Daher sind denn auch eine Reihe von Plänen zur Lösung des Hungerproblems aufgetaucht. Der Vorschlag einiger Chartisten, jede Arbeiterfamilie sollte sich vor Ausbruch des Streiks einen Sack mit Lebensmitteln anschaffen, aus dem sie gewiß ihre bescheidenen Bedürfnisse einen Monat lang befriedigen könnte, indes die verwöhnten Reichen bald kapitulieren müßten,[729] war ebenso rührend-naiv, wie undurchführbar. — Die Schaffung eines einigermaßen genügenden Streikfonds[730] setzt eine vorläufig unerreichbare Stärke des Gewerkschaftswesens voraus. — Verproviantierungsschwierigkeiten wären beim parzellierten Klassenstreik allerdings geringer,[731] doch könnten die Unternehmer diese Vorteile durch Aussperrungen illusorisch machen.
— Die Unterstützung durch ausländische Arbeiter blieb bisher
stets in bescheidenen Grenzen, kann die materielle Lage also auch nicht wesentlich verbessern. — Durch weitgehende Ausbildung des Genossenschaftswesens ließe sich noch am ehesten eine mehrwöchentliche, wenn auch bescheidenste Ernährung großer Arbeitermassen aufrecht erhalten;[732] übrigens könnten sich die andern Klassen ebenfalls und vermutlich reichlicher vorsehen, und vielleicht würde der Staat im Interesse der Öffentlichkeit "die proletarischen Magazine beschlagnahmen und zum allgemeinen Wohle verwenden".[733] Immerhin wäre durch die genossenschaftliche Entwicklung die Möglichkeit einer starken Ausdehnung der Streiks näher gerückt. Eine materielle Unterstützung durch andere Klassen (Bezahlung der Streiktage durch die Unternehmer, Sammlungen im großen Publikum usw.) wird immer zu den Ausnahmen gehören, pflegt auch keine bedeutenden Dimensionen anzunehmen. — Der einzige radikale Plan zur Vermeidung der Hungergefahr, nämlich die selbständige Organisation der proletarischen Produktion, oder auch Konsumtion,[734] ist im kapitalistischen Staat unausführbar.

[729] Vgl. Henri Quelch, Enquête, p. 185.

[730] Vorgeschlagen von Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 104 ff.; Kampffmeyer a. a. O.; vgl. auch Friedrich Naumann, "Innere Wandlungen der Sozialdemokratie".

[731] Das Proletariat versetze hierbei "die Gesellschaft in einen Zustand ununterbrochener Unruhe, ohne seine eigenen Kräfte völlig aufzureiben" (Roland-Holst, "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215). Die Arbeiter können ihre Kräfte "jeweilig an solchen Punkten konzentrieren, wo sich ihnen besonders günstige Chancen bieten" (v. Reiswitz, a. a. O., p. 83) und die Arbeitenden können die Streikenden immer wieder unterstützen (vgl. bezgl. Marseille die Allg. Ztg. 11./9. 04).

[732] Vgl. v. Elm, a. a. O.; David, "Rückblick auf Jena"; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 328; Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 104 ff.

[733] Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196.

[734] Vgl. Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32.

Aber das Ausharrungsvermögen des Proletariats hängt nicht nur von seinen materiellen Mitteln, sondern in hohem Maße auch von seinen moralischen Qualitäten ab. Denn mit Zahl und Erregung der Ausständigen wächst die Schwierigkeit, Ruhe und Ordnung zu bewahren, mehren sich die Gelegenheiten zu Zusammenstößen und Ausschreitungen. Die gewaltsame Form des Klassenstreiks führt natürlich ohne weiteres zu revolutionären Auftritten.[735] Aber auch bei einem ganz friedlich beabsichtigten Klassenstreik sind blutige Konflikte auf die Dauer fast unvermeidlich, und zwar nicht nur infolge der physischen Notlage (erhöhte Reizbarkeit der Hungernden), sondern auch deshalb, weil hierbei die üblichen Zusammenstöße mit Arbeitswilligen[736] durch die Klassenleidenschaften verschärft werden; weil ferner in Momenten allgemeiner Aufregung das sogenannte Lumpenproletariat, "alle Schranken der Gesetzlichkeit" durchbrechend, "auf der Bildfläche erscheint";[737] weil auch in solchen Zeiten gewalttätige Fanatiker am leichtesten Einfluß gewinnen, denn "innerhalb einer sich sinnlich berührenden Menschenmenge ... gehen unzählige Suggestionen und nervöse Beeinflussungen hin und her, die dem einzelnen die Ruhe und Selbständigkeit des Überlegens und des Handelns rauben, so daß die flüchtigsten Anregungen innerhalb einer Menge oft lawinenartig zu den unverhältnismäßigsten Impulsivitäten anschwellen und die höheren, differenzierten, kritischen Funktionen wie ausgeschaltet sind";[738] weil endlich jeder Schritt der öffentlichen Gewalt, wie Verhaftungen von Arbeiterführern, ja auch die bloße Verschärfung der staatlichen Sicherheitsmaßregeln, von den gereizten Massen schon wie eine Provokation empfunden und beantwortet werden kann. Die Gefahr liegt also äußerst nahe, daß der Klassenstreik, die Revolution der "gekreuzten Arme", die Revolution "im Sonntagsanzug", "mit den Händen in den Hosentaschen", zu ernstlichen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, daß sie zur Straßenschlacht führe.[739] Dann aber ist die Niederlage des Proletariats so gut wie gewiß. Zwar läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die Bedeutung der Armee durch den Streik selbst ausnahmsweise etwas gemindert werden kann:[740] wenn sich dieser nämlich wirklich bis in die entlegensten Flecken erstrecken, wenn er eine so "ungeheure Ausdehnung" erreichen[741] sollte, daß die Armee nicht groß genug wäre, um allerorten einzugreifen; oder wenn zudem den Soldaten wirklich ein richtiger Angriffspunkt, ein greifbarer Widerstand[742] fehlte, und wenn sie sich infolge bloßen Überwachungsdienstes gedrückt, ermüdet, unsicher fühlen würden.[743] Trotzdem aber ist auch beim Klassenstreik "die moderne Armee einem revoltierenden Volkshaufen stets weit überlegen".[744]

[735] Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 11; ders., "Der Streik als politisches Kampfmittel". — Ebenso würde der Militärstr., der übrigens von den Sozialisten fast durchweg abgelehnt wird (vgl. z. B. Plechanoff, Adler, Liebknecht auf dem int. Kongr. Zürich, Prot. p. 20 ff.), sofort blutige Zusammenstöße veranlassen.

[736] Vgl. Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; Turati, a. a. O. Auch Bernstein ("Ist der politische Streik in Deutschland möglich?") gibt zu, daß es nicht "ohne jedes Opfer", nicht ohne "etwas Schrammen" abgehen werde.