Hella flüsterte geheimnisvoll: „Wissen Sie, jemand anderem würde ich es nicht verraten, man würde mich ja auslachen. Doch Ihnen kann ich es sagen. Ich sah einen Sonnenuntergang, da erschienen die Fenster der Häuser türkisblau. Das war märchenschön.

Und dann ein andermal konnte ich einen Brand beobachten. Unten drängten sich die Menschen wie häßliches Ungeziefer. Es war Sommer und ungefähr ½-9 Uhr abends. Das Licht der Laternen hatte noch keine Leuchtkraft. Aber die Brandlohe war so intensiv, daß sie den Himmel leuchten machte. Nie hätte ich mir dies als möglich gedacht. Das Firmament hatte das tiefe Blau eines südeuropäischen Himmels. Und goldene Sternentropfen fielen aus der Luft. Oben aber, ferne und blaß wie Auerlicht mit schlechtgewordenen Strümpfen, hingen die Sterne. Denken Sie, unsere schönsten Sterne!“

Die Malerin lächelte über diese drollige Beschreibung, während Hella fortfuhr: „Und die Straßen sahen gräßlich aus; durch das übermäßige Licht schien die unbeleuchtete Seite in tiefstem Schatten, die andere aber phantastisch erhellt. Es war, als wäre die Grellheit des Blitzes bleibend geworden.

In allen Fenstern sah man Menschen. Doch man unterschied weder Augen noch Haare. Sondern ihre Gesichter hingen nur wie Riesenbüschel fahlfarbiger Früchte aus den Fensterrahmen.“

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Wieder dachten beide nach. Die Malerin sagte: „Haben Sie gesehen, daß der Sonnenuntergang in manchen Gegenden violett ist?“

Die junge Eigensinnige entgegnete: „Violett? Nein! Aber tieffliederfarben. Es giebt eine Art seltener Syringen, die so tief im Ton sind, d. h.“ und sie verbesserte sich selbst „eine Nuance zwischen tieffliederfarben und mauve.“

Ihr Gesicht drückte ein leises Mißbehagen aus. „Wissen Sie,“ meinte sie zur Malerin, „die Maler können überhaupt meistens die Farben gar nicht benennen.

Aber malen können wir sie! Ja, das ist wahr. Doch wie soll sich der Schriftsteller helfen? Es giebt rot, blau, grün, gelb, weiß, schwarz, violett. Dann sind wir fast fertig. Wie brutal muß da eine Beschreibung sein, während das Auge die herrlichsten Nuancen sieht, die so schön zusammenstimmen, wie Harmonieen.“