[715] Vgl. Legien, "In Köln am Rhein"; Leimpeters (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223); v. Elm, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag".
Aber der Streikentschluß ist doch nicht ausschließlich vom historischen Moment,[716] von der geschichtlichen Notwendigkeit[717] abhängig. Der Effekt der gegebenen Bedingungen kann in gewissen Grenzen durch die künstlichen Faktoren modifiziert werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein Klassenstreik um so eher losbricht, je stärker die Arbeiter daraufhin bearbeitet worden sind, und um so schwerer, je mehr man sie durch spezielle Bemühungen am Streik zu hindern sucht. Natürlich läßt er sich um so leichter heraufbeschwören, je stärker die allgemeinen Umstände das Proletariat zum Massenstreik disponieren, und um so schwerer, je weniger die Arbeiter dazu neigen. Den größten Hindernissen begegnet die künstliche Streikförderung, wenn es sich, ceteris paribus, um den überlegten Streikentschluß handelt, weil hierbei, gerade infolge der Überlegung, auch die Hemmungsvorstellungen besonders deutlich ins Bewußtsein treten müssen.
[716] Legien (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).
[717] Luxemburg, Vortrag über den pol. M-str. in einer von den sozialdemokratischen Frauen einberufenen Volksversammlung am 6. Dez. (vgl. Vorwärts, 2. Beilage, 8./12. 05).
Bei der relativ geringen Bedeutung der künstlichen Faktoren erscheint deren Beeinflussung zwecks Förderung oder Hinderung des Streikentschlusses wenig verheißungsvoll. Ganz besonders wertlos aber erscheinen von diesem Gesichtspunkt aus alle Bestrebungen, die Taktik des Proletariats von vornherein festzulegen und den Klassenstreik als Folge bestimmter Ereignisse vorauszuverkünden.[718] Hängt doch der Ausbruch des Klassenstreiks an tausend Imponderabilien, deren Gruppierungen sich kaum für wenige Tage voraussehen lassen.
[718] Nichts sei verkehrter, als "eine große Aktion beschließen, für die das Angriffsobjekt noch fehlt" (Bebel, "Der Bremer Parteitg.; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 336). — Vgl. auch Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; Bömelburg (Prot. Parteitg. Jena, p. 227, 333; Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 219); v. Elm, "Die Revisionisten an der Arbeit", p. 29; Zetkin (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05).
§ 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks.
1. Die Durchführung eines Klassenstreiks hängt in erster Linie vom Ausharrungsvermögen der Arbeiter ab, und dieses selbst wird zunächst durch das Maß materieller Mittel, über die das Proletariat verfügen kann, bedingt.[719] Denn beim Klassenstreik leidet ja das Proletariat nicht nur unter dem normalerweise eintretenden Lohnausfall, sondern, als Teil des sozialen Körpers, auch unter dem durch den Streik herbeigeführten allgemeinen gesellschaftlichen Druck (Lebensmittelknappheit, Preissteigerung usw.), der auf ihm, als der wirtschaftlich-schwächsten Klasse, am schwersten lasten muß.[720] Wie sehr die Arbeiter auch an Entbehrungen gewöhnt sein mögen, sie können denn doch nicht, wie Bebel meint, einfach "ein paar Wochen hungern";[721] würden doch auch Frauen und Kinder in Mitleidenschaft gezogen werden. Vor dem Hunger verblassen alle noch so leuchtenden Ziele,[722] alle noch so heiligen Vorsätze, und das Proletariat hat dann nur die Wahl zwischen Stürmung der Lebensmittelmagazine, also Hungerrevolte,[723] und Kapitulation.[724] Der Rückzug kann entweder gemeinsam und in guter Ordnung stattfinden oder in zerstreuten Trupps. Dann versandet die Bewegung, und die letzten, die am längsten ausharren, müssen die Zeche bezahlen.[725]
[719] Über die Bedeutung der materiellen Mittel für den Kl-str. sind sich Vertreter aller Richtungen einig; vgl. die Resolutionen über Generalstreiks und über politische M-streiks, z. B. von den internationalen Kongressen in Zürich (p. 53), Amsterdam (p. 24 ff.); ferner Legien (Prot. int. Kongr. Paris 1900 p. 31 ff.); Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196; Jaurès, "Aus Theorie und Praxis", p. 30; Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; Prot. Parteitg. Wien 05, p. 68, 69; v. Elm, "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p. 734; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 331; Grimm, "Der politische Massenstreik"; Branting, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421; Gorter, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; Parvus, "Staatsstreich und politischer Massenstreik"; Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32; ders., "Weltansch."