[701] Hue, "Partei und Gewerkschaft".
5. Auch die Stellungnahme der Frauen wird als ein wichtiger allgemeiner Faktor des Klassenstreikentschlusses angesehen. Gewiß könnte die Aufforderung zum Streik seitens ihrer Frauen den Arbeitern eine moralische Unterstützung gewähren.[702] Im allgemeinen aber ist die Teilnahme der Proletarierinnen an den Klassenfragen noch so gering, daß dieser weiblichen Förderung des Streikentschlusses vorläufig keine erhebliche Bedeutung beigemessen werden kann. Wahrscheinlicher ist es, daß die Frauen, wegen der voraussichtlichen wirtschaftlichen Folgen des Ausstandes, eher ein retardierendes Element bilden.
[702] Vgl. Glas (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 88); ähnl. Nieuwenhuis (Prot. Int. Kongr. Zürich 1893, p. 23 ff.). Vereinzelt kam diese Unterstützung wohl auch schon vor; so billigten z. B. in Rotterdam (1903) die Frauen ausdrücklich den Streikbeschluß der Männer (vgl. Allg. Ztg. 7./4. 03).
Die allgemeine Disposition zum Klassenstreik läßt sich übrigens noch durch spezielle, künstliche Faktoren vergrößern.[703] Als solche erscheinen zunächst alle Bemühungen, die im allgemeinen der Förderung näherer und fernerer Ziele des Proletariats dienen,[704] außerdem aber auch die Mittel spezieller Vorbereitung des Klassenstreiks: Propaganda und Agitation.
[703] Nach Louis (a. a. O. p. 298) soll überhaupt einzig die Form der Vorbereitung einen Anlaß zu Kontroversen in der gesamten Frage des Klassenstreiks bieten. (?!)
[704] Man wünscht als allgemeine Vorbereitung auf den pol. M-str.-Entschluß gewerkschaftliche Organisation in zentralistischen Verbänden (so Bebel, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.; Bömelburg, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 222; Hue, a. a. O.; Ledebour, Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 433; v. Elm, a. a. O.; Legien, "In Köln am Rhein"; Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 22; Ströbel, Vortrag über den pol. M.str. in einer Steinarbeiterversammlung in Berlin am 12. Nov. 05 [Vorwärts, 14. Nov. 05, 1. Beilage]), genossenschaftliche und politische Organisation, Aufklärung usw. (so Parvus, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 391; Zietz, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326, und viele andere). Als allgemeine Vorbereitung auf den Generalstreik-Entschluß wird bes. föderalistische Gewerkschaftsorganisation, Förderung des revolutionären Bewußtseins, theoretische (anarchistische) Ausbildung, "Erhöhung der Persönlichkeit jedes einzelnen" (Friedeberg, Prot. int. Kongr. Amsterdam 05, p. 26), sowie die Pflege der direkten Aktion, des Internationalismus und Antimilitarismus (vgl. "Weckruf", 28. Mai, "Der Generalstreik"; E. Th., "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9. Dez. 05]; Dejeante, Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28; Quatrehomme, Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p. 337); Sironi, Ernesto, "La Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta ... usw., p. 387, gefordert.
1. Die Propaganda betrachtet es als ihre Aufgabe, die Arbeiter mit dem Klassenstreik "gedanklich vertraut" zu machen, damit sie "allen Eventualitäten gewachsen" seien[705] und im entscheidenden Moment auch wüßten, was sie zu tun hätten.[706] Der Propaganda pflegt im allgemeinen die Diskussion vorauszugehen, die Aussprache über die Arten, Möglichkeiten und Aussichten des Klassenstreiks. Wie berechtigt akademische Erörterungen an sich auch sein mögen, so gefährlich kann ihre Häufigkeit innerhalb der praktischen Tagespolitik, kann der "Sport" mit dieser Idee, kann das "Spielen mit dem Feuer" werden.[707] Nicht etwa, weil durch "fortwährendes Reden darüber" der Gedanke des Klassenstreiks "lächerlich" gemacht und "verflacht"[708] würde, oder weil die Gegner dabei hinter die Pläne der Arbeiter kommen könnten,[709] sondern weil die darin enthaltenen meist noch ungeklärten, zu optimistischen Anschauungen nur allzuleicht trügerische Hoffnungen in den Arbeitern wecken,[710] weil die Arbeiter nur allzuleicht Untersuchung mit Empfehlung verwechseln, weil sich "aus der Gewohnheit, über eine Sache zu reden und reden zu hören, die Lust entwickeln" könnte, "sie einmal anzuwenden, ohne daß immer vorher die Tragweite davon gründlich geprüft worden wäre".[711]
[705] Kautsky, "Maifeier und Generalstreik"; ders. "Der Parteitag in Jena".
[706] Vgl. Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; ders. "Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?"; v. Elm, a. a. O. und Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226; Timm, ebenda p. 222, 223; Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 738, 739; Pouget, "Die Gewerkschaft", p. 25 ff.; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194, 196. — Bebel (Prot. Parteitg. Jena 05 p. 299) nimmt an, die Massen könnten sich für eine solche Maßregel nur nach erfolgter Orientierung über Wirkung und Zweck begeistern.
[707] Leimpeters, "Zum Generalstreik"; Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 22, und andere ähnlich.