[746] v. Elm, "Rückblick auf den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß"; Friedeberg a. a. O. Die Ansicht, das Milizsystem biete den Arbeitern beim Kl.-str. größere Vorteile, wird z. B. durch die Schweiz. Streikerfahrungen widerlegt — 1902 forderten die sozialistischen Frauen in Brüssel das Militär direkt in einem Manifest auf, nicht auf das Volk zu schießen, aber mit geringem Erfolg (vgl. N. Z. Z. April 1902).

Ein weniger radikales, aber praktisch nicht ganz aussichtsloses Schutzmittel (das aber keineswegs die Verhütung aller und jeder Konflikte gewährleistet),[747] besteht in der Beeinflussung der Arbeiter selbst: vor allem allgemeine Erziehung und Disziplinierung der Massen,[748] dann aber auch spezielle Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung während des Streiks: wie Einrichtung eines Sicherheitsdienstes,[749] Ermahnungen einflußreicher Führer zur Ruhe und Ordnung,[750] Vorkehrungen gegen den in solchen Zeiten ganz besonders verderblichen Alkoholgenuß[751] usw. Hingegen möchte sich die vorherige Aufstellung eines detaillierten Streikplans wegen der Unberechenbarkeit der Verhältnisse als zwecklos erweisen.[752] — Natürlich kann auch durch ausnahmsweise Unterstützung aus anderen Gesellschaftskreisen die moralische Widerstandskraft der Streikenden gehoben werden.[753]

[747] Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik"; ders., "Der politische Massenstreik und der Staatsanwalt".

[748] Dies fordert z. B. die Amsterdamer Generalstreikresolution (Prot. p. 24 ff.); ebenso Zietz, (Prot. Parteitag Jena 1905 p. 326); Bernstein, a. a. O., und viele andere, auch Roland-Holst ("G-str. u. Sozd."; doch fordert sie [p. 119] andererseits eine solche Erregung, daß die proletarische Disziplin durchbrochen werde). Es wird eine möglichst umfassende Organisation und Vorbereitung des Proletariats verlangt, Schulung im täglichen Kampf, sodaß die Möglichkeit des Zusammenhalts und der Ordnung auch nach Gefangennahme der gewohnten Führer bestehen bleibe, Einheitlichkeit der Leitung, wobei es irrelevant sei, ob Partei oder Gewerkschaft die Führung übernehmen, sofern sie sich nur gegenseitig in die Hände arbeiten (vgl. Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel"; Umrath, p. 19, 20; Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff., 732, 733; ders., "Maifeier und Generalstreik"; Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 23; Jaurès, "Grève et Révolution"; Roland-Holst, p. 107 ff.; Friedeberg a. a. O.).

[749] Es wurde 1904 in Mailand eine Art Arbeiterpolizei eingerichtet (vgl. Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 22). Beim polit. Streik in Russisch-Polen verlangte das Arbeiterkomitee von Zawiercie in einem Manifest: Ruhe, Würde und Charakterfestigkeit, und es drohte, bei Diebstahl, Raub und Schlägerei gegen die Schuldigen einzuschreiten (vgl. Dokumente des Sozialismus, V. 9).

[750] "Es müssen die Männer, die bei der Masse Autorität haben, mögen sie den Streik billigen oder nicht, persönlich ihren ganzen Einfluß aufwenden", um ihn in gesitteten Grenzen zu halten (Turati, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien").

[751] Schon der Chartistenkonvent fragte in einem Manifest, ob das Volk bereit sei, während des heiligen Monats vom Genuß geistiger Getränke abzustehen (vgl. Tildsley, p. 46). Beim belgischen Streik warnten die Führer vor dem Alkoholgenuß (vgl. "Allg. Ztg. 16./4. 02; Destrée und Vandervelde, p. 259), der Branntweinausschank wurde eingeschränkt (Destrée und Vandervelde, p. 259): "à Verviers, les cabaretiers socialistes ne débitèrent point de genièvre (Wachholderbranntwein) pendant le temps de la grève; un peu partout, on remarqua la diminution de l'ivroguerie". Beim schwedischen Streik waren die Ausschankstellen für geistige Getränke überhaupt geschlossen (N. Z. Z. 16./5. 02). Das Komitee von Zawiercie (a. a. O.) bedrohte Betrunkene mit 20 Schlägen. In Italien forderte 1904 die Arbeitskammer von Sampierdarena die Verkäufer alkoholischer Getränke zur Einstellung des Verkaufs derselben während der Streikdauer auf (Olberg, a. a. O.).

[752] Vgl. Leimpeters, "Die Taktik des Bergarbeiterverbandes" p. 488; ders. "Zum Generalstreik", p. 884.

[753] Dies soll beim 1. belgischen Wahlrechtsstreik der Fall gewesen sein, desgl. in Rußland 1905; ähnl. auch beim Ruhrstreik.

Das Ausharrungsvermögen des Proletariats ist also von der Größe seiner eigenen materiellen und geistigen Vorräte, plus event. Unterstützung aus bürgerlichen Kreisen abhängig. Die tatsächliche Inanspruchnahme dieser Mittel wird um so größer, die Differenz zwischen proletarischer Opferfähigkeit und Opferwilligkeit um so geringer, die Durchführung des Streiks um so konsequenter sein, je lebhafter das Proletariat seine konkrete Forderung als gerecht und notwendig empfindet.[754]