[754] Vgl. Jaurès, a. a. O.; ders. "Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff.; Roland-Holst, a. a. O. p. 107 ff.; Bernstein, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 34; Prot. Parteitag Wien 05, p. 68, 69. Zur Entwickelung dieser Gefühle im Proletariat wird Vorbereitung verlangt, vgl. z. B. Prot. Parteitag Wien 1894, p. 80 ff.; Luxemburg, (Vorwärts, 8. Dez. 05); Thesing, p. 334.
2. Außer vom Ausharrungsvermögen der Arbeiter hängt die Durchführung des Klassenstreiks aber noch von der Widerstandskraft ihrer Gegner ab.
Diese entspricht einerseits dem Umfang der Gegnerschaft überhaupt, ist also um so größer, je mehr der Streik sich gegen alle Gesellschaftsklassen wendet,[755] je weniger Sympathien er im Bürgertum wecken kann; andererseits entspricht sie den gegnerischen Machtmitteln, resp. deren Zuverlässigkeit und Anwendbarkeit.
[755] Streltzow, a. a. O. p. 136, folgert aus den russischen Streikerfahrungen, daß ein Kl.-str. ohne starke Organisationen nur möglich sei, "wenn er gegen die völlig isolierte Regierung geführt wird".
Da die Zuverlässigkeit der Machtmittel durch allgemeine politische Ereignisse beträchtlich modifiziert werden kann, so hängt der Widerstand der Gegner in hohem Maße vom Zeitpunkt ab, in dem der Klassenstreik ausbricht; dieser hat also um so größere Chancen, je verwickelter die politischen Verhältnisse gerade liegen (z. B. zur Zeit eines unglücklichen Krieges, oder bei tiefgreifender Unzufriedenheit im Volk,[756] oder wenn die Regierung innerlich morsch ist);[757] denn was für den gewerblichen Streik die wirtschaftliche Hochkonjunktur, das bedeutet für den Klassenstreik die allgemeine Krise.
[756] Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel": der pol. M.-str. solle "eine latente Krisis zu einer für die Arbeiterklasse möglichst günstigen Entscheidung treiben", nicht diese Krisis selbst herbeiführen (p. 693). Ähnlich wünschte Resel (Prot. Parteitag Wien 1894, p. 70) für den Wahlrechtsstreik einen Zeitpunkt, "wenn sich die politischen Verhältnisse günstig gestalten, wenn im Parlament eine Konfusion eintreten wird".
[757] Roland-Holst, "G.-str. u. Sozd.", p. 132.
Da ferner die Anwendbarkeit der Machtmittel zum Teil eine Vorbereitung erfordert, so wird der Widerstand der Gegner um so geringer sein, je überraschender, spontaner der Streikentschluß zu Stande kommt.[758]
[758] Deshalb hat man auch schon "in der Überrumpelung" (Roland-Holst, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"), "in der Plötzlichkeit eine Bürgschaft des Erfolgs" (Gorter, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; ähnl. Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 735 ff.; Allg. Ztg. 10./4. 03; Zietz [Prot. Parteitag Jena 05, p. 326]; Thesing, p. 534; vgl. auch Cohnstaedt, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 750) sehen wollen, obgleich die Plötzlichkeit oft mit ungenügender Vorbereitung der Arbeiter zusammenfällt.
Die positive Machtfülle der Gegner wird aber nicht in allen Fällen voll zur Entfaltung gelangen. Vielmehr wird der Grad der Abwehr dem Grad der Beeinträchtigung entsprechen, die der Ausstand herbeiführt oder herbeiführen will. Der Widerstand wird also von Größe und Form, Ziel und Wirkungsweise des Klassenstreiks abhängen. Ceteris paribus löst ein Demonstrationsstreik beim Gegner eine geringere Reaktion aus, als ein Pressionsstreik; ein Pressionsstreik hat aber in der Defensive immer noch größere Chancen, als in der Offensive.[759] Eine Pression zu Gunsten von Teilforderungen ruft um so mehr Widerstand hervor, je mehr diese die Interessen des Gegners berühren;[760] sie wird aber immer noch weniger Widerstand erregen,[761] als ein Klassenstreik mit sozialrevolutionären Zielen, bei dem sich alle noch so entfernten Freunde der bestehenden Ordnung sofort um die Regierung scharen[762] und deren Aktionskraft auch in physischer Hinsicht beträchtlich steigern würden.[763] — Verschiedene Sozialisten nehmen an, die Klassenstreiks müßten ständig zunehmen.[764] Denn weil bei der Entwicklungshöhe des Kapitalismus und der Reife der Arbeiterklasse für die Gegner immer mehr auf dem Spiel stehe,[765] sähen sie jeden Kampf als Existenzfrage an[766] und steigerten ihren Widerstand. Deshalb müßten die Streiks immer mehr revolutionären Charakter annehmen. Eine solche Behauptung übersieht die Möglichkeit einer sozialen Spannungsmilderung.