein Maler thun. Das ist ein Versündigen an der Kunst. Mögen die Leute sehen lernen!“
Die Malerin dachte seufzend nach. Dann sagte sie: „Sie haben ja recht. Aber das Leben ist schwer. Indes giebt es ja viele, die wahren Künstler, welche lieber eine Weile den Spott der Wenig-Beobachtenden hinnehmen und getreulich wiedergeben, was sie sehen. Spät, oft erst nach ihrem Tode kommen die, welche sie verstehen und ihnen recht geben. Aber gemeiniglich ist für den gewöhnlichen Menschen der Himmel blau, der Sonnenuntergang gelb, die Anzeichen des Windes am Himmel rot. Damit ist ihr Farbensehen der Natur zu Ende.“