[781] Wie Grosch, p. 14, 15 annimmt.

[782] Hilferding, a. a. O. p. 141.

[783] Kautsky ("Die soziale Revolution", I, p. 50) meint, daß jede Existenz unmöglich gemacht würde, wenn alle Arbeiter eines Landes die Arbeit einstellten, worunter er wohl nur die Lohnarbeiter versteht. — Übrigens können Landwirtschaft und industrielle Kleinbetriebe auch während des Kl-streiks, freilich unter erschwerenden Umständen, in einem gewissen Umfang weiterarbeiten.

Doch diese ungemein große relative Abhängigkeit der Gesellschaft von der proletarischen Arbeitsleistung wird insofern gemildert, als die Beteiligung des gesamten Proletariats am Klassenstreik praktisch überhaupt ausgeschlossen erscheint. Denn die Arbeiterschaft enthält zahlreiche, und darunter allerbedeutsamste Elemente, die entweder aus Indifferenz der Bewegung fernbleiben, oder sich gar mit Absicht vom Streik ausschließen, teils, weil sie aus wirtschaftlichen oder rechtlichen Gründen nicht streiken können,[784] teils, weil sie aus prinzipiellen Gründen nicht streiken wollen.[785] Die Beteiligung des Proletariats wird im allgemeinen um so größer sein, je weitere Kreise das Streikziel als ein Bedürfnis empfinden,[786] je stärker die proletarischen Organisationen sind, je lebhafter sie sich am Ausstand beteiligen,[787] je intensiver also ihr Beispiel auf Unorganisierte und Indifferente wirken kann.[788]

[784] Z. B. die Staatsarbeiter (vgl. Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 34, p. 7), also vor allem Eisenbahner (ca. 1/8 der deutschen Eisenbahner hat Beamtenqualität [vgl. Kampffmeyer, p. 874 ff.]), Post- u. Telegraphenangestellte (vgl. Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 112 ff.; Parvus, "Staatsstreik und politischer Massenstreik", p. 391). Wirtschaftlich gebunden sind z. B. meist auch die Hausindustriellen (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894).

[785] In Betracht kommen hier vor allem die sog. gelben Gewerkschaften, die prinzipiell den Klassenkampf verwerfen. — Cohnstaedt ("Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 748) glaubt, daß einem Wahlrechtsstreik in Deutschland sich die christlichen und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften anschließen würden; das bezweifelt Düwell (p. 249), und wohl mit Recht; er meint, daß diese Gewerkschaften höchstens bei spontanem Streik vorübergehend mitmachen würden. — Das Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften kann sich "keine größere Diskreditierung des Gewerkschaftswesens denken", als seine Indienststellung für den politischen M-str.; "im Interesse der Selbsterhaltung und der praktischen Reformarbeit müssen die Gewerkschaften aller Richtungen gegen alle Versuche, politische Massenstreiks zu inszenieren, Front machen", auch gegen die "gewaltlosen Demonstrationen, welche Bernstein empfiehlt" (cit. in der Soz. Prx. XIV, Nr. 50, Sp. 1318). Beim holländischen Aprilstreik 1903 standen die christlichen Gewerkschaften auf Seiten der Regierung (vgl. Roland-Holst, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland"). Der Gesamtverband der national gesinnten Eisenbahner Süddeutschlands schließt partielle und allgemeine Ausstände zur Erreichung seiner Zwecke (Pflege der gemeinsamen geistigen und materiellen Interessen) ausdrücklich aus (vgl. Soz. Prx. XIV, Nr. 51, Sp. 1346, 1347).

[786] von Elm (Prot Parteitg. Jena 05, p. 33): beim Wahlrechtsstr. würden auch die Massen der Unorganisierten zuströmen; ähnlich Luxemburg (vgl. Vorwärts, 8. Dez. 05) sobald die Notwendigkeit zum M-str. gegeben sei, würden die Unorganisierten zuströmen.

[787] "Die freien Gewerkschaften umfassen nur etwas über eine Million Arbeiter, die Sozialdemokratie beschränkt sich auf 1/8-1/4 des deutschen Volkes" (v. Gerlach, "Maifeier und Massenstreik"); übrigens soll auch bei diesen die vollzählige Beteiligung noch durch wirtschaftliche und prinzipielle Rücksichten sehr in Frage gestellt sein (vgl. Leimpeters, "Zum Generalstreik", p. 882; Giesberts, a. a. O. p. 35).

[788] Vgl. Cohnstaedt, a. a. O.; Gorter, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; Düwell, p. 248 ff.; Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel"; Luxemburg (cit. von Wilhelm Schröder, "Sisyphusarbeit"). Nach Ansicht der französischen Syndikalisten genügt zur Mobilisierung der Indifferenten schon der Streik einer bewußten Minorität. Nach Louis, p. 299, braucht nur ein Teil des Proletariats organisiert zu sein. Kautsky ("Allerhand Revolutionäres", p. 732, 733) verlangt ein intelligentes Proletariat, das zudem einen überwiegenden Bruchteil der Bevölkerung bilden müsse.

Aber die effektive Arbeitsruhe, also auch die Größe der sozialen Wirkung des Klassenstreiks, entspricht doch noch keineswegs genau der Zahl der Ausständigen, vielmehr bleibt sie in der Regel hinter derselben zurück. Denn einerseits kehrt stets ein Teil der Streikenden, aus Furcht vor den Konsequenzen des Ausstandes (Entlassung, Aussperrung, Not, Verfolgung usw.), bald wieder zu den verlassenen Arbeitsplätzen zurück, und diese Streikflucht nimmt natürlich mit der Dauer des Streiks zu. Andererseits stehen der Gesellschaft zur Verrichtung der notwendigsten Arbeit[789] stets zahlreiche Ersatzkräfte zur Verfügung: vor allem die "Reservearmee". Diese wird um so größer sein, je geringere Rücksicht bei der Wahl des Streikbeginns auf die wirtschaftliche Konjunktur genommen werden konnte,[790] und je mehr die technische Verknüpfung der einzelnen Betriebe untereinander auch Gegner des Streiks zum Feiern zwingt. Weitere Hilfe leistet der Gesellschaft das Militär, und zwar sowohl die regulären Truppen[791] im aktiven Dienst und die Spezialtruppen,[792] als auch die Reserven, zu denen auch die Mehrzahl der Ausständigen zu gehören pflegt; durch "Militarisation" können diese also zu ihrer eigenen Arbeit und damit zum "Verrat" an ihrer eigenen Sache gezwungen werden.[793] Schließlich wird auch das Bürgertum selbst einen Teil der Arbeit übernehmen, teils durch weitgehende Anspannung des Kleinbetriebes,[794] teils durch Aufrechterhaltung gemeinnütziger Betriebe mit Hilfe von qualifizierten bürgerlichen Kräften.[795] Letztere stehen um so reichlicher zur Verfügung, je mehr der Klassenstreik auch ihnen eine unfreiwillige Muße auferlegt.