[803] Dies wurde anerkannt z. B. von Vliegen ("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", und Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28); Braun, "Das Ergebnis des Gewerkschaftskongresses", p. 113.

Er legt ihnen nicht nur spezielle materielle Opfer auf,[804] sondern auch noch die allgemeinen Lasten einer solchen "Gesellschaftskatastrophe".[805] Von den strengen Marxisten wird diese letztere übrigens auch noch als eine unerfreuliche Hemmung der ökonomischen Entwicklung verurteilt.

[804] Vgl. z. B. Olberg, "Der italienische Generalstreik", p. 22; Umrath, p. 20. Überraschend ist die Prophezeiung, bei einem Massenstreik in Deutschland würden "die gewerkschaftlichen Organisationen gleich den politischen nicht nur nichts zu befürchten haben, sondern würden noch einmal wiedergeboren und zehnfach gestärkt daraus hervorgehen" (vgl. Luxemburg, Vorwärts, 8. Dez. 05).

[805] Vgl. David, "Die Eroberung der politischen Macht", p. 21.

In psychologischer Hinsicht gefährdet der Klassenstreik die Arbeiter ebenso sehr durch die gepriesene "revolutionierende Wirkung"[806] eines siegreichen Kampfes, wie durch die Wirkung des Mißerfolges: dort leicht Selbstüberschätzung, hier Entmutigung, Verstimmung und Erschütterung des Vertrauens der Arbeiter zu ihren Führern.[807] Freilich, wenn wirklich jeder einzelne Teilnehmer den Streikentschluß als eine Gewissenspflicht betrachtete,[808] wenn wirklich jeder einzelne es als Ehrenpflicht empfände, "seine Existenz einzusetzen für sein Recht",[809] oder von der Überzeugung durchdrungen wäre, "daß er einen Kampf für die Zukunft, für die Erhöhung der ganzen Menschenart kämpft",[810] dann könnte der Klassenstreik eine subjektive Heldentat darstellen.[811] Aber diesem subjektiv-ethischen Gewinn stünde doch nur allzuhäufig ein objektiv-ethischer Verlust gegenüber. Fragt man nämlich, ob der Klassenstreik "unter die Kampfmittel gerechnet werden darf, die bei einem das Endziel der sozialen Versöhnung nicht aus dem Auge verlierenden Klassenkampf als erlaubt und berechtigt gelten können",[812] so wird man den Klassenstreik zwar allerdings als Mittel der Notwehr billigen[813] und in solchen Fällen selbst die im Gefolge des Ausstandes auftretenden Gewalttaten entschuldigen.[814] Doch da der Klassenstreik in jedem Falle einen so außerordentlich schweren Schlag für die Gesamtheit bedeutet,[815] so dürfte sich seine moralische Zulässigkeit wohl auf diejenigen Fälle beschränken, in denen es sich nicht nur um ein wertvolles Ziel handelt, sondern in denen auch ein Erfolg als wahrscheinlich vorausgesehen werden kann.[816] — Der direkten Revolution gegenüber stellt der Klassenstreik das friedlichere Mittel dar. Er kann die Revolution ersetzen, ähnlich wie die Friedensblockade unter Umständen den Ausbruch des Kriegs hindert. Wie diese jedoch leicht in offene Feindseligkeit übergeht, so kann auch der Klassenstreik leicht in die Revolution umschlagen.

[806] Vgl. Düwell, p. 253. Die gewöhnliche Folge des Siegs, Übermut und Selbstüberschätzung, werden leicht die Veranlassung von Niederlagen, wie 1903 in Holland.

[807] Vgl. Heine, a. a. O.; Bömelburg (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 220 ff.). Auch schreckt der Mißerfolg vor der Wiederanwendung ab, was freilich nur in den Augen der Klassenstreikpropheten als Nachteil erscheinen wird.

[808] Vgl. Tönnies, "Der Massenstreik in ethischer Beleuchtung", p. 541.

[809] Eckstein, p. 363; vgl. die Motivierung des pol. M-streiks bei Bernstein ("Pol. Mstr. u. pol. Lage", p. 28; ders., "Ist der pol. Streik in Deutschland möglich?", p. 36; ders., Prot. Parteitg. Bremen, p. 194); ähnl. Bebel (Prot. Parteitg. Mannheim, 06, p. 230).