Bei weniger utopischen Forderungen hängt der Erfolg von der Stärke des Streikdrucks ab. Dieser ist, soweit er vom Proletariat selbst ausgeht, nach oben durch die tatsächliche Macht des Proletariats begrenzt, also einerseits durch seine politische Bedeutung, die auf der "gewaltigen Zahl seiner Köpfe"[775] beruht, und andrerseits durch seine ökonomische Bedeutung (seine "gesamte organisierte wirtschaftliche Macht",[776] seine "reale Macht"),[777] die auf der tatsächlichen Abhängigkeit der Gesellschaft von der proletarischen Arbeitsleistung beruht.

[775] Prot. Parteitg. Jena 05, p. 291; Friedeberg (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 26, und "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32) behauptet, im G-str. komme die psychologische Macht der Arbeiterklasse zum Ausdruck; ihre wahre Macht bestehe nämlich in einer möglichst großen Zahl völlig freier Persönlichkeiten.

[776] Lensch, "Politischer Massenstreik und politische Krisis".

[777] Hilferding, a. a. O. Die ökonomische Macht des Proletariats wachse "organisch hervor ... aus der Stellung und Funktion des Proletariats in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung" (Dr. Liebknecht, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327; vgl. auch Hilferding, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 135 ff.); Thesing, p. 334, nennt als einzige Macht des Proletariats dessen Persönlichkeit und Arbeitskraft.

Diese Abhängigkeit ist eine ungeheure, aber keine absolute.

Handelt es sich doch nicht um die gesamte soziale Arbeitsleistung, deren Verweigerung allerdings ohne weiteres den ganzen "Zirkulations- und Produktionsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft ... an einem Tage zum Stillstand" bringen[778] und eine tatsächliche Aushungerung der Gesellschaft bewirken würde,[779] sondern nur um den Bruchteil gewerblicher Tätigkeiten, der sich in den Händen des Proletariats befindet.[780] Dieser Bruchteil ist freilich keine Kleinigkeit; und da das Proletariat gerade im Verkehrs-, Transport- und Nachrichtenwesen, im Beleuchtungs- und Reinigungsdienst, in den Groß- und Mittelbetrieben von Industrie und Bergbau sehr stark vertreten ist, also durchaus nicht nur "für die Behaglichkeiten des Lebens"[781] sorgt, sondern einen großen Teil der gesellschaftlich unentbehrlichsten Arbeit verrichtet,[782] so würde ein Streik des gesamten Proletariats einer vollständigen sozialen Arbeitsunterbrechung immerhin sehr nahe kommen.[783]

[778] Eine solche Wirkung erwartete vom Kl-str. z. B. Werner, Opposition der "Jungen" (Prot. Parteitg. Erfurt, 1891); ähnlich Eckstein, p. 363; Quatrehomme, Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p. 337, usw.

[779] Henry George soll gesagt haben: "wollte einmal die produktive Arbeit in London gänzlich feiern, so würden die Menschen in wenigen Stunden hinzusterben beginnen" (cit. bei Grosch). Die Absicht, durch den Kl-str. die Gesellschaft "auszuhungern", ist heute übrigens allgemein als unhaltbar aufgegeben (vgl. z. B. Bernstein: "Der Streik als politisches Kampfmittel" p. 691; ders. "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195 usw.).

[780] Es waren z. B. von den 22,1 Mill. Erwerbstätiger Deutschlands (1895) 3-4 Mill., 36,3 Proz. sämtlicher gewerblicher und industrieller Arbeiter, in Groß- und Mittelbetrieben beschäftigt (cit. bei Kampffmeyer, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht", p. 874 ff.). "Die Großindustrie wird lahmgelegt, aber eine absolute Arbeitseinstellung ist undenkbar" (Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 197 ff.); vgl. auch Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff., usw.