[248] Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02); Vandervelde a. a. O. p. 45.
[249] Bourdeau, p. 429.
[250] Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).
Der Ausstand verbreitete sich "blitzschnell über das ganze Land"[251] und erreichte am 18. April mit 300-350 000 Teilnehmern[252] Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253] wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter streikte,[254] und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255] sich zurückhielten.[256] Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257] traten nun mehr und mehr für Respektierung der Legalität ein;[258] hatte doch die Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259] gegenüber vollste Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale Arbeitsruhe erschüttern.[260] Die vereinigte Opposition[261] vermochte nicht einmal die Auflösung der Kammer durchzusetzen,[262] und da auch die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263] so mußte die Linke in den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit 82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte sich.[264] In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265] doch der Weisung des Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu normalen Verhältnissen zurück.[266]
[251] N. Z. Z.; vgl. auch Luxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über 150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle nennenswerten Betriebe; man spricht von 200 000 Ausständigen, von einer "nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.
[252] Vgl. Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; Enquête, p. 163; Luxemburg, a. a. O.; Vandervelde a. a. O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; Bourdeau.
[253] Vandervelde, a. a. O. — Der Streik erfaßte in erster Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre), ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie, teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw. haben nahezu volle Arbeitsruhe.
[254] Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen sich aus.
[255] Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotz Destrées diesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl. Vandervelde a. a. O.).