[266] Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des 18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl. Allg. Ztg. 18./4. 02; Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; Destrée und Vandervelde, p. 261).

So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte: die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267] die Einigung der Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268] die Neubelebung des antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269] das waren teils höchst zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem Einfluß[270] nicht entfernt ausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271] an welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272] vielmehr mußte der Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht; insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt.

[267] Vgl. Anseele, a, a. O.; Luxemburg, a. a. O.; Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.

[268] Anseele, a. a. O. p. 412.

[269] Vandervelde, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p. 47.

[270] Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der Niederlage (vgl. Vliegen, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 196; Bourdeau, p. 430); — bei den Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl. Vandervelde, a. a. O.; Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl. Anseele, "Die belgischen Wahlen"). — Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (Anseele, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; Vandervelde, a. a. O.).

[271] So Anseele, a. a. O.; ähnl. Vandervelde (gemäß N. Z. Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5. 02, cit. bei Bourdeau, p. 430.

[272] Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf: mangelnde Organisation (so z. B. Zetkin [vgl. Vorwärts, 23./8. 05], welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung (vgl. Bernstein, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl. Kautsky, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster Gewaltlosigkeit (vgl. Zetkin a. a. O.; Luxemburg, "Das belgische Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl. Mehring, "Ein dunkler Maitag"; Kautsky, "Die Soziale Revolution" I; Luxemburg a. a. O.; Zetkin a. a. O.) — In der internationalen Sozialdemokratie entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg. Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit; bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl. der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4. 02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5 000 Mk. schickte (Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). — Die belgische Arbeiterschaft scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus zuversichtlich gezeigt zu haben, wie es Vandervelde ("Die belgischen Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z. B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus überflüssig gewesen (vgl. Vandervelde, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02; Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik"; Vandervelde, "Nochmals das belgische Experiment"; Luxemburg, "Und zum dritten Mal das belgische Experiment"; David, "Die Eroberung der politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen Bureau, cit. bei Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3; Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)

Das Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U. ein.[273] Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er "zündete nicht, er blieb Parteisache".[274] Je kühler die Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz überlegner Machtmittel,[275] die Kenntnis der Unzulänglichkeit der proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893 getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen.