„Ein Kind?“ rief Helene erschreckt, während ein zweites, mächtigeres Grauen in ihrem Innern auflohte. Ihr war, als müßte sie umsinken vor Entsetzen, aber ein Ekel hielt sie aufrecht. Es kam ihr vor, als würde sie mit in den Sumpf gezogen, dessen sie im Halbverständnis der angedeuteten Worte inne ward.

Ihre Seele that heimlich den Eltern Abbitte. So etwas gab es!

Aber die junge Frau stöhnte immer heftiger, während die alte Nachbarin ihr bedeutete, fortzugehen.

Plötzlich entsann sie sich, daß eine neugierige Freundin einmal im Konversations-Lexikon über die Geburt nachgelesen hatte und einer zweiten Freundin hatte es das Dienstmädchen erzählt. Nur ihre Eltern thaten, als wußten sie nichts davon.

Helene zitterte, wollte nicht bleiben, konnte nicht fort.

Das wurde also ein Kind ohne Vater. Und zu solchen Leuten ging sie. Die mußte man ja verachten, das schlechte Geschöpf. Danach dachte sie: muß ich gleich verurteilen, was ich für mich selbst als schlecht empfände? Und sie schämte sich ihrer Pharisäergedanken.

Die alte Nachbarin, die einstweilen Wasser gehitzt und eine Menge Bändchen, Tücher und eine Schere bereitete, sah so ruhig aus. Helene konnte nicht umhin, dies gemeine Weib, mit den groben, furchigen Arbeitshänden mit einer Art Ehrfurcht zu betrachten. Während sie selbst zitterte, war jene die ruhig Helfende. All das Hündisch-Demütige der Armut war von ihr weg, und sie schien von einer stillen Größe. In ihrem Antlitz lag etwas Erzstarres und dennoch Güte. Wie eine Priesterin des Schmerzes erschien ihr die Alte, die der Leidenden zuzurufen schien: „Weib, erfülle Dein Schicksal.“

Helene flüsterte ihr zu: „müssen alle Frauen so leiden?“

„Alle! Die einen mehr, andere weniger, aber alle, alle.“