Fräulein Helene brachte ihr heimlich alltäglich das Essen hinauf.

Wissen durfte niemand davon, denn ihre Eltern hätten sie gescholten und ihr niemals gestattet, so bei „allerlei Leuten“ herumzulaufen.

Wenn das feine, junge Mädchen über die Treppe der Armut stieg, sorgsam die Röcke raffend, damit dieselben nicht vom Schmutz der Stiege verunreinigt würden, so wurde ihr wirr zu Mute über die Kompliziertheit des Lebens.

Irgendwo war es nur hell, weiß, schön und irgendwo schien alles grau, Schmutz, Ekel. Wenn nur mein Leben heilig und schön bliebe, wünschte ihre Seele.

Die junge Frau kam ihr diesmal nicht entgegen. Sie saß am Bettesrand. Und obwohl ihr armes Leidensgesicht ganz unbewegt schien, gingen doch zwei stille Thränen ihren Weg über die Wangen. Helene wußte nicht, was sie fühlte. Viel Mitleid vielleicht, aber auch Ekel. Dennoch sagte sie mild: „liebe Frau, soll ich Ihnen den Arzt schicken?“

„Nein, nein, danke, Fräulein.“ Und dann stöhnte sie plötzlich auf, als zerrisse ihr Leib. Die Nachbarin kam herein. „Fräuleinchen, fort von hier. Wenn das Ihre Leute wüßten.

Werde schon nach Hilfe sehen. Gehen Sie nur schnell fort und kommen Sie nicht wieder. Sonst giebt es Schelte für uns arme Leute.“

„Soll ich ihren Mann holen? Wo ist ihr Mann?“

„Mann? Hehe! sie hat keinen. Ihr Bräutigam ist fortgelaufen, als sie ihm sagte, daß ein Kind kommt.“