Eine Wechselwirkung zwischen gewerkschaftlicher Schwäche und Generalstreikpropaganda ist unverkennbar,[685] und der Protest der Föderalisten[686] gegen diese Feststellung wäre nur dann gerechtfertigt, wenn man mit ihnen die Gewerkschaftsstärke nach dem Maß der revolutionären Gesinnung beurteilen wollte.
[685] Dies konstatiert z. B. Vliegen (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28); Enquête, p. 86; usw. — Greulich, ("Wo wollen wir hin?" p. 37), bezeichnet den G-str. als "Kinderphantasie der mangelhaft organisierten Arbeiterschaft".
[686] Vgl. z. B. "Weckruf", 28. Mai 04, "Der Generalstreik".
Der Generalstreikkultus bricht die Kraft der Gewerkschaft.[687] Er verleitet die Arbeiter, "sich von der praktischen Gegenwartsarbeit abzuwenden und Utopistereien nachzuhängen",[688] da sie sich sagen müssen: "was sollen wir jetzt unsere Beiträge zahlen, um kleine Vorteile zu erringen, wenn wir durch den Generalstreik die ganze kapitalistische Wirtschaftsordnung stürzen können?"[689] Nun betreibt allerdings ein Teil der Generalstreikler die Generalstreikpropaganda gerade zum Zweck der Organisation und betrachtet die Organisation selbst wieder als Vorbedingung für die erfolgreiche Durchführung des Generalstreiks. Ihnen erscheint der Generalstreik als "la potenza e la maturità sindacale, che quello traduce o anche soltanto indica",[690] als "Prämie für die allgemeine gewerkschaftliche Organisation, wie der partielle Streik diejenige der Einzelgewerkschaft",[691] und ihnen bedeutet der Weltstreik das "aboutissement logique"[692] des Syndikalismus. Aber diese organisatorischen Tendenzen werden praktisch meistenteils überwuchert durch die Lehre, daß die methodische, aber mühselige Vorbereitung des Generalstreiks durch die Organisation einer bewußten Minderheit, durch den revolutionären Willen, durch die "Durchdringung jedes einzelnen mit dem Klassenbewußtsein"[693] ersetzt werden könne. Kein Wunder daher, daß die Leiter der großen, blühenden Gewerkschaften sich gegen diese organisationshindernde, "gefährliche", "lähmende", "destruktive" Idee energisch zur Wehr setzen,[694] und daß sie nicht nur die Ausbreitung der Generalstreikidee möglichst zu hindern suchen,[695] sondern auch die Diskussion des den Organisationen eigentlich ungefährlichen politischen Massenstreiks[696] möglichst einzuschränken trachten, weil sich mit dem politischen Massenstreik leicht auch der Generalstreik einschleichen könnte.[697]
[687] So bezüglich der französischen Gewerkschaften Legien, "In Köln am Rhein", p. 378; Hue, "Partei und Gewerkschaft"; Rdsch. Soz. Mh. Okt. u. Dez. 05, p. 911, 1067.
[688] Vgl. v. Gerlach, "Maifeier und Massenstreik"; Bömelburg (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 217).
[689] Legien, Prot. Parteitg. Dresden 03.
[690] Vgl. Labriola, a. a. O., p. 211; auch Friedeberg, a. a. O., setzt starke Organisation voraus.
[691] Vgl. Briand, Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32.
[692] Vgl. Louis, p. 308.