[768] Friedeberg ("Weltansch." und "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3) behauptet, der "Klassenstaat" könne, da er auf der Ausbeutung des Proletariats beruhe, nur überwunden werden, indem man durch den Generalstreik die Ausbeutung aufhebe. Diese Beweisführung ist keineswegs zwingend. Der Lärm, den die gleichzeitige Stimmerhebung zahlreicher Personen verursacht, läßt sich nicht nur durch plötzliches Verstummen aller Beteiligten beseitigen, sondern auch durch die Einreihung der gleichzeitig ertönenden Stimmen in eine harmonische Ordnung, so daß, statt in gänzliche Totenstille, der Lärm sich in einen wohllautenden Chorgesang auflöst; auch gegen die "Ausbeutung" des "Klassenstaats" kann es noch andere Mittel geben, als die bloße Negation seiner Grundlagen.

[769] Aus diesen Gründen lehnten den Klassenstreik ab z. B. W. Liebknecht (Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126, Zürich 1893, p. 24; Prot. Parteitg. Köln 1893, p. 170, 171); Vliegen ("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196); Aveling, Plechanoff (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20, 27); David, "Die Eroberung der politischen Macht"; Düwell, p. 233; Greulich, "Wo wollen wir hin"? p. 35 ff.; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 302; ähnlich schon Atwood (vgl. Tildsley, p. 48, 49); anderer Meinung z. B. die Redaktion von "De Nieuwe Tijd" (Bericht an den Parteivorstand ... usw.), weil sich die tatsächlich vorhandene Macht erst durch die Praxis ausweisen könne, zudem die Praxis selbst ein Machtfaktor sei; Dr. Liebknecht verwirft ebenfalls die Argumentation: "wenn wir den Generalstreik machen können, brauchen wir ihn nicht mehr", weil man ja auch durch aktuelle politische Ereignisse "in den Generalstreik hineingedrängt werden" könne. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, so wäre damit doch noch nicht der Erfolg eines Kl.-streiks, am wenigsten der eines revolutionären Kl.-streiks garantiert!

§ 23. Bedingungen des Erfolges des Klassenstreiks.

Der Erfolg des Klassenstreiks, — mit Ausnahme des reinen Demonstrationsstreiks, der keine unmittelbare Verwirklichung seiner Ziele erstrebt, — besteht in der Erfüllung der Streikforderung, hängt also in erster Linie von deren objektiver Realisierbarkeit ab.

Zur Erfolglosigkeit wären daher von vornherein alle jene Klassenstreiks verurteilt, die sich die Einführung einer neuen Gesellschaftsordnung zum Ziele setzen würden.[770] Davon sind auch Sozialisten, wie Bernstein, Jaurès, Roland-Holst usw. durchaus überzeugt. Selbst angenommen, daß ein Klassenstreik die einzelnen Unternehmer zu verdrängen,[771] die Betriebe wirklich in eine gewisse Abhängigkeit von der Arbeiterschaft zu bringen vermöchte und die Herrschaft in einem Industriegebiet eroberte, so wäre damit doch noch nicht das Unternehmertum als solches beseitigt, die proletarisch-politische Herrschaft konsolidiert.[772] Setzt doch die sozialistische Gesellschaftsordnung einen außerordentlich höher entwickelten Kapitalismus, ein außerordentlich größeres und vollkommener organisiertes Proletariat voraus, als vorhanden oder für absehbare Zeit vorauszusehen ist.[773] Nach Anschauung mancher Syndikalisten freilich wird "in den Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Inwelt der Faktor des Innenlebens immer wesentlicher" (Friedeberg); danach ließe sich also der Sozialismus auch schon vor Eintritt seiner materiellen Voraussetzungen herbeiführen, wenn nur in den Arbeitern mittels psychologischer Beeinflussung die Einsicht in das Wesen der "Klassenherrschaft" entwickelt worden ist. Diese Lehre, der sog. "historische Psychismus", dürfte wohl als natürliche Reaktion gegen die Übertreibung des historischen Materialismus anzusehen sein. — Nicht ganz so weit, wie Friedeberg, geht Thesing: der Wille des Menschen mache Geschichte, nicht automatische Gesetze, wie ein misverstandener Marxismus lehre; dieser sei auch schuld, wenn man die seiner Ansicht nach einzige wirksame Waffe, den politischen Generalstreik, verleugne.[774]

[770] Vgl. Bernstein (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194); Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 26 ff.; "Hamburger Echo", 27. Aug. 05, Art. "Anarcho-Sozialismus".

[771] "Die gefestigte ökonomische Macht der Kapitalisten kann nicht durch die wirtschaftliche Ohnmacht hungernder Arbeiter gestürzt werden" (Kampffmeyer, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"). Streiks scheinen nicht dazu führen zu können, "das Lohnsystem in seinen Grundfesten zu erschüttern und eine wesentlich andere Verteilung des Arbeitsertrages herbeizuführen" (Stieda, Art. "Arbeitseinstellungen", im Hdwb. d. Staatswften.). Durch Aufhören von Produktion und Zirkulation und durch Bedrohung von Person und Eigentum werde überhaupt die bürgerliche Gesellschaft noch nicht gestürzt, wie die großen Kriege und Invasionen bewiesen (Jaurès, "Aus Theorie und Praxis", p. 111 ff.).

[772] Der Großbetrieb würde vielleicht einige Firmenänderungen aufweisen. — Jaurès meint, in den gerade durch den Streik selbst isolierten Wirtschaftszentren würden bald wieder reaktionäre Herde entstehen, so daß die Revolution sich selbst verzehren müsse.

[773] Eine Arbeiterschaft, "completamente organizzata e federata", wie Thesing (p. 334) sie als Voraussetzung des G-streiks und des Sozialismus verlangt, sei aber "völlig unmöglich" (Kautsky, "Lehren des Bergarbeiterstreiks", p. 775), denn die Organisation werde "stets nur eine Elite oder Aristokratie der Arbeiterschaft umfassen."

[774] Vgl. die Kritik des "revolutionären Syndikalismus" bei Sombart ("Sozialismus und soziale Bewegung", insbesondere p. 140 ff.); Sombart folgert aus der Unhaltbarkeit der syndikalistischen "Gewerkvereinstheorie" auch die Unhaltbarkeit des Generalstreiks: wenn nämlich der Syndikalismus "nichts anderes, als die Erziehung des Arbeiters in den Gewerkvereinen für nötig hält, um alle erforderlichen Qualitäten des neuen Produzenten zur Entfaltung zu bringen", so wäre selbst bei vollständigem Sieg des Generalstreiks das Proletariat "doch nicht imstande, ... ihn auszunützen", da eben die "subjektiven und objektiven Bedingungen der neuen Produktionsweise" noch nicht erfüllt sein würden (a. a. O. p. 141).