Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte; brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233] Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach, als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren; da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die liberale Welle trug.

[230] Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20. April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr ähnlich gesehen habe. — Und ähnliches läßt sich z. B. die N. Z. Z. unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt, den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu zwingen".

[231] Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von 1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse ... und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach ist und nachgibt" (vgl. Vliegen, "Der Generalstreik als pol. Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit: denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16 Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.

[232] Anders Bernstein, a. a. O. p. 20.

[233] Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.

[234] Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl. Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892 abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme, daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld unterstützt worden sei, — allgemeines Wahlrecht, belgische Republik, Annexion durch Frankreich — (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum ernst zu nehmen sein.

[235] N. Z. Z. 21./4. 93.

[236] Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5. 93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z. 19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer, das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. Adler, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.

[237] Bömelburg, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).

Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28 Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U. (suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer "Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901 verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang April 1902 traten Tausende von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte. Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln),[248] oder verzweifelten sie daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16. April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250]