[798] Grosch, wie auch Vliegen, nimmt an, daß alles, "was nicht Lohnarbeiter ist, die ganze Bourgeoisgesellschaft und ... die ganze Landbevölkerung", die ganze öffentliche Meinung, sich feindlich zum Kl-str. stellen würden. — Bebel glaubt umgekehrt (vgl. Prot. Parteitg. Jena 05, p. 308), daß bei Wahlrechtsraub (und Wahlrechts-Streik) die Arbeiter in manchen bürgerlichen Kreisen Sympathie fänden; ähnl. v. Elm (ebenda, p. 331). — Penzig, p. 41, meint, der legale Kl-str. habe "das rechtliche Empfinden jedes Denkenden" für sich. — Die Bedeutung der öffentlichen Meinung bei proletarischen Bewegungen wird durch den Vorschlag des Grafen Czernin ("Die Bekämpfung der passiven Resistenz" p. 9) illustriert; dieser schlägt vor, man solle sich bei einer etwa wiederkehrenden Eisenbahnerobstruktion um die Aufrechterhaltung des Personenverkehrs nicht so besonders bemühen; dann werde sich die öffentliche Meinung gegen die Eisenbahner wenden, und die Bewegung müsse bald ein Ende nehmen.
[799] Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl. auch Roland-Holst, "G.-str. u. Sozd.", p. 132 ff.; ab-Yberg, p. 9; Cohnstaedt, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie"; Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 693; ders., "Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33, 34.
[800] Eine solche Bearbeitung verlangt Jaurès, "Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff.; David ("Rückblick auf Jena") wünscht, daß die Intelligenz, die geistigen Arbeiter, die die öffentliche Meinung machen, Cohnstaedt (p. 749) fordert, daß, wenn möglich, Regierung und Staatshaupt gewonnen werden sollten.
[801] Resel, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70; Ellenbogen, ebenda p. 54; Cohnstaedt, a. a. O. p. 749; Hilferding, "Parlamentarismus und Massenstreik". Politisch-revolutionäre Forderungen können wohl höchstens unter so exzeptionellen Umständen, wie gegenwärtig in Rußland, bei den bürgerlichen Klassen Unterstützung finden.
— Branting ("Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 622, 623) hielt
einen weiteren Kl.-str. in Schweden auch deshalb für inopportun, weil die anderen Gesellschaftsklassen, auf deren Unterstützung die Arbeiter angewiesen gewesen wären, "es gar nicht verstehen würden, daß die Arbeiter solche Störungen wegen Einzelheiten in einem Stimmrechtsvorschlage hervorrufen wollten".
[802] Bernstein, "Ist der politische Streik in Deutschland möglich?" p. 34; Heine ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?") nimmt an, daß die mit einem Kl-str. zusammenhängende Lebensmittelverteuerung die Mittelklassen sehr gegen den Streik aufbringen werde.
Je weniger ein Klassenstreik aus eigenen Mitteln siegen kann, um so mehr ist er von der Bundesgenossenschaft der Mittelklassen abhängig. Daraus folgt, daß seine Chancen um so größer sind, je friedlicher seine Form, je beschränkter seine Ausdehnung, je legaler seine Wirkungsart, je bescheidener sein Ziel und je seltener seine Anwendung.
Zweites Kapitel: Wert des Klassenstreiks.
§ 24.
Die bisherigen praktischen Erfahrungen haben keine besonders günstige Bilanz für den Klassenstreik ergeben.[803] Zwar erscheint unter gewissen Umständen die Möglichkeit eines Sieges theoretisch nicht ausgeschlossen. Der Klassenstreik kann also nicht in allen Fällen a priori als unzweckmäßig angesehen werden. Die Aussichten auf einen Erfolg sind jedoch unter den heutigen Verhältnissen so schwach, daß man dem Klassenstreik nur einen recht geringen Wert beimessen darf. Dieser nimmt aber noch erheblich ab, wenn man die bitteren Konsequenzen in's Auge faßt, die jeder versuchte oder durchgeführte Klassenstreik den Arbeitern zu bringen pflegt.